Zukunftswerkstatt Hochbegabung

Eine Tagung in Rostock setzte wichtige Signale


(nmz) -
„98 Prozent aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt. Nach der Schule sind es nur noch 2 Prozent.“ Mit dieser griffigen Formel wird derzeit Erwin Wagenhofers Dokumentarfilm „Alphabet“ beworben. Im Musikbereich ist ein ähnlich flotter Spruch bisher nicht vernehmbar gewesen, und ein entsprechender Film (vielleicht mit dem Titel „Tonleiter“?) ist wohl auch noch nicht in Arbeit.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Dabei dürfte eine über einen langen Zeitraum angelegte filmische Begleitung musikalischer hochbegabter Kinder bis ins Erwachsenenalter höchst aufschlussreich sein: Wie gehen Kinder, Eltern, Lehrer und Gleichaltrige mit der Begabung um und wie ändert sich die Selbst- und Fremdwahrnehmung, wenn sich mit zunehmendem Alter der Bonus, jung zu sein, verbraucht?

Welche äußeren Faktoren führen dazu, dass ein Ausnahmetalent seine musikalischen Fähigkeiten erfolgreich weiterentwickelt? Wie wirkt sich hier das institutionelle Umfeld aus? Wie wird mit Scheitern umgegangen? Diese und viele andere Fragen könnte eine solche Langzeitbeobachtung jenseits wissenschaftlicher Studien (die es durchaus gibt) anschaulich zu beantworten versuchen.

Als Gesprächspartner würden sich einige der Fachleute anbieten, die Mitte Oktober in Rostock zusammenkamen. Die Hochschule für Musik und Theater hatte zum fünfjährigen Jubiläum der „young academy rostock“ (yaro) mit großer Resonanz die Pre-Colleges und Frühförderinstitute deutscher Musikhochschulen sowie weitere Experten, auch außerhalb des Musikbetriebs eingeladen, um ihre Konzepte zu präsentieren und miteinander ins Gespräch zu kommen. Der Fokus lag dabei gemäß dem Tagungsmotto „Konzertiert fördern“ auf den „Kontexten und Strukturen musikalischer Hochbegabungsförderung“.

Dabei wurde schnell klar: Zum einen ist der Begriff nicht nur der musikalischen „Hochbegabung“ ein äußerst schillernder  – der Begabungspsychologe Christoph Perleth sprach davon, dass es zirka 300 Definitionen gebe …  Zum anderen sind an den Hochschulen sehr unterschiedliche Grade der Vernetzung mit weiteren Akteuren und Institutionen festzustellen. Zum Beispiel die yaro selbst oder das Mannheimer „Netzwerk Amadé“: Beide verstehen die Musikschulen in der Region als Partner und sehen die Förderung junger Talente als gemeinsame Aufgabe, wofür der Verbleib der Schüler an der Musikschule bei parallelem Hochschulunterricht eines von mehreren Kennzeichen ist. Es gibt aber auch die explizit ausgesprochene Gegenposition: Die Verantwortliche für „Schumann Junior“ in Düsseldorf, Barbara Szczepanska, die ihre Teilnahme krankheitsbedingt absagen musste, äußerte in einer von yaro-Leiter und Tagungsinitiator Stephan Imorde verlesenen Mail die Meinung, Musikschule und Musikhochschule hätten unterschiedliche Aufgaben, eine Zusammenarbeit sei nicht sinnvoll.

Wenn man die Funktion der Frühfördereinrichtungen darauf beschränkt, junge Talente möglichst effizient auf ein Hochschulstudium vorzubereiten, mag diese Einstellung noch halbwegs plausibel wirken. Weitet man jedoch den Blick, so wird deutlich, dass ein Nachdenken über die Funktion der Pre-Colleges sehr schnell zu einem Nachdenken über die Institution Musikhochschule an sich wird: Welche Art von Studierenden wünscht sich eine Hochschule? Werden hier junge Menschen allzu früh für eine bestimmte Ausbildung und den anschließend sie mehr oder weniger freudig empfangenden Markt passend gemacht? Wenn bei der Vorbereitung aufs Studium die individuelle Förderung im Zentrum der Bemühungen steht und mit jeweils angepassten Unterrichtsangeboten auch realisiert wird, warum sollte dieses Anliegen dann im Studium selbst eine geringere Rolle spielen? Und wer fördert eigentlich pädagogische Hochbegabungen, wo sind die entsprechenden Talentscouts?

Wenn die Musikhochschulen den Dialog über diese Themen in Zukunft intensivieren – in Rostock gab es dafür konkrete Pläne für regelmäßigen Austausch – könnte sich daraus eine über Bologna und die Folgen hinausweisende Werkstatt zur Musikhochschule der Zukunft entwickeln. Wichtige Impulse könnten dabei auch aus anderen Fachbereichen kommen. So lauschten die Musiker in Rostock gebannt und ein wenig neidisch den Ausführungen Thomas Fincks, des sportlichen Leiters der Nachwuchsakademie des FC Hansa Rostock. Was der Deutsche Fußballbund in Sachen Nachwuchsförderung auf die Beine gestellt hat – nicht ohne eine ordentliche Summe Geld in die Hand zu nehmen – taugt zwar kaum als direktes Vorbild, Motivations- und Denkanstoß für den Musikbereich sind diese höchst erfolgreichen Strukturen allemal.

Der Autor hat als Moderator an der Tagung „Konzertiert fördern“ teilgenommen.

Eine Dokumentation des Rostocker Symposiums wird in der „Grauen Reihe“ der Hochschulrektorenkonferenz erscheinen.

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