Zwischen Telemann und Techno

Prof. Dr. Christiane Wiesenfeldt über Forschung und Lehre in Weimar


(nmz) -
In Weimar befindet sich das größte musikwissenschaftliche Institut im deutschsprachigen Raum. Zehn Professuren im Bereich der Musikwissenschaft, der Musiktheorie und des Kulturmanagements sorgen in jedem Semester für ein umfängliches Vorlesungsverzeichnis von bis zu 50 Seiten. Von 2014 bis 2017 leitete Prof. Dr. Christiane Wiesenfeldt das gemeinsame Institut der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar und der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 1972 bei Kiel geboren, hat sie seit 2012 am Institut den Lehrstuhl für Historische Musikwissenschaft mit den Forschungsschwerpunkten Musik der Renaissance und Musik des „langen“ 19. Jahrhunderts inne. Außerdem ist sie stellvertretende Sprecherin des Graduiertenkollegs Modell Romantik. Jan Kreyßig sprach mit ihr über das Ziel einer Liszt-Gesamtausgabe, Phänomene der Musik und berufliche Perspektiven für Alumni.
Ein Artikel von Christiane Wiesenfeldt, Jan Kreyßig

Frau Prof. Wiesenfeldt, als Institutsdirektorin ist es Ihnen gelungen …

… viele Forschungsprojekte bewilligt zu bekommen. Allein im Studienjahr 2014/15 nahmen vier von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Projekte und das DFG-Graduiertenkolleg Modell Romantik ihre Arbeit auf. Letzteres ist ein richtig großes Projekt über neun Jahre mit 14 Doktorandenstellen, das an der Uni Jena angesiedelt ist. Sehr aktiv bei der DFG ist aber auch mein Kollege Martin Pfleiderer mit seinem inzwischen beendeten Jazzomat-Projekt und dem neuen Dig the lick-Projekt. Er forscht analytisch-empirisch im Bereich der systematischen Musikwissenschaft. Dann gibt es noch das DNT-Theaterzettel-Projekt, das mein Vorgänger Detlef Altenburg lange Jahre geleitet hatte. Momentan läuft noch das Fortsetzungsprojekt, das Michael Klaper übernommen hat. Helen Geyer kümmert sich um die Erschließung der Oesterlein-Wagner-Sammlung in Eisenach, großzügig unterstützt von der Volkswagen Stiftung. Hinzu kommen dann noch von der DFG finanzierte Postdoktoranden-Stellen im Bereich der Forschung zur Musik der Frühen Neuzeit in Mitteldeutschland, die an meinem Lehrstuhl angesiedelt sind.

Und welche Rolle spielt der Hochschulpatron Franz Liszt in Ihrer Forschung?

Eine Liszt-Forschung ist in weiten Teilen nicht existent … Uns fehlt immer noch eine historisch-kritische Gesamtausgabe, da ist also noch eine Menge zu tun. Es gibt zwar die Carl-Alexander-Ausgabe aus dem 19. Jahrhundert, die ist aber unvollständig und veraltet. Seit Jahren läuft ein Projekt in Ungarn, das recht gute praktische Ausgaben produziert. Dort konzentrierte man sich vor allem auf die Klavierwerke. Hier wäre langfristig eine Kooperation über die noch nicht erschlossenen Werkbereiche denkbar. Unser nächstes Etappenziel in Weimar ist es allerdings, zunächst das Liszt-Quellen- und Werkverzeichnis (LQWV) fertigzustellen. Das gibt es nämlich auch noch nicht. Daran arbeite ich seit Jahren mit mehreren Mitarbeitern auf der Basis einer Datei, die ich von Detlef Altenburg übernommen habe.

Und wie weit sind Sie?

Die Inhalte unseres Werkverzeichnisses haben sich in den letzten drei Jahren mehr als verdoppelt. Im Studienjahr 2019/20 möchte ich dazu ein Großprojekt bei der DFG, einer freien Stiftung oder bei der Sächsischen Akademie der Wissenschaften (SAW) beantragen, bei der ich seit 2015 ordentliches Mitglied bin. Die SAW gehört zum Verbund der Union der Wissenschaften, die allein im Jahr 2017 rund sieben Millionen Euro für große geisteswissenschaftliche Forschungsvorhaben aus der Bund-Länder-Finanzierung erhalten hat. Man kann dort Mittel für Langfristvorhaben beantragen, die länger als zwölf Jahre dauern. Das würde ein „normaler“ Mittelgeber nicht finanzieren …

Als größtes musikwissenschaftliches Institut haben Sie auch die größte thematische Breite?

Richtig, das ist damit verbunden. Wir decken das gesamte Portfolio der Musikgeschichte vom Mittelalter bis zum Pop ab. Dazu kommen noch die Transcultural Music Studies und die Geschichte der Jüdischen Musik, die aus Stiftungsprofessuren hervorgegangen sind. Das sind Forschungsbereiche, die es woanders in dieser Form nicht gibt. Wir haben damit fast alle Fachgebiete versammelt, dazu das Kulturmanagement mit seiner Anwendungsbezogenheit und die Musiktheorie mit den fachpraktischen Bereichen wie Tonsatz, Gehörbildung und Harmonielehre.

Für Sie umfasst die historische Musikwissenschaft also nicht nur Telemann, sondern auch Techno?

Ja, denn es ist ein Fehler zu denken, das sei unwürdig! Lange waren wir durch dieses Denken vollkommen blockiert. Ich kann mir auch ein Seminar zur Fahrstuhl-Musik vorstellen. Mich interessieren alle Phänomene der Musik! Es gibt zum Beispiel den Bereich der aktuellen rechtspopulistischen Musik, zu dem ich eine Tagung zum Heimatbegriff gemeinsam mit den Kollegen in Jena veranstaltet habe. Da ging es nicht nur um Musik im Nationalsozialismus, sondern auch um einen aktuellen rechtspopulistischen Ruck in der Musikszene, den wir im Umfeld von Pegida festgestellt haben. Wer soll denn darauf eine Antwort geben, wenn nicht wir Musikwissenschaftler? Wir können nicht sagen, wir befassen uns nur mit Bach und Beethoven. Geschmacksurteile und persönliche Vorlieben sind nicht der Maßstab, sondern die gesellschaftliche Relevanz von Musik, und da haben wir eine Verantwortung! Wenn ich den Techno betrachte, gingen in den 1990er Jahren Millionen von Menschen auf die Love-Parade und tanzten zu dröhnender Musik. Auch damit müssen wir uns auseinandersetzen. Ich bin da komplett offen.

Wie schwer sind die Eignungsprüfungen?

Es gibt im deutschsprachigen Raum insgesamt 46 musikwissenschaftliche Institute, von denen nur fünf oder sechs überhaupt eine Eignungsprüfung abnehmen. Unsere ist sehr anspruchsvoll und verlangt in ihren vier Teilen ein hohes Niveau. Die Bewerberinnen und Bewerber müssen Klavier oder ein anderes Instrument spielen können, hinzukommen noch eine Musiktheorieklausur, eine Gehörbildungsprüfung und ein Eignungsgespräch. Die Studierenden können also schon Noten lesen und Instrumente spielen, dadurch muss keine Basisarbeit nachgeholt werden.

Und wie steht es um die beruflichen Chancen nach dem Studium?

Unsere Alumni kommen zu einhundert Prozent alle irgendwo unter! Es gibt keine arbeitslosen Muwis, es sei denn durch Gründe, die außerhalb des Faches zu suchen sind. Dadurch unterscheiden wir uns durchaus von anderen Fächern. Wir haben ausgezeichnete Optionen wegen unserer Vielseitigkeit, ähnlich wie beim Lehramt. Bei uns ist es so, dass fast alle einen mit der Musik verbundenen Beruf ergreifen. Es gibt da die riesigen Bereiche des Veranstaltungs- und Musikmanagements, der Musik- und Theaterdramaturgie an Orchestern und Theatern, der Bibliotheken und Archive, des Rundfunks und der Printmedien, oder auch den expandierenden Markt an freien Medien wie das Bloggen und den Online-Journalismus. Hinzu kommen klassische Rundfunk-Volontariate, und man kann auch über das Auswärtige Amt in den Diplomatischen Dienst eintreten, zum Beispiel als Kultur-Attaché.
Ein weiteres großes Feld ist die Forschung und Lehre: Es können und wollen nicht alle Professoren werden, klar, aber es gibt allein 19 große Gesamtausgaben-Projekte wie etwa zu Mendelssohn Bartholdy in Leipzig. Das läuft noch bis 2047, da kann man doch noch eine Weile arbeiten (schmunzelt). Dann existieren Forschungsinstitute wie das Schumann-Haus in Zwickau, das Beethovenhaus in Bonn oder das Brahms-Institut in Lübeck, um nur einige zu nennen.  

Das Interview führte Jan Kreyßig.

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