Zukunftsaufgabe: Menschen zusammenbringen

200 Jahre Universität für Musik und darstellende Kunst Wien – Rektorin Ulrike Sych im Gespräch


(nmz) -
In einer Festwoche kulminierten im Juni die Feierlichkeiten anlässlich des 200. Geburtstages der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw). Am 1. August 1817 hatte die Wiener Singschule ihren Betrieb aufgenommen. Nach und nach kamen Instrumentalklassen hinzu. Die Verstaatlichung und Errichtung einer Akademie folgte 1909, ein eigenes neues Gebäude in der Lothringerstraße konnte 1913 eröffnet werden. Mit der Rektorin der seit 1998 als Universität firmierenden Institution, Ulrike Sych, sprach Juan Martin Koch.
Ein Artikel von Juan Martin Koch, Ulrike Sych

neue musikzeitung: 200 Jahre sind eine lange Zeit für ein Ausbildungsinstitut. Kann man über einen so langen Zeitraum mit vielen Veränderungen überhaupt von einer historischen Kontinuität sprechen?

Ulrike Sych: Die Kontinuität liegt in der Musikpädagogik. Wir wurden als Singschule für 24 Schülerinnen und Schüler gegründet, nach dem Modell des Pariser Conservatoire. Wir haben die musikpädagogische Seite der Universität durchgehend gepflegt und auch jetzt ist etwa ein Drittel der rund 3.000 Studierenden in musikpädagogischen Studiengängen inskribiert, sei es nun Instrumental- oder Gesangspädagogik, Musikerziehung für die allgemein bildenden Schulen oder Bewegungs- und Rhythmikerziehung. Inkludiert ist dabei auch die Musiktherapie.

nmz: „Die Zukunftsuniversität aus Tradition“ ist das Leitbild der mdw überschrieben. Was lernt man beim Blick in die Geschichte?

Sych: Die Tradition ist unsere Wurzel, unsere DNA: die Wiener Tradition, der Wiener Klangstil, die Film- und Theatersprache Wiens … Aber wir entwickeln uns auch innovativ und gegenwartsorientiert weiter, wie zum Beispiel im Bereich Artistic Research.

nmz: Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang der Standort Wien?

Sych: Eine ganz entscheidende, einerseits natürlich konkret für unsere Ausbildung – wir lehren das Wiener Horn, die Wiener Pauke … Andererseits haben wir den großen Vorzug, dass wir mit den bedeutendsten Kulturinstitutionen kooperieren können: Wiener Staatsoper, Wiener Burgtheater, Wiener Musikverein, Wiener Konzerthaus, den Museen … Unsere Gesangsstudierenden zum Beispiel erhalten ein Vorsingtraining auf der großen Bühne der Wiener Staatsoper. Direktor Dominique Meyer persönlich gibt den Studierenden und Lehrenden Feedback, wie sich ihre Stimme im Raum entwickelt. Wir profitieren enorm von der Vernetzung mit den Wiener Philharmonikern, mit den Wiener Symphonikern, mit dem Radio-Symphonieorchester oder mit dem Tonkünstler-Orchester, von denen einige Mitglieder bei uns lehren. Aber auch die Institutionen profitieren von unseren hervorragenden Absolventinnen und Absolventen. Das ergibt eine schöne Synergie.

nmz: Was bedeutet die Größe, die Vielzahl der Studienmöglichkeiten für das Haus, wie funktioniert die Vernetzung?

Sych: Wir sind in 24 Instituten organisiert und bieten pro Semester 115 Studienzweige an. Es gibt viele universitätsübergreifende Themen, zum Beispiel die „Transkulturalität“: Diese ist im Veranstaltungswesen, in der Forschung und Lehre verankert. Wir haben einige Plattformen an der Universität, auf denen sich Kolleginnen und Kollegen quer durch die Institute treffen und inter- und transdisziplinär arbeiten, zum Beispiel im Bereich der Queer und Gender Studies oder bei der Betreuung des Dissertationsstudiums. Uns ist wichtig, dass es eine gute wertschätzende interne Kommunikation gibt, auch vom Rektorat selbst ausgehend. Aktuell wird der Entwicklungsplan für 2019 bis 2024 erarbeitet. Da sind alle Institute, alle Fachbereiche der mdw aktiv aufgerufen mitzumachen.

nmz: Können Sie schon etwas dazu sagen, welche Akzente der neue Entwicklungsplan setzen wird?

Sych: Der Plan muss zuerst vom Rektorat beschlossen werden, dann geht er in den Senat, dann in den Universitätsrat und steht erst Ende Dezember endgültig. Daher darf ich vorab keine Neuerungen bekanntgeben.

nmz: Verstehe, aber welche Themen beschäftigen Sie dabei?

Sych: Artistic Research, das Chorwesen, große künstlerische Projekte. Was mir besonders am Herzen liegt, ist das exil.arte Zentrum. Es wurde als Wissenschaftszentrum gegründet, das Nachlässe von Komponistinnen und Komponisten, die von den Nationalsozialisten vertrieben und ermordet wurden, aufbewahrt, erforscht und publiziert. Geleitet wird es von Gerold Gruber und Michael Haas. Wir nehmen diese Musik auf, und bemühen uns auch, sie in das Repertoire der großen Kulturinstitutionen weltweit zu bringen. Das Zentrum ist national wie international wunderbar aufgenommen worden, wir bekommen Anfragen aus der ganzen Welt und hochkarätige Künstlerinnen und Künstler haben uns ihre Mitarbeit angeboten.

nmz: Im Herbst 2016 wurde das Career Center der mdw gegründet. Welche Erfahrungen machen Sie damit?

Sych: Sehr gute! Die Nachwuchs- und Karriereförderung fand schon vorher in den einzelnen Instituten statt, das ist nun gebündelt worden. Wir sehen die Notwendigkeit einer Karriereförderung nicht nur vom Studium in die berufliche Laufbahn hinein, sondern auch schon vor dem Studium. Wir haben einen sehr erfolgreichen Vorbereitungs- und Hochbegabtenlehrgang und während des Studiums sind wir bemüht, die individuellen Bedürfnisse der jungen Künstlerinnen und Künstler in Gesprächen zu erfassen. Es gibt dann speziell zugeschnittene Kurs- und Coachingangebote. Die Portfoliokarrieren haben sich ja stark verändert und ausgeweitet.

nmz: Ist im Career Center auch die Weiterbildung angesiedelt?

Sych: An der mdw gibt es dafür zwei große Bereiche: Das Zentrum für Weiterbildung wendet sich vor allem an Lehrende und Verwaltungsangestellte, aber auch Studierende können sich aus dem Angebot bedienen. Im Career Center sind speziell die Studierenden angesprochen, wobei aber beide Bereiche eng zusammenarbeiten. Es macht zum Beispiel keinen Sinn, im Career Center einen Rhetorik-Kurs anzubieten, wenn wir im Zentrum für Weiterbildung schon ein entsprechendes Angebot haben.

nmz: Sie sprachen das Phänomen Portfoliokarriere an: Haben Sie den Eindruck, dass sich bei den Studierenden das Selbstverständnis ändert, dass ein Bewusstsein dafür entsteht, dass es nicht nur auf Perfektion am Instrument oder im Gesang ankommt?

Sych: Ja, das merkt man stark. Wenn man in Konzerte geht, sieht man, dass viele Künstlerinnen und Künstler über ihre Programme sprechen. Künstler zu sein, bedeutet, umfassend gebildet zu sein. Das heißt, man muss Programme zusammenstellen können, beispielsweise in Hinblick auf ein gestelltes Motto. Dazu braucht es entsprechende Repertoirekenntnis, man muss über historische Hintergründe Bescheid wissen. Auch der Auftritt an sich, „Staging“ und „Performing“ werden immer wichtiger.

nmz: Was bedeutet das für die pädagogischen Studienrichtungen?

Sych: Was die Pädagogik betrifft, so haben wir diese Studienrichtungen einerseits ganz bewusst vom Konzertfach separiert und haben uns dadurch international zu einem musikpädagogischen Kompetenzzentrum entwickelt. Andererseits sehen wir die Musikpädagogen/-innen als Künstler und Künstlerinnen, die hervorragend ausgebildet sind. So vermischt sich das intern wieder. Und bei den Konzertfachstudierenden achten wir darauf, dass sie ein pädagogisches Know-how mit auf den Weg bekommen, denn viele werden früher oder später, zumindest teilweise, auch unterrichten. Die mdw nimmt auch den gesellschaftlichen Auftrag sehr ernst. Zum Beispiel haben wir  ein großes Programm für Flüchtlinge, zum einen als Teil der Flüchtlingsinitiative „more“ der Österreichischen Universitätenkonferenz, andererseits haben wir selbst ein „Refugee“-Programm gestartet: Unsere Studierenden, egal aus welchen Fachbereichen, Konzertfach oder Pädagogik, und Lehrende unterrichten ehrenamtlich etwa 100 Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien. Die Musiktherapie kümmert sich um traumatisierte Kinder- und Jugendliche. Die Aufgabe Menschen zusammenzubringen, die Rolle eines Friedensbotschafters zu übernehmen, kommt immer stärker auf Künstlerinnen und Künstler zu. Dieser Funke ist im Haus übergesprungen.

nmz: In Deutschland wird das Thema sexuelle Diskriminierung an Musikhochschulen stark diskutiert. Bei Ihnen gibt es seit langer Zeit den Arbeitskreis für Gleichbehandlungsfragen. Wie lange genau und wie funktioniert der?

Sych: Mindestens 30 Jahre. Ich bin jetzt 28 Jahre an der mdw und wurde sehr bald in den Arbeitskreis entsandt. Gegründet hat ihn Kollegin Elena Ostleitner. Wir arbeiten hier nicht nur reaktiv, sondern die Hauptarbeit liegt in der Prävention und in der Aufklärungsarbeit. Dabei geht es nicht nur um Diskriminierung in Form von sexueller Belästigung, sondern auch in allen anderen Bereichen: auf Grund der ethnischen Zugehörigkeit, der Religion oder Weltanschauung, des Alters, des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung. Und wir sehen auch Personen als Opfer, denen fälschlicherweise vorgeworfen wird, sexuell belästigt zu haben. Wir tragen diese Themen ganz breit in die Universität hinein. Als Rektorin habe ich es in den Arbeitsverträgen verankert: Jede Person, die ich anstelle, muss unterschreiben, dass Diskriminierung verboten ist und dienstrechtliche Konsequenzen hat. Wir nehmen dieses Thema wirklich ernst. Wie gesagt, es geht einerseits um die Aufarbeitung der Fälle, andererseits sehr stark um die Prävention. Nicht nur sexueller Belästigung, sondern auch geschlechterbezogener Belästigung wie eindeutigen Witzen oder Wortwahl muss entgegengetreten werden…

nmz: Wie gehen Sie in diesem Zusammenhang mit dem Thema Öffentlichkeit um?

Sych: Im Fall einer Meldung werde ich sofort darüber in Kenntnis gesetzt. Dann gehen wir der Sache auf den Grund. Aber wenn Personen öffentlich sexuelle Belästigung vorgehalten wird, bevor es bewiesen ist, dann kann das zu einer Rufschädigung führen, die sie nie wieder wegbekommen. Das bleibt immer hängen. Öffentlichkeit kann aber auch die Opfer-Personen schädigen. Der Umgang der Öffentlichkeit in Bezug auf sexuelle Belästigung ist ein sehr sensibles und schwieriges Thema. Soviel steht fest: an unserer Uni ist sexuelle Belästigung nicht nur unerwünscht, sondern auch verboten. Punkt. Ein Nein ist ein Nein. Unsere Lehrenden wissen: Wenn Sie eine/n Studierende/n in einer Unterrichtssituation anfassen müssen, muss vorher gefragt werden: Darf ich Sie anfassen? Und wenn der/die Studierende „nein“ sagt, dann ist das zu respektieren.

nmz: Sie haben Ihr Jubiläum nun bisher schon intensiv gefeiert, geht es im zweiten Halbjahr weiter?

Sych: Die Festwoche war natürlich der Höhepunkt, die Verdichtung, aber es geht natürlich noch weiter. Im Herbst gibt es noch große Veranstaltungen, wie zum Beispiel eine Kooperation mit Wien modern und dem Pariser Conservatoire. Wir freuen uns über zahlreiche Besucherinnen und Besucher!

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