Wohin steuert das Amateur- und Breitenmusizieren?

Oder: Musikpflege und gesellschaftlicher Wandel


(nmz) -
Der Berufsstand der Musikpädagogen, ob angestellt oder freiberuflich, sieht sich gegenwärtig vielerlei Hürden gegenüber; Stichworte sind etwa G 8, Ganztagsschule, die Digitalisierung mit geändertem Freizeitverhalten der Schüler, die häufig unzureichende Bezahlung von Musiklehrern, ein notorischer Stellenmangel an öffentlichen Musikschulen oder auch jüngst die Diskussion über eine eventuelle Umsatzsteuerpflicht.
Ein Artikel von Daniel Hennings

Allerdings gibt es ein weiteres Problemfeld, das meines Erachtens noch viel umfassender ist und sich langfristig verheerend auf unser Musik-Musterland Deutschland (dessen Markenzeichen ein weit ausstrahlendes Breitenmusizieren ist!) auswirken wird. Es ist dies ein Umstand, der wohl fast jedem Musiklehrer gut bekannt sein dürfte, über den aber anhand meiner Be­obachtungen viel zu wenig oder kaum gesprochen wird: und zwar sind das die im Laufe der zurückliegenden Jahre und Jahrzehnte massiv nachgelassenen Leistungen der meisten Musikschüler hinsichtlich häuslichem Üben und Fortschritten am Instrument1. Das be­obachte ich nicht nur bei meinen Schülern (seit 2005 bin ich freiberuflicher Musiklehrer für Klavier und Akkordeon), sondern habe auf Nachfrage Entsprechendes auch aus dem weiteren kollegialen Umfeld vernommen.

Einige Aussagen zusammengefasst:
• Auch an städtischen Musikschulen geht die Nachfrage nach Instrumentalunterricht zurück, Wartelisten schrumpfen oder sind zum Teil gar nicht mehr vorhanden; Lehrerdeputate müssen sogar gekürzt werden.
• Ein Kollege berichtet, in den 1990erJahren eine äußerst leistungsfähige Gruppe jugendlicher Klavierschüler gehabt zu haben, mit denen jährliche Arbeitsphasen und Konzerte veranstaltet wurden und die die gängige Konzertliteratur beherrschten; seine heutige Schülersituation ist weit von solchen wünschenswerten Zuständen entfernt.
• Der Autor dieses Beitrages war bis Anfang der 2000er-Jahre selbst Akkordeonschüler an einer öffentlichen Musikschule und gehörte zu einer gleichfalls leistungsbereiten Akkordeon Schülergruppe, die regelmäßig an Wettbewerben teilnahm und Erfolge erzielte. Später nachrückende Schüler wiesen nicht mehr dieses Leistungsniveau auf.
• Mehrere Kollegen beziffern denjenigen Anteil ihrer Schüler, die künstlerisch gesehen wirkliche Fortschritte machen und Ambitionen haben, auf nur etwa 10 bis maximal 20  Prozent ihrer Schülerschaft.
• Die Instrumentalschüler nehmen heute zwar über dieselbe Zeitspanne hinweg Unterricht, erreichen aber etwa im Vergleich zu den 1990er-Jahren ein deutlich schlechteres Endniveau, wenn sie den Unterricht nach einigen Jahren beenden.

Mit Blick auf den Niveauabfall muss man sich nur Klavierschulen für Kinder ansehen, die aktuell erscheinen, und welche, die vor 20 oder 30 Jahren erschienen sind: Es ist eine kontinuierlich sich verlangsamende Progression (und zum Teil auch eine übertriebene Infantilisierung der Inhalte) festzustellen. Fragt man in Musikgeschäften bei langjährig tätigen Verkäufern nach, hört man meist, dass der erste Band einer Schule noch relativ oft verkauft wird, aber die Folgebände immer weiter sinkende Verkaufszahlen aufweisen. Sogenannte „ältere“ Klavierschulen, etwa Fritz Emonts, Alexander Burkhard, Ferdinand Beyer oder gar Carl Czerny haben es heute extrem schwer, Käufer zu finden. Klavierschulen mögen zwar „nur“ Produkte sein, sind aber stets ein Spiegel des Klavierspielniveaus in ihrer Zeit. Sicher: Es gibt immer noch genügend jugendliche Spitzenmusiker, „Jugend musiziert“ beweist es uns jährlich, und innerhalb einer gewissen Spitzengruppe haben wir heute bei Jugendlichen dermaßen hohe Leistungen, die vor zwei Jahrzehnten frühestens Musikstudenten gehabt haben; die wachsende Zahl von zum JuMu-Bundeswettbewerb zugelassenen Teilnehmern zeigt dies. Andererseits haben in den zurückliegenden Jahren bei den Regionalwettbewerben, besonders auch in den mittleren Altersgruppen, die Teilnehmerzahlen deutlich abgenommen: Das bestätigen etwa Aussagen von Ulrich Rademacher, JuMu-Bundesjuryvorsitzender; der Musik­rat Sachsen-Anhalt beklagt Rückgänge um 20 Prozent bei den Regionalwettbewerben, der Musik­rat Sachsen dagegen Rückgänge bei den Landeswettbewerben2. „Jugend musiziert“ in Hannover konstatierte 2013 einen Rückgang der Zahl teilnehmender Solisten, stattdessen würden mehr Ensembles gemeldet3. Aus meinem Kollegenumfeld erwähnte ein Kollege, dass bei „Jugend musiziert“ weniger die guten Schüler, aber inzwischen mehr die schwächeren, weniger leistungsorientierten Schüler wegblieben, die früher noch zu einer Teilnahme bereit waren. Das belegt auch die oben genannte Tendenz hin zu musikalischer Spitze und zur Ausdünnung der musikalischen Breite. Ein Teilnehmerrückgang bei den Regional- und Landeswettbewerben verweist jedenfalls gleich einem Seismographen darauf, dass es um das Breitenmusizieren immer schlechter bestellt ist, und das ist eine langfristige Gefahr: Ohne musikalische Breite gibt es auch die repräsentative Spitze irgendwann nicht mehr! Der Leistungseinbruch der Musikschüler lässt sich natürlich insbesondere in den letzten zehn Jahren beobachten. Was geschah damals? – Richtig: Apples iPhone und in rascher Folge andere Smartphones kamen nach 2008 auf den Markt, eroberten Kinder und Jugendliche im Sturm und führten durch die verführerischen Möglichkeiten permanenter (und zeit- und energieraubender) Zerstreuung recht bald auch zu Einbrüchen bei den Fortschritten am Instrument. Es soll hier aber nicht um Smartphone-Bashing gehen, immerhin haben diese Geräte ja auch einige Vorteile und sind daher nicht mehr wegzudiskutieren, aber sie haben zusammen mit der schon oft thematisierten ganztagsschulbedingten beziehungsweise G 8-bedingten Schulzeitverdichtung zu schwerwiegenden Konsequenzen in puncto instrumentalem Lernen geführt.

Eine weitere Ursache, dass das Gros der Musikschüler zu geringe Leistungen erbringt und zu wenig übt (oder üben kann), liegt darüber hinaus am gesellschaftlichen Wandel und in erster Linie dem heute veränderten Verhalten der Eltern. Die Eltern der Musikschüler spielen – das wird, glaube ich, viel zu oft nicht hinreichend bedacht – eine absolute Schlüsselrolle im Erfolg eines Instrumentalunterrichts.
Schwierigkeiten sind hier:
a) wirtschaftliche Gegebenheiten in den Elternhäusern: In zunehmend mehr Haushalten sind beide Elternteile berufstätig, sodass durch fehlende oder eingeschränkte Anwesenheit eines Elternteils am Nachmittag die Möglichkeit fehlt, die Kinder im Lernen und Üben ihres Instruments zu unterstützen oder darauf zu achten, dass das Üben überhaupt erfolgt.
b) Spaßorientierung: Zunehmend mehr Eltern, besonders auch nicht selbst musizierende, betrachten das Instrumentallernen als eine Sache, die ohne Leistungsanspruch vor allem Spaß machen soll. Zum einen ist das Ausdruck des heute oftmals praktizierten – und nicht immer optimalen – Erziehungsstils im Sinne eines „Laissez-faire“, zum anderen wird von den Eltern völlig verkannt, dass das Erlernen eines Instruments immer bedeutet, dass der Spaß vor allem im Laufe des weiteren Lernwegs erst die Folge von Leistung/Üben ist und nicht umgekehrt.
c) Leistungsbegriff: Etwa im Grundschulbereich werden heute an die Kinder geringere Anforderungen gestellt als noch vor 15 oder 20 Jahren, was sich auch daran zeigt, dass zunehmend mehr Grundschulkinder zwar mit elementaren Lerninhalten Probleme haben, aber bei ihnen dennoch auch das Gefühl entsteht, nicht überfordert zu werden. Helikopter-Eltern, die ihrem Nachwuchs jedes Hindernis sofort aus dem Weg räumen, verstärken dies noch. Die Entwicklung eines gesunden Ehrgeizes wird dadurch aber behindert. Erlernen solche Kinder dann ein Musikinstrument, werden sie besonders stark damit konfrontiert, wie es sich anfühlt, etwas nicht zu können, dass etwas schwierig ist, dass man es sich wirklich ganz von Grund auf erarbeiten muss und dass es ohne Fleiß nicht geht. So eine Erfahrung ist abschreckend und zerstört die intrinsische Motivation.
d) Alltagsverdichtung in vielen Familien: Vor allem die materiellen Ansprüche in vielen Familien sind heute deutlich höher als in früheren Jahrzehnten. Das ist zwar Ausdruck eines immer weiter steigenden Lebensstandards, bringt es aber auch mit sich, weitaus mehr Zeit (und Nerven) auf die Alltagsbewältigung und -organisation verwenden zu müssen. In diese Prozesse sind auch oft die Kinder mit eingebunden. Ideelle Ziele, etwa künstlerisch-musikalische beziehungsweise allgemein musisch-intellektuelle, geraten dabei automatisch ins Hintertreffen.
e) privater Musikkonsum/Hausmusik: Die einst in vielen Haushalten anzutreffende Tonträgersammlung auch mit klassischer Musik, sie existiert kaum noch. Durch digitale Medien könnte zwar viel mehr Musik als früher gehört werden, aber durch die Fülle der Möglichkeiten wird Musik gerade sehr selektiv und vor allem viel weniger bewusst gehört; das trägt überdies nicht nur zu einem Bedeutungsverlust der klassischen, sondern auch zu einem massiven Qualitätsverlust der Pop- und Rockmusik bei, die zunehmend auf das selektive Hörverhalten der Nutzer abgestimmt wird und sich so selbst ihres künstlerischen Gehalts beraubt. Doch nicht nur die Klassik, auch Bands wie die Beatles oder die Rolling Stones hätten als Newcomer heute wohl keine reelle Chance mehr! Das etwa noch bis in die 1980er-Jahre recht häufige In-Kontakt-Kommen von Kindern mit klassischer Musik über häusliches Musikhören der Eltern oder auch gegebenenfalls durch das Fernsehen („Achtung Klassik!“, „Erkennen Sie die Melodie?“) findet heute nicht mehr statt. Ebenso sind Familien, in denen die Eltern selbst musizieren oder in denen gesungen wird, heute selten geworden.

Ein weiterer Punkt ist die nach wie vor sträfliche (und von der Kultuspolitik letztlich tolerierte) Vernachlässigung des Musikunterrichts an Schulen, namentlich an Grundschulen. Obschon das Kultusministerium in Stuttgart den früheren, fragwürdigen Fächerverbund „Mensch-Natur-Kultur“ gottlob wieder aufgelöst hat und Fächer wie Heimatkunde und Musik zumindest offiziell wieder eigenständige Fächer sind, krankt der Musikunterricht an Grundschulen sehr häufig am Fehlen entsprechend ausgebildeter Fachlehrer (und selbst, wenn es sie gäbe, ist noch lange nicht sichergestellt, dass diese die sinnvollen und wichtigen Inhalte des Curriculums für das Fach Musik auch wirklich umsetzen). Aufgrund der Lernprobleme, die viele Grundschüler in grundlegenden Bereichen (s.o.) haben, erscheint natürlich ein funktionierender Musikunterricht geradezu als ein (unnötiger?) Luxus, aber es hat keinen Sinn, Äpfel mit Birnen zu vergleichen! Es wäre für alle Kinder doch ein über die Maßen großer Gewinn, an Musik singend, spielend, tanzend herangeführt zu werden und unser musikalisches Erbe in spannender und interessanter Weise vermittelt zu bekommen! Dagegen kann ein oberflächlicher Musikkonsum mittels digitaler Endgeräte niemals einen tie­fergehenden Bezug zur Musik aufbauen; sie bleibt Konsumware.

Doch was kann man gegen diese übermächtig scheinenden Tendenzen und Entwicklungen tun? Wofür sollten sich der DTKV und die anderen wichtigen Musikverbände mit Nachdruck einsetzen?

Folgende zehn Lösungsansätze sollten in Betracht gezogen, diskutiert und zur Umsetzung entwickelt werden:
Voraussetzung – sozusagen Punkt 0: Die Wichtigkeit musikalischer Bildung muss bei den politischen Verantwortungsträgern ankommen. Da liegt weit mehr als früher vieles im Argen!
1.) Musik muss an Schulen, besonders auch Grundschulen, ein absolut alternativloses und fest verankertes Fach werden, das in allen Schuljahren unterrichtet werden muss, und zwar wöchentlich mindestens zweistündig! An sämtlichen Grundschulen müssen qualifizierte Musiklehrer unterrichten!
2.) Es muss viel mehr Gymnasien mit Musikzug und auch Realschulen mit Musikzug geben!
3.) Insbesondere für den Musikunterricht an Grundschulen muss das Curriculum dahingehend geändert werden, dass ein gewisser Anteil der Inhalte (zirka 30 bis 50 Prozent) die Beschäftigung mit klassischer Musik und deren Komponisten in kindgerechter Form ist, damit das musikalische Erbe im kollektiven Gedächtnis bleibt.
4.) Das Erlernen eines Instruments bei einem qualifizierten Musiklehrer – gleich ob privat, private oder öffentliche Musikschule – muss vom Schüler im Schulzeugnis geführt werden können; es kann entweder versetzungsrelevant sein (auf Wunsch des Schülers oder der Eltern) oder kann bei guten Leistungen ein Notenausgleich für eine schlechte Zeugnisnote sein. Das würde ein starker Anreiz zum Üben sein!
5.) An öffentlichen Musikschulen müssen dringend mehr Stellen geschaffen werden – wenn wir schon weniger Musikschüler haben, aber diese dann teils auf Wartelisten stehen, ist das ein absolutes Unding!
6.) Öffentliche Konzertveranstalter müssen noch viel mehr als bisher mit Schulen kooperieren, etwa moderierte Nachmittagskonzerte anbieten oder in den Schulen moderierte Konzerte veranstalten. Finanziert werden muss das über höhere öffentliche Zuschüsse der Schulen oder der Veranstalter.
7.) Die öffentlichen Zuschüsse für manche Konzertveranstalter müssen darüber hinaus deshalb erhöht werden, damit diese durch niedrigere Eintritts­preise mehr Besucher ansprechen können.
8.) Die Veranstalter sollten nicht nur Bühnenkonzerte im herkömmlichen Sinne machen, sondern noch mehr Konzerte an ungewöhnlichen Orten/mit ungewöhnlichen Konzepten darbieten, um den elitären Nimbus der Veranstaltungsart „Konzert“ zu verändern.
9.) Konzerte mit klassischer Musik sind Domäne der Städte – das muss sich ändern, auch im ländlichen Raum gibt es gute Säle, durch Zusammenarbeit in puncto Werbung zwischen Kommunen und Veranstaltern könnte man hier Akzente setzen.
10.) Die Musikindustrie und deren Sparten, die vor allem Tonträger mit klassischer Musik verkaufen, dürfen das Musikstreaming nicht weiterhin den etablierten Konzernen überlassen und müssen ihre Werbebemühungen vor allem im Internet stark ausweiten, damit sich wieder ein Interesse am häuslichen Hören von klassischer Musik entwickelt! Ob das über einen Tonträger oder über Streaming geschieht, spielt zunächst einmal keine Rolle.

1     Mit Instrumentalunterricht/Instrumentallernen ist gleichrangig auch Vokalunterricht/Vokallernen  gemeint.
2    Quelle: www.mdr.de/kultur/jugend-musiziert-…
3    Quelle: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 30.1.2013

 

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