Wie stark ist nicht dein Zauberton?

Kompositionspädagogik, neu gesehen von Thomas Taxus Beck


(nmz) -
Es war einmal im Jahre 1817, als Ignaz von Seyfritz, der als Teenager die Uraufführung der Zauberflöte miterleben durfte, die sogenannte „Bruchtheorie“ zum Spätwerk eines 35-jährigen Tonschöpfers in die Welt setzte: Mozart und Schikaneder hätten mitten im Produktionsprozess ihre Pläne umgeworfen und urplötzlich die Handlung in das freimaurerische Ägypten verlegt. Aus der treusorgenden Mutter wurde dann eine Rachehexe und der finstere Sarastro wandelte sich zum Gutmenschen. Was hat diese Bruch­theorie mit einem Buch „Praxisschock Kompositionspädagogik“ zu tun, das im nüchternen Untertitel „Sachdienliche Hinweise für Schule und Musikschule verspricht“?
Ein Artikel von Jürgen Oberschmidt

Solch eine Bruchtheorie lässt sich auch hinter dem hier vorliegenden Libretto vermuten, das zunächst einmal davon zu handeln scheint, dass ein Komponist nicht mehr schöpfen kann, weil sein Kühlschrank leer bleibt und es ihm zum Fas­tenbrechen in die Schule treibt.

Amüsant zu lesen ist dieser erste Akt, schließlich besitzt der Autor genügend Selbstironie, wenn er die „Nebentätigkeiten“ eines zeitgenössischen Komponisten beschreibt, der seine ganze Kraft dafür einsetzen muss, um die Mysterien eines Notationsprogrammes zu verstehen: „In der Zeit, in der er das Setzen eines Glissandos erlernt, haben andere früher eine ganze Ouvertüre geschrieben!“ (S. 20). Das irdische Jammertal hat ihn endgültig eingeholt, wenn das komplexe Verhältnis von „Brot, Neue Musik und Spiele“ (S. 22) behandelt wird und auch hier der „Komponierende“ im Vergleich zum „Fußballernden“ (S. 21) zwar nicht intellektuell aber finanziell den Kürzeren zieht. Leise klingt das E-Dur der Zauberflöte an, wenn aus der Dunkelkammer des eigenen Prekariats ein heller Schein von Sarastros (Hochschul-)Welt aufscheint: Der Traum vom ersten Schritt auf einer Karriereleiter, „deren Ende man als goldumflortes ‚W-Drei‘ erahnt: Komponist im Staatsdienst. Verbeamtet! Ein Gott. Schon sieht man sich gedankenumwittert durch die heiligen Hallen schweben, huldvoll herabnickend und gnädig Audienzen gewährend“ (S. 28f.). Doch wenn dieser Musenhimmel fernbleibt, gilt es anderswo sich durchzuschlagen, um Kunst machen zu können: „auf dem Bau, unter Tage, an Schulen und Musikschulen“ (S.10). Eine Steigerung vom Schwachen zum starken Ausdruck nannten die komponierenden Absolventen von protestantischen Lateinschulen früher auch „Klimax“. Hier ist es eher ein Anti-Klimax, ein Abstieg von der ägyptischen Hochkultur über das Baugewerbe in die Niederungen schulischer Leere: In den Musikschulen ist Komposition kein Haupt-, sondern ein Ergänzungsfach: „Während das Erlernen zum Drücken von Tasten zum Erreichen einer möglichst fehlerfreien Wiedergabe von komponierter Musik als Hauptfachtätigkeit angesehen wird, gilt das Erlernen des Herstellens eben dieser Musik als Ergänzung. Mozart: ein Ergänzer. Beethoven auch“ (S. 55). Noch finsterer sieht es im Untertagebau an den allgemeinbildenden Schulen aus, wo man in täglichen Feuer- und Wasserproben auf eine „schlafende“, „gigggelnde“, „gähnende“ (S. 135) Schülerschaft trifft. Gepflegt werden hier die Künste der Ironie und des Sarkasmus, wenn die „Verhaltensauffälligkeiten“ des Bühnenpersonals, eben der schulischen Teampartner“ beschrieben werden (S. 104).

Im zweiten Akt verlässt der Autor „das Gebiet der pauschalen Unterstellungen“ (S. 112) und das Komponieren in der Schule entfaltet sein ganzes Potenzial: „Wie stark ist nicht dein Zauberton, // Weil, holde Flöte, durch dein Spielen // Selbst wilde Tiere Freude fühlen.“ Hier greift die Bruchtheorie, deren Gültigkeit schließlich nur für die Zauberflöte widerlegt wurde. (Gilt es hier, den Leser mit seinen Vermutungen dort abzuholen, wo er steht und ihm Möglichkeitsräume zu zeigen, die sich der Autor selbst geöffnet hat?) Es folgt ein radikaler Perspektiv­wechsel, der Weg durch Nacht zum Licht, eine Wandlung vom profanen Komponisten zum gestandenen Pädagogen, der einen Parcours von Prüfungen und Erfahrungen durchlaufen muss, die ihn zum Eingeweihten formen, Einlass gewähren und zugleich seine Eignung in ungewohnter Umgebung testen. Ziel solch einer Passage, der Tempel des Glücks, ist die Schule: „Was für wunderbare Orte sind doch Musikschulen und Schulen, wie beglückend ist die Arbeit mit jungen Menschen, mit Kolleginnen und Kollegen, die sich ihrer Verantwortung voll bewusst sind und […] um Bildungserfolge kämpfen“ (S. 111). Aus der komödiantischen Sammlung von Bonmots im ersten Akt wird hier endgültig eine Opera seria, und wie bei der Zauberflöte lässt sich auch hier sagen, dass dieser Perspektivwechsel von Anfang an angelegt war: Wie führt man eine Klasse an das Hören einer für sie ungewohnten Musik heran? Wie entfacht man jene magischen Momente, in denen die Schülerinnen und Schüler ihre eigene Sprache finden und Neue Musik zu ihrem Anliegen machen? Hier wird deutlich, dass der Autor seine Feuer- und Wasserproben längst bestanden hat. So wertvolle Hinweise, Anregungen und Impulse für Kompositionsprojekte kann nur geben, wer eigene Erfahrungen einbringen kann. Und dies geschieht hier nicht durch ein Rezeptbuch, sondern in Form einer Kochschule: „Dass die Schüler an Ihren Lippen hängen wie Spaghetti, dass sie auf die Pause verzichten oder zum Abschluss der Einheiten klatschen. Neunte Klasse, Realschule! Zwölfte Klasse, Gesamtschule! Ja, Sie können diesen Flow erzeugen, diese Mischung aus Faszination, Neugier und Aufregung. Sie können dieses Gefühl vermitteln, Neuland zu betreten, und im wahrsten Sinne des Wortes, ‚Unerhörtem‘ zu begegnen.“ (S. 135).

Mögen nun viele Leser solch einem Aufruf Folge leisten, die Freude des Rezensenten beim Lesen teilen und sich selbst in solche Kompositionsprojekte einbringen. Sei es in Form der hier beschriebenen Vermittlungsarbeit oder indem sie die felsige Gegend der Komponisten ganz verlassen, um im Tempel der allgemeinbildenden Schule dauerhaft ihr (berufliches) Glück zu finden. (Steckt nicht in jedem Lehrer ein bisschen Komponist?)

  • Thomas Taxus Beck: Ein Dreiklang ist kein Wald oder: Praxisschock Kompositionspädagogik? Sachdienliche Hinweise für Schule und Musikschule, ConBrio, Regensburg 2020, 264 S., € 29,90, ISBN 978-3-940768-92-6

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