Wer nicht hören will, darf sehen

Das Kölner Festival Acht Brücken in Video-Streams zum Thema „Comic“


(nmz) -
„Man sieht etwas anderes, wenn man hört, und man hört etwas anderes, wenn man sieht.“ Auf diese griffige Formel brachte der französische Komponist und Regisseur Michel Chion die Wechselwirkung von Sehen und Hören. Dies setzt Maßstäbe für Verbindungen von Bild und Ton. Beide Dimensionen sollen nicht bloß parallel laufen, bezugslos bleiben oder sich wie beim Mickey Mousing verdoppeln, sondern wechselseitig kommentieren, komplettieren, kontrapunktieren, konterkarieren …
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Das im letzten Jahr pandemiebedingt ausgefallene Festival Acht Brücken | Musik für Köln durfte 2021 erneut nicht mit Live-Publikum stattfinden. Über zwei Wochen verteilt wurden daher 27 Produktionen ins Internet verlagert und 13 Uraufführungen als Ursendungen realisiert. Das Thema „Comic“ erwies sich dabei als Glücksfall. Denn der Fokus auf Neue Musik mit Graphic Novels, Live-Zeichnungen, Stumm-, Animations- und Musikfilmen begünstigte audiovisuelle Projekte statt bloß abgefilmter Konzerte. Das einmalige Hier und Jetzt der Aufführungen sowie die lebendige Interaktion von Musikschaffenden und Publikum gingen zwar verloren. Doch boten die von den Ensembles mit individuellen Konzepten und Mitteln produzierten Streams eine besondere optische Ansprache, technische Varianz, zeitliche Flexibilität und globale Verfügbarkeit. Die kostenfreien Ausstrahlungen sind sechzig Tage lang über die Mediathek der Kölner Philharmonie abrufbar.

Fulminant eröffnet wurde die Serie von einem rasanten Kameraflug per Drohne über holländische Tulpenfelder mitten hinein in eine Lagerhalle, in der dann die Aufnahme von Richard Ayresʼ „The Garden“ (2019/2020) mit dem Ensemble Asko|Schönberg unter Leitung von Ed Spanjaard entstand. Das einstündige Monodram erzählt in elf Episoden die absurde Story eines Mannes, der immer tiefer ein Loch gräbt und dabei auf Wurm, Soldat, Fossil, Fabelwesen und Dantes Inferno stößt, um vom innersten Höllenkreis schließlich die Rückreise immer höher über Baumwipfel und Wolken hinaus „al paradiso“ zu nehmen. Die Textcollage aus Dante, Shakespeare, Leopardi und Poe vertonte der britische Komponist als grellen Mix aus Monteverdi, Carmina Burana, Klassik, Rock, Pop, Noise, Techno, Dreigroschensong, Film- und Minimalmusik. Der australische Bassbariton Karl Huml verkörperte sämtliche Rollen mit virtuosen Farb- Stil- und Registerwechseln. Ständig hin und her geblendet wurde auch zwischen dem Videobild des Ensembles und den Visuals von Martha Colburn, deren Tricktechnik auch Vögel, Insekten sowie kleine Störeffekte über den heimischen Bildschirm flattern ließ.

Gehaltvolle Szenarien

Als Uraufführung von Ayres präsentierte das Ensemble Musikfabrik unter Leitung von Elena Schwarz „Strand“ mit dazu gehörigem Trickfilm von Paul Berritt. In Gestalt marionettenhafter Gliederpuppen tummeln sich Mann und Frau am Strand, raffen sich auch ungelenk zu Tanz, Jogging und Wrestling auf. Ganz in ihrem Element zeigen sich die übergewichtigen Leiber jedoch erst bei einer wilden Fressorgie mit reichlich Hotdogs, Donuts, Ice Cream und gegenseitigem Beschuss durch Ketchup und Majo. Das lustvolle Vorspiel führt endlich zum wirbelnden Liebesspiel, mit der Folge, dass plötzlich hunderte kleine Menschlein den Beach belegen. Hätte man doch verhütet! Gegenüber der geschäftigen Groteske sank Ayres’ ebenso aktionistischer U- und E-Stilmix zu Meereshintergrundrauschen ab: Wer zu viel zu Sehen gibt, lässt eben weniger hören! Auch die vom jungen Kölner ÉRMA Ensemble ausgezeichnet gespielten Stücke von Fausto Romitelli, Unsuk Chin und George Crumb wurden mit Visuellem überfahren, das mit der Musik allesamt nichts zu tun hatte. Regisseurin Margarita Gerogianni versah das Konzert mit Tänzerin und Tänzer, die an ihren Körpern mit roten Luftballons wie mit riesiger Vagina beziehungsweise meterlangem Penis spielten und sich gegenseitig agitierten. Dazu ließ Graphic Artist Nando von Arb schlaff hängende Zucchiniformen plötzlich steil aufragen und an der Spitze palmwedelartig erblühen: zum Fremdschämen!

Von Anthony Cheung und Nina Šenk stammten zwei neue Musiken zu dem bei der Berlinale 2020 vorgestellten Schwarz-Weiß-Stummfilm „Stump the Guesser“ der kanadischen Regisseure Guy Maddin, Evan und Galen Johnson. Der Film im Stil der 1920er Jahre zeigt einen Schausteller, dessen sagenhafte Ratekünste das Publikum auf die Probe stellt: Wie viele Fische hat jemand unter dem Mantel versteckt? Die hellseherischen Fähigkeiten verlassen „Stump den Rater“ erst, als seine verloren geglaubte Schwes­ter mit geschlossenen Augen von ihm deren Farbe wissen möchte. Da blitzt erstmalig rot das Signal „Wrong!“ auf. Die eindrücklichen Bilder, Schnitte, Blenden und Perspektiven des vielschichtigen Films sah man gerne ein zweites Mal, zumal in Erwartung einer ganz anderen Filmmusik. Doch die beiden Kompositionen zeigten wenig Eigenart. Ihre allzu ähnlich aufgekratzte Motorik folgte zu sklavisch den Mustern, Szenen und Tempi des Films, dessen Wahrnehmung sie folglich kaum beeinflussten. Allzu enge Bild-Ton-Beziehungen knüpfte auch das Living Cartoon Duet, das zu alten Zeichentrickfilmen Live-Soundtracks mittels Klavier, Stimme und analoger Hörspieltrickkiste generierte. Dagegen verselbständigte Nicole Lizée in ihren „Lynch Études“ kurze Audio- und Video-Samples aus Filmen von David Lynch. Ein isoliertes Lachen, Stampfen, Sprechen, Zittern oder Tanzen setzte Pianistin Malgorzata Walentynowicz dann als tonalen Loop fort. Analoge Etüden schrieb die kanadische Komponistin auch zu Filmen von Hitchcock, Kubrick, Tarantino und Scorsese.

In Annesley Blacks uraufgeführtem „Smooche de la Rooche II“ hatten drei „athletisch begabte Schlagzeuger“ rhythmisch exakt mit Seilen zu springen, wirbeln, schlagen sowie mit Füßen zu stampfen, was mit wachsender Anstrengung ihren mikrofonierten Atem stärker werden ließ. Sicht- und Hörbares bildeten folglich eine konkret physische Einheit. Bei Jennifer Walshes „meanwhile, back at the ranch“ agierte das Stuttgarter ensemble ascolta indes wie auf dem Bauernhof mit Quaken, Grunzen, Muhen, Furzen. Statt Noten folgten die Musiker einem „Image Controller“, der Comic-Bilder projizierte: kreischendes Mädchen, Cowboy-Schießerei, einen vor Entsetzen geschüttelten Donald Duck sowie neugierig die Köpfe nach einer Melodie „Tü-Tü-Tüdel“ reckende Schlangen, wozu Cellist und Gitarrist prompt in wilden Schlangenlinien glissandierten. Dann säuselte das Cello zum Kuss eines Liebespaars, imitierte die Posaune das „Tatütata“ eines Polizeiwagens, und hob plötzlich ein Auto „Whoosh“ mit eben solchem Instrumentalklang von der Fahrbahn ab. Die Ikonographie von Comics wurde in Klänge übersetzt: Statt Malen nach Zahlen, Spielen nach Bildern. Eine andere Variante war Malen nach Tönen. Mehrere Illustrationen entstanden zu Aufnahmen von Stücken, die dann auch in Konzertstreams zu erleben waren. Ganz alleine in der menschenleeren Kölner Philharmonie skizzierte der Düsseldorfer Zeichner Jurek Malottke auf seinem Tablet-Computer eine Gruppe von Menschen mit zeittypischer Mundnasenbedeckung und Smartphone-hantierend beim Warten an der Bushaltestelle. Erst später malte er im Hintergrund ein heranrasendes Auto – eine Giraffe am Steuer, ein Elefant als Beifahrer –, vor dem Menschen zur Seite flüchteten oder bereits weggeschleudert wurden. Die Eigenzeit des Zeichenvorgangs entfaltete auch eine eigene Dramaturgie, hatte dann aber als Ergebnis lediglich eine motivische Anlehnung an den Titel des unterdessen abgespielten Stücks „Professor Bad Trip“ von Fausto Romitelli zur Folge. Dieser dreiteilige Zyklus – im Jahr 2000 seinerseits durch Comics inspiriert – wurde dann zwei Tage später vom Ensemble Modern unter Leitung von Bas Wiegers gestreamt. Die Musik torkelt wie im Drogenrausch zwischen schroffen Härten, chilligen Gefilden und düsteren Klangwolken. Surreale Traumlogik driftet von einer Situation zur nächsten. Das konnte man durchaus als bewusstseinserweiternd erleben, da alle obsessiven Loops, furiosen Cellosoli und psychedelischen Verzerrerattacken zweier E-Gitarren gleich gegenwärtig, nah und direkt erschienen. Erst am Ende verfliegt die halluzinogene Wirkung und hinterlässt der Horrortrip den erregten Herzschlag einer Bassdrum.

Zwischen Polystilistik und Mashup

Salvatore Sciarrinos Zyklus „Quaderno di strada“ gestaltete Bariton Miljenko Turk mit einem höchst flexiblen Kontinuum aus Rezitation, Sprechgesang und Belcanto. Den kurzen Notizen, Graffitis, Zeitungsartikeln und Briefausschnitten der zwölf Miniaturen entspricht ein ebenso reduziertes Tonmaterial, das ständig rhythmisch, artikulatorisch sowie durch kleine Dehnungen, Glissandi, Triller und Akzentverschiebungen variiert wird. Dazu hatte zuvor der österreichische Illustrator Lukas Kummer mit dicken Filzstiften die Konturen von Haus, Bäumen, Comic-Wolf und weiteren Cartoon-Figuren leicht versetzt in Schwarz, Rot und Blau gezeichnet, so dass ähnlich verwackelte Strukturen wie bei Sciarrinos Variantenbildungen entstanden. Von den nach und nach über das Papier gezogenen Strichen und Linien gebannt, überhörte man dabei jedoch glatt den gestischen Nuancenreichtum der hoch differenzierten Vokal- und Instrumentallinien.

Die Graphic-Novel „Ernst Busch – der letzte Prolet“ von Sophia Hirsch mit gesprochenen Texten von Jochen Voit und Musik von Gordon Kampe begann mit Variationen über das berühmte „Solidaritätslied“. Doch statt um „Eisler-Material“ wie einst bei Heiner Goebbels handelte es sich vor allem um Busch-Material, mit für den aus Kiel stammenden Arbeiter geschriebenen Songs und lakonisch erzählten Lebensstationen. Der ab 1927 in Berlin berühmt gewordene Sänger, Schauspieler, Sozialist und Antifaschist fand in Tenor Justin Caulley jedoch leider nur einen blassen Stellvertreter. Stimmlich und inszenatorisch gelungen war die Produktion der Kinderoper „Jakub Flügelbunt“ des Stadttheaters Aachen. Drei Jahreszeiten-Szenen erzählen von einem Singvogel, der im Frühling flügge wird, sich übermütig den Flügel bricht, während des Sommers als Laufvogel reüssiert und in den Stimmbruch gerät, bis er im Herbst dank einer Freundin dann doch noch mit den anderen Vögeln nach Süden ziehen kann. Die 2011 an der Semperoper Dresden uraufgeführte Musik von Miroslav Srnka verkörpert zentrale Momente des Geschehens lyrisch verdichtet durch beredte Sprachrhythmen, Klanggesten, Farben, Tempi sowie Vogel- und Tierlaute.

Auffallend zahlreich bei den diesjährigen Kölner Acht Brücken waren Werke von Komponisten – neben bereits genannten auch Heiner Goebbels, David Lang, John Adams, Bernd Richard Deutsch und John Zorn –, die verschiedene Stile, Genres und Epochen meist temporeich und unterhaltsam vermischten. Die ständigen Wechsel und abrupten Schnitte förderten assoziatives Hören wie bei Cartoons von Bild zu Bild, was zweifellos zum Thema „Comic“ passte. Doch das ständige Zappen zwischen den Stilen wurde auch erwartbar, so dass sich Überraschungseffekte verbrauchten und über längere Abschnitte statt Spannung eher Kurzatmigkeit einstellte. Polystilistik bestimmte schließlich auch das Konzert des Wiener Studio Dan. John Zorn lässt in „Cat O’Nine Tails“ von 1988 das Streichquartett wahlweise lautmalerisch miauen, tapsen, keifen, schnurren oder Zitate von Folk, Klassik, Salon- und Zirkusmusik anstimmen. Der Reigen erscheint bunt und anarchisch, gehorcht aber einer streng disziplinierten Reihenfolge wie beim Arzt: Queue up, der Nächste bitte! Die Kölner Komponistin Oxana Omelchuk verwendete in ihrem uraufgeführten „Holy…!“ Teile aus Soundtracks der ersten Fernsehserie „Batman“ von 1966: Lachen, Quietschen, Faustschläge, Wortwechsel. Das Ensemble spielte dazu eine mit Beats, Loops, E-Bass und Drum Set quirlig-rockige Musik. Und was man hier beim Hören sah, blieb jedem selbst überlassen.

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