Zeitgenössische Musik und urbaner Raum

Wie in Leipzig Heimat und Moderne inszeniert werden


(nmz) -

Als in Leipzig mehrere Kulturinstitutionen eine große „Experimentale“ verabredeten, war auch Thomas Christoph Heyde dabei und kuratierte vorbildlich ein Forum für zeitgenössische Musik in Leipzig. Das Konzept des Festivals „Heimat, Moderne“ berücksichtigt Städtebauliches. Dementsprechend findet der Veranstaltungsabend am 4. Juni im Ring-Café, der ehemaligen Begegnungsstätte eines riesigen stalinistischen Gebäudes im Zentrum, statt.

Ein Artikel von Oliver Schwerdt

Dieses aus den 50ern stammende Ambiente überrascht, die Neubelebung gelingt und erfreut. Wie viele wissen, liegt dem künstlerischen Leiter Heyde bei der Präsentation Neuer Musik die Berücksichtigung besonderer elektronischer Formen sehr am Herzen. Ihm ist es zu verdanken, dass sich Guido Hübner und Samuel Leviton an einer zentralen Arbeitsplatte gegenübersitzen und als „Synthetisches Mischgewebe“ eine Schar elektronischer Getriebe, Kleinstmotoren und skurrile Alltagsdinge in Bewegung setzen. Das Duo verfügt tatsächlich über Gesprächsqualitäten. Um das sensible Klanglabor gruppieren sich die Hörer kreisförmig. Das Ganze wirkt wie Schach für elektrisch-musische Köpfe und Gerät: Mini-Knistern, verschiedene Rauschsequenzen, Schaben, Schnüffelschweine, Gräser, Möhren, Handnähmaschine und Sternschnuppen, Uhren, Vegetationszonen, Lautsprecher an Plastikschüssel, Knirsche. Ein schöner Zeitvertreib. Es entsteht eine ganz und gar nicht überfrachtete Situation, in der auch das Publikum entspannen kann.

Am Tag danach hält Francisco Lopez, was er verspricht. Wir lassen das Volk am Stadtfest-Rummel tummeln und ziehen uns in den Keller der Oper zurück, das Licht wird gelöscht. Der Musiker nimmt sich die nächste Zeit, um mit elektronischem Hilfsgerät den Klang von Fahrstühlen voll auszufahren. Diese klingen dann wie eine Sommerwiese oder wie eine im Bergwerk arbeitende, windige Höllenmaschine. Es zeigt sich wieder schön, dass der Mensch, wenn er Wirkliches auf bestimmte sinnliche Momente reduziert, gewaltige, reiche und intensive virtuelle Räume schafft. Gerne hätten diese 40 Minuten um ein Vielfaches länger dauern können.

Weniger Spannendes überträgt der Mitteldeutsche Rundfunk am 19. Juni: Im Foyer der Oper ist eine Diskussion über „Heimat“ im Gang und eine Hanns-Eisler-Werkschau darin eingebettet. Stephanie Wüst singt.

Vor dem neuen Bildermuseum laufen wieder junge Helfer von Erwin Stache umher. Sie sind Gymnasiasten aus Brandis und bedienen kleine elektronische Klangerzeuger. Diese werden auf Geheiß des Komponisten, der die Maschinensprache spricht und genau weiß, wo ein Mikrochip musikalisch hingehört, von Klacken auf Summen umgestellt. Die Installation mit dem Titel „73,8 Kilo-Ohm“ ist an einem letzten warmen Sonntagabend im August eröffnet. Drei Klanginseln bestehen aus mehreren senkrecht in den Raum ragenden Edelstahl-Stangen. Diese werden von Menschen angefasst, Strom fließt. So werden Samples angesteuert, moduliert und verstärkt. Mit beliebigen Körperteilen kann man dann wie Cecil Taylor oder John Cage spielen. Damit hat Stache interessante Synthesizer für Park- und Staatsanlagen konstruiert. Zudem denkt er sie noch weiter in den urbanen Raum hinein: Alle Metallstreben könnten die Menschen mit einer Berührung in Schwingung versetzen, etwa das ganze Gerüst des neuen Bildermuseums. Der Ausbau dieser Installation zum Klettergerüst ist sehr zu empfehlen.

Am 9. September findet das sich monatelang erstreckende Festival „Heimat, Moderne“ in einer Freiluftinszenierung an den blau-weißen Wohnquadern am Brühl seinen Höhepunkt und Abschluss. Das Forum-Ensemble führt das begehbare Konzert „Breitengrad Leipzig“ auf, welches die 44-jährige schweizerische Komponistin Mela Meierhans diesem speziellen Ort zugemessen hat. Pittoreske Details zwischen den sich bewegenden Musikern, rezitierten Texten und installierten Zuspielbändern samt lebendigem Rohstoff für ungarische Salami wirken sinnlich aufregend und faszinierend. Der intellektuelle Anspruch des Werkes besteht indes darin, sich sowohl mit der Musik Richard Wagners, dessen Geburtshaus einst an dieser Stelle stand, auseinander zu setzen, ihn als Sohn einer Leipziger Moderne auszuweisen, als auch die Möglichkeit eines heimatlichen Breitengrads als Schnittstelle zwischen historischen Formen und ihrer zeitgenössischen Repräsentation zu entwerfen.

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