Zeitlose und zeitvertreibende Zeitreisen

Veröffentlichungen der Popindustrie im September · Vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
Alanis Morissette – Havoc And Bright Lights (Columbia SevenOne, 24.08.2012) +++ Jennifer Rostock – Live in Berlin (Sony, 29.06.2012) +++ Joss Stone – The Soul Sessions Volume 2 (Warner, 24.08.2012) +++ Gregory Darling – Coloured Life (F.O.D. Records, 03.09.2012) +++ Lynyrd Skynyrd – Last of a Dyin’ Breed (Roadrunner Records, 17.08.2012)
Ein Artikel von Sven Ferchow

Zeitreisen ist angesagt. Weil Alanis Morissette mit „Havoc And Bright Lights“ tatsächlich ein neues Album veröffentlicht. Der erste Eindruck ist okay, der zweite besser. Auch wenn man nostalgische Fragmente von „Jagged Little Pill“ sucht, vielleicht sogar braucht, ist es eben so, wie es ist: Alanis Morissette probiert Neues aus. Mehr Pop. Möchte man fast sagen. Alternative Elemente bleiben vorhanden. Gefällige, melodische Baukästen bilden allerdings das Grundgerüst dieser neuen Songs, die ab und an gar beschwingt anmuten und denen die Schwere, das Düstere, das Zweifelnde früherer Platten fehlt. In der Summe ein schon gelungenes Album, das eben klingt, wie ein massenkompatibles Rockalbum 2012 klingen muss. Hörhinweis: durchaus alles.

Beharrlich, konsequent und treu hat sich Jennifer Rostock in den vergangenen fünf Jahren entwickelt. Die Ochsentour durch sämtliche Klubs der Republik trägt langsame, aber für immer mehr Menschen auch hörbare Früchte. Ob das ein musikalischer Kritiker-Leckerbissen ist, dieser Deutschrock, steht auf einem anderen Blatt. Denn prinzipiell ist dieser Markt ja seit Jahren gesättigt, teils ausgebeutet und lebt gerade noch von zwei bis drei Hauptprotagonisten. Doch gerade weil Jennifer Rostock so geradlinig ihr Ding durchziehen, macht das Hören vieler ihrer Songs Spaß und vermittelt mehr als Rockmusik: eine Haltung nämlich. Eine kleine Zwischenbilanz dieser Haltung ist „Live in Berlin“, eine sogenannte „CD & DVD“, die den Eingefleischten als Rückschau, den Neugierigen jedoch als Einstieg dient. Hörhinweis: sicherheitshalber alles.

Ebenso wie Alanis Morissette bittet Joss Stone mit „The Soul Sessions Volume 2“ zum Rückmarsch in die Vergangenheit. 2003 begann nämlich ihr Aufstieg zum Soulstar, eingebettet in ihr Debüt-Album „The Soul Sessions“, mit dem sie fast unbekannte Soulsongs charmant und sexy zum Leben erweckte. Ein paar Millionen verkaufte Alben und approximative zehn Jahre später veröffentlicht Joss Stone weitere Soul Sessions. Als Teil zwei. Doch diesmal sind es eher die viel zitierten Klassiker, denen sie auf die Beine hilft. Darunter wären: „(For God’s Sake) Give More Power To The People“ von Chi-Lites, „The Love We Had“ von The Dells oder „The High Road“ von Broken Bells. Natürlich gelingt Joss Stone das alles relativ gnadenlos cool. Hörhinweis: Obengenannte plus „Teardrops“.

Gregory Darling hat ein erstaunliches Pop-Leben hinter sich. Genug, um darüber zu schreiben. Textlich wie musikalisch. „Coloured Life“ ist sein drittes Album. Im Mittelpunkt stehen er selbst, seine Soul Querstrich Pop-Songs und sein Piano. Man kann nun ob der Schwülstigkeit mancher Songs entsetzt sein, aber letztendlich ist diese Unaufdringlichkeit, diese Ehrlichkeit, dass das Leben eben schwüls­tig ist, der sympathische Pluspunkt dieses Albums. Die Unaufgesetztheit jedes Songs, die fast blauäugige Naivität der Melodien und der  damit transportierte Nachdenkeffekt sind unschlagbare Argumente, Gregory Darling, den das Label in die vermeintlich falsche Richtung zu Billy Joel schiebt, grundsätzlich zu mögen. Als Kerl, als Musiker. Hörhinweis: „Monkey Love“, „Sub­lime“, „Ride of my life“.

Nächste Zeitreise: „Sweet Home Ala­bama“, „Simple Man“, „Free Bird“, „Tuesday’s Gone“. Da sollte es bimmeln im Köpfchen. Richtig. Lynyrd Skynyrd. Mehr braucht einem da nicht einzufallen. „Last of a Dyin’ Breed“ ist ein nächs­tes Album der – wie abgedroschen – Southern Rock Helden. Alles bleibt, wie es war und gut ist. Die drei Gitarren kratzen und hooken. Die Orgel jault, der Gesang krächzt, schreit, knarzt. Wie einfach Musik sein kann. Und wie zeitlos und zeitvertreibend. Keine Nano­sekunde Langeweile. Es geht beständig nach vorne. Dafür ein simples Dankeschön. Hörhinweis: alles. ¢

 Diskographie

  • Alanis Morissette – Havoc And Bright Lights (Columbia SevenOne, 24.08.2012)
  • Jennifer Rostock – Live in Berlin (Sony, 29.06.2012)
  • Joss Stone – The Soul Sessions Volume 2 (Warner, 24.08.2012)
  • Gregory Darling – Coloured Life (F.O.D. Records, 03.09.2012)
  • Lynyrd Skynyrd – Last of a Dyin’ Breed (Roadrunner Records, 17.08.2012)

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