Zaghafte Fragen nach der zukünftigen Ausrichtung

Bewegte Zeiten: Zum Europäischen Rhythmikkongress an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien


(nmz) -
Die weltweit größte Ausbildungsstätte für Rhythmik feierte im vergangenen Oktober mit einem fünftägigen europäischen Kongress ihr 50-jähriges Jubiläum. Dozenten und Masterabsolventen des Instituts Musik- und Bewegungserziehung/Rhythmik bestritten rund ein Viertel der 36 Workshops und 35 Vorträge, unterstützt von 16 Ausbildungsstätten aus Belgien, Deutschland, England, Polen, Schweden und der Schweiz. So entstand ein vielfältiges Bild der europäischen Rhythmik-landschaft, in der sich die Charakteristika der Wiener Ausbildung plastisch hervorhoben. Deren Breite ist erklärtes Ziel von Institutsleiterin Angelika Hauser-Dellefant und wurde in den zahlreichen Gratulationen anerkennend hervorgehoben und im Kongress erfahrbar gemacht.
Ein Artikel von Beate Robie

Neben Kernthemen wie Solfège oder Rhythmik traten sonder-, heil- und sozialpädagogische Themen stärker als in den letzten Kongressen hervor. Dierk Zaiser (Trossingen) stellte die Arbeit mit delinquenten Jugendlichen vor, die zur Ableistung von Arbeitsstunden verurteilt wurden und sich unter seiner Leitung in musikalisch-choreografische Performances einbrachten (www.beatstomper.de).

Andere Dozenten berichteten von Rhythmik mit Autisten oder Verhaltensauffälligen. Helga Neira-Zugasti und Herta Hirmke-Toth (Wien) boten Einblick in das Modul Sonder- und Heilpädagogik, das Wiener Studierende als eines von acht Vertiefungsmodulen wählen können. Neira-Zugasti forderte einen entwicklungsbegleitenden Unterricht, der sich flexibel an den Stand der Zielgruppe oder einzelner Teilnehmer anpasst. Um diese Fähigkeit Studierenden zu vermitteln, entwickelte sie mit dem Bildungswissenschaftler Karl Garnitschnig ein Raster mit der Abfolge der Entwicklungsschritte. Damit kann der Entwicklungsstand erkannt und der nächste Schritt angebahnt werden (DVD: Neira-Zugasti, Karl Garnitschnig: „Entwicklung beobachten, erkennen und unterstützen“, Wien Medienservice 2008). Das Ergebnis eines solchen Unterrichts zeigte Sandra Fürthauer mit der Bühnentanzgruppe II des Kultur- und Bildungsvereines „Ich bin o.k.“. Unterschiedlich behinderte Jugendliche agieren sprechend und tanzend, lassen in kleinen Sequenzen individuelle Stärken aufblühen und sind immer wieder gefordert, zur Gemeinsamkeit zurückzukehren.

Eine Neuheit stellt die Präsentation von Masterarbeiten dar. Rund 60 Arbeiten liegen bereits aus Wien vor, die sich ebenfalls durch ein breites Themenspektrum auszeichnen. Hier scheint aus dem Bolognaprozess ein Gewinn für die schriftlich-theoretische Auseinandersetzung des Faches gezogen worden zu sein (siehe www.mdw.ac.at/mbm).

Künstlerisch inspirierend wirkten drei Abende im Theater Akzent, das einen gehobenen Rahmen für die Produktionen bot. Der erste Abend konzentrierte sich auf Werke von Wiener Rhythmikabsolventen, die auch künstlerische Preisträger sind. Humor dominierte, von Persiflage und Ironie (Andrea Bold, Chris Haring) über Clownerie und Comedy (Tanja Simma) bis zu subtilem Stimm- und Sprachwitz (Hilde Kappes). Ausbildungsklassen teilnehmender Länder bestritten den zweiten Abend und zeigten einen erweiterten und professioneller werdenden Einsatz der Stimme. Mit visueller und akustischer Prägnanz stach das Rockstück „Chop suey“ heraus (Choreografie: Meike Britt Hübner), ein Stockholmer Ensemble zeigte poetische Teile einer Produktion für Kinder („Further than far“), mit der „Burlesque“ brachte Christiane Prauser gestochen scharfe Bewegungsabläufe zu elektronischer Musik.

Sehr ruhig verlief das „Wiegenlied“ von Katharina Gorczynska auf der Grundlage einer polnischen Volksweise, die „Spiele am Bach“ zur Sonate in e-Moll (J.S. Bach) wiederum weckten Reminiszenzen an heitere Filmszenen einer Landpartie. Am dritten Abend beeindruckten viele polnische Rhythmikabteilungen mit bemerkenswerten tänzerischen Leistungen. Doch die Choreografien waren gefangen in der Synchronisation von Musik und Bewegung, so dass die Darbietungen teilweise vorhersehbar wurden. Als Grundfeste jeder Rhythmikausbildung soll der Synchronisation nicht die Berechtigung abgesprochen werden, doch deren Ausschließlichkeit wird seit längerem kontrovers diskutiert. Das Trossinger Symposion 2006 machte die Mittel, die über eine Synchronisation hinausweisen, bereits erkennbar. Daran schloss Dorothea Weise (Berlin) an und analysierte die Möglichkeiten einer kontrapunktierenden Behandlung der Bewegung detailliert und übersichtlich. Erkennbar wird, dass keinesfalls Beliebigkeit entsteht, der Musikbezug wird nicht geschwächt, nur verändert. Zu wünschen wäre eine konstruktive Auseinandersetzung mit diesem Thema, beispielsweise beim nächsten Kongress in Form moderierter Gestaltungs-abende oder Workshops zum „making of“, so dass auch Studierenden die Materie erschlossen wird.

Einer Auseinandersetzung bedarf auch die dringliche Frage „Wohin wird sich die Rhythmik im europäischen Raum in zukünftigen Zeiten bewegen?“ (Ralph Illini). Sie blieb trotz erster Überlegungen unbeantwortet. Der Kongress, der 400 Teilnehmer erreichte und die europäischen Rhythmikausbildungen umfassend und mit ihren aktuellsten Themen darstellte, der für Lehrende und Studierende großartige Gelegenheiten des Kennenlernens, des Austausches und Vergleichs bot, dieser Kongress stellt nur zaghaft die Fragen nach einer Zukunftsausrichtung. Über die Präsentation von Ergebnissen hinaus wäre ein gemeinsamer Arbeitsprozess wünschenswert, der das komplexe Erscheinungsbild klärt, Essenzielles herausarbeitet und damit die Positionierung europaweit stärkt. So könnte vielleicht einmal das Hauptthema enger gefasst werden, um eine vertiefte Auseinandersetzung zu provozieren? Erfreulicherweise wurde das nächste Treffen schon von Biel (CH) angekündigt. Informativ, lehrreich, anregend, inspirierend war es bisher – dort könnte es noch spannender werden.

Informationen zur Kongressdokumentation: lahner@mdw.ac.at

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