„Wir sind keine Handelsware“

Orchesterkonferenz der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) tagte in Mainz


(nmz) -
Beethovens „Ode an die Freude“ mal etwas anders: statt „Freude, schöner Götterfunken“ hieß es Anfang Mai zum Auftakt der „Orchesterkonferenz“ der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) lautstark vor dem kurfürstlichen Schloss zu Mainz: „Wir sind keine Handelsware!“ Das genau aber könnte den bundesdeutschen Kultur- und Rundfunkorchestern passieren, je nach Ausgang der laufenden Verhandlungen über die in der Öffentlichkeit inzwischen höchst umstrittenen Freihandelsabkommen wie TTIP, TiSa und Co.
Ein Artikel von Christoph Schulte im Walde

Rund 130 Musikerinnen und Musiker aus diversen Orchestern verliehen mit der medienwirksamen Beethoven/Schiller-Umdichtung ihrer Sorge Ausdruck, die gewachsene deutsche (und europäische) Kulturlandschaft könne in Gefahr geraten, wenn Investorenschutz, private (!) Schiedsgerichte und was sonst noch alles zu der sogenannten Liberalisierung der Handelsbeziehungen zwischen den Kontinenten gehört, schon bald greift. Womöglich auch in das hinein, was die UNESCO im letzten Jahr als immaterielles nationales Kulturerbe auf ihre Liste gesetzt hat: eben jene Kulturlandschaft.

In Referaten und Podiumsdiskussionen ging es bei der „Orchesterkonferenz“ um die Rahmenbedingungen, unter denen Theater und Orchester zukünftig zu arbeiten haben. Transnationale Handelsabkommen sind das eine, öffentliche Subventionen und deren Abschmelzen das andere, was hinsichtlich zunehmend klammer werdender Kommunen an die Substanz der Orchester geht. Einmal mehr wurde gefordert, die Kultur nicht länger als „freiwillige“ (und damit am ehesten disponible) Leistung zu betrachten, sondern sie als Pflichtaufgabe zu definieren und nicht zuletzt als Staatsziel in die Verfassung aufzunehmen, wofür bereits der ehemalige Kulturstaatsminister Bernd Naumann schon vor Jahren plädiert hat. „Muss der Bund nicht mehr tun?“ lautete bei der Mainzer Konferenz mehr als einmal die Frage. Angesichts steigender Steuereinnahmen… der Bund könnte! Vor allem im Osten Deutschlands, in dem es besonders prekär aussieht. Ein Musikfonds des Bundes sei denkbar, auch die Bereitstellung eines Teils der Mehrwertsteuer-Einnahmen, die den Kommunen zweckbestimmt zuflössen.

Dezidiert ging es bei der von rund 200 Teilnehmern frequentierten „Orchesterkonferenz“ - von der DOV unter das Motto „Innovation & Perspektive“ gestellt – auch um die Klangkörper des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, um deren verstärkten Einsatz vorhandener Ressourcen wie Youtube, Live-Streams und parallel dazu verlaufenden Chats. Chancen, die vor allem dem Nutzungsverhalten einer Generation gerecht würde, die bald nicht mehr weiß, was ein Radio ist. Musik „on demand“, wann und wo immer man gerade will.

Keine Frage: ein überwiegender Teil der deutschen Kulturorchester hat die Zeichen der Zeit längst erkannt. Multimediale und – noch ein anderes Thema - interkulturelle Angebote gehören zum selbstverständlich gewordenen Portfolio, Education-Projekte gibt es en masse und werden auch eifrig in Anspruch genommen, wie eine ganze Reihe der Delegierten der „Orchesterkonferenz“ in Mainz berichteten. Also ein gehöriges Pfund, mit dem das „Kulturerbe“ durchaus wuchern kann und seinem nicht zu unterschätzenden Bildungsauftrag in so vielfältiger Weise gerecht wird.

Sie, die Orchester und deren Funktionäre dürften allerdings noch deutlich offensiver und mit größerem Selbstbewusstsein mitten hinein in die Gesellschaft gehen mit dem, was sie an lebenswichtiger Basisarbeit täglich leisten. Und sie müssen flächendeckend für das sorgen, was punktuell oft schon gut funktioniert: für den direkten Kontakt zu den politischen Entscheidungsträgern vor Ort. Die gehören inzwischen oft einer Generation an, von der nicht mehr selbstverständlich auszugehen ist, mit dem groß geworden zu sein, was man als „klassische“ Kultur bezeichnet. Sie dennoch zu gewinnen, um finanziell zu sichern, was in Chören und Orchestern an Arbeit steckt – dazu braucht es rhetorisch gewandte und überzeugende Fürsprecher, die den Kulturpolitikern auf kommunaler, landes- und bundespolitischer Ebene auf Augenhöhe begegnen. Ein Feld, das die DOV durchaus noch reichlich beackern kann.

Traditionell verlieh die DOV den „Hermann-Voss-Kulturpreis“, der diesmal an die Deutsche UNESCO-Kommission ging - ihrer Verdienste bei der Anerkennung der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft als immaterielles Kulturerbe 2014 wegen. Mit einem Sonderpreis wurde Barbara Lambrecht-Schadeberg für ihr langjähriges persönliches Engagement in Form diverser Stiftungen im Landkreis Siegen-Wittgenstein bedacht.

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