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Alle Artikel kategorisiert unter »Helmut Hein«

Die barfüßige Diva

01.10.06 (Helmut Hein) -

Heine, Handke und die Folgen

01.07.06 (Helmut Hein) -

Von „Zivilisationsbrüchen“ ist gern und oft die Rede. Denn es sind immer die anderen, die sie begehen. Und wenn man sie beklagt und geißelt, setzt man sich selbst in ein helleres, reineres Licht. Ist es aber besonders zivilisiert, immer nur die anderen für böse und sich selbst für gut zu halten? Geschehen nicht längst – und vielleicht schon immer – die schrecklichsten Verbrechen aus dem besten Gewissen heraus? Mussten nicht die Hexen verbrannt werden, um ihre Seele zu retten? War nicht von alters her der besonders böse, ohne „falsche“ Hemmungen, der wusste, dass er es mit dem Bösen zu tun hat?

Reise nach Andernach

01.06.06 (Helmut Hein) -

Eine Frau sitzt in der Bahn, fantasiert und löst die kniffligsten Preisrätsel in DB-Zeitschriften, was ihr aber in ihrer Einsamkeit auch nicht weiterhilft: „was nützt es man weiß die kniffligsten Fakten und hat keinen Geschlechtsverkehr“. Diese andere, sexbedürftige Molly Bloom klammert sich an vorbildhafte Väter und Brüder: Michel Houellebecq, der nicht nur „hilfreiche“ Bücher schreibt und seine vertrackte „Vorbildfunktion“ erfüllt, sondern auch noch so schön dichten und singen kann. Und warum fährt sie ausgerechnet „zum Ficken nach Andernach“? Man ahnt es schon. Weil das die Heimat des wüsten Erotomanen mit dem romantisch-gebrochenen Herzen Charles Bukowski ist.

Das große Massakerspiel

01.05.06 (Helmut Hein) -

Pädagogen und Psychologen sind sich zumindest in einem einig: Wie wichtig es ist, Realität und Fiktion auseinanderhalten zu können. Wer das nicht kann, wer in seiner Scheinwelt lebt statt in der wirklichen, wird in seinem Leben Schiffbruch erleiden oder, noch schlimmer, über kurz oder lang in der Psychiatrie landen. Wie aber steht es um einen Kultur- und Politikbetrieb, deren Protagonisten sich zunehmend von ihren Wünschen und Wunden leiten lassen, als gäbe es nichts anderes mehr auf der Welt?

Die nackte Wahrheit

01.03.06 (Helmut Hein) -

Wovon handelt die Kunst? Erst jüngst entzündete sich an dieser Frage eine heftige Debatte, die mitten hineinführte ins mehr oder minder finstere Herz unserer Gegenwart. Die Kulturen krachen aufeinander. Und anders als beim kämpferischen Zivilisationstheoretiker Samuel Huntington sind die Fronten nicht klar und übersichtlich, sondern die Bruchlinien ziehen sich mitten durch unsere Gesellschaft, ihre diversen Milieus, ja selbst durch einzelne Subjekte. Die feuilletonistisch vollzogenen Selbstdefinitionen beziehungsweise, wie Nietzsche es genannt hätte, Wertschätzungen und Wertsetzungen folgen dabei der alten Regel des Philosophen Spinoza: „Omnis determinatio est negatio“. Soll heißen: Im heftigeren Klima des neuen Kulturkampfes kommen „wir“ zu uns, indem wir andere und anderes ausschließen. Jede Entscheidung von einem gewissen existenziellen Ernst vernichtet alle anderen Möglichkeiten.

Orwells Triumph: die Kulturen der Lüge

01.02.06 (Helmut Hein) -

Bekanntlich beschrieb der britische Autor George Orwell in seinem, wie man heute leider sagen muss, prophetischen Roman „1984“, wie im so genannten Ministerium der Liebe gefoltert und im Ministerium der Wahrheit Propaganda verbreitet und die Realität nicht nur uminterpretiert, sondern im Bedarfsfall einfach ganz gelöscht wird. Warum das für die Kunst, speziell die Musik interessant ist? Etwa weil es mittlerweile diverse Orwell-Libretti gibt und darüber hinaus mehr oder weniger ambitionierte Versuche Orwells Dystopie in düstere Sounds zu übersetzen? Nein, der Grund für Orwells Aktualität reicht viel weiter und ist bedrückender. Kunst – und auch die „reinste“ aller Künste: die Musik – existiert nicht in einem hermetischen Elfenbeinturm, in einer Welt eigenen Rechts, sondern mitten in der Gesellschaft. Zwar soll sie nur ihren eigenen Regeln und Imperativen folgen und nicht denen anderer Sub-Systeme, wie das bei Luhmann heißt, also etwa der Politik, der Pädagogik oder der Religion, aber sie gedeiht nur auf einem gemeinsamen Humus. Früher war das der Mythos, also der sich ständig erneuernde Bestand an Erzählungen und Überzeugungen, der für alle verbindlich war. Heute spricht man von Kultur oder vielleicht besser im Plural von Kulturen. Sie legen unsere Selbst- und Weltbilder fest und die Regeln des Umgangs miteinander. Wenn das Fundament nicht trägt, weil es von vornherein schief ist, dann wird alles brüchig. Wenn der Boden vergiftet ist, dann kann die schönste Pflanze, etwa die blaue Blume der Romantiker, nicht gedeihen. Kurz: Es kann niemandem gleichgültig sein, wenn die Kultur der Lüge zum Normalfall wird, wenn nur noch der als „clever“ oder überhaupt als gesellschaftsfähig gilt, der lügt und leugnet, der der Wahrheit so lange einen „spin“ gibt, wie das heutzutage heißt, bis sie so verdreht ist, dass sie für den jeweiligen eigenen Zweck passt. Kulturen der Lüge heißt es, weil auf höchst verschiedene, aber jeweils vergleichbar virtuose Weise gelogen und gelöscht wird. Wer einfach nur sagt, was er denkt oder sieht, wer nicht darauf achtet, wie die aktuelle Sprachregelung lautet, der wird rasch zum „misfit“. Dem Komponisten Stockhausen ist es nach dem 11. September so ergangen, weil er rein ästhetisch und analytisch reagierte, wo doch allein moralische Empörung, rituelles Mitgefühl und politische Subordination angemessen war.
Weil Stockhausen sagte, was, zumindest zu dieser Zeit, niemand sagen durfte, wurde er gelöscht; zwar nicht als private Person, physisch, sehr wohl aber als öffentliche Person, als Komponist, als einer, der eine Stimme hat und nicht nur atmet. Festivals, Aufführungen, die seiner Musik galten, wurden abgesagt. Und wer das tat, wollte zuallererst seine eigene Haut retten. Auch die bekannte indische Autorin Arundhati Roy, die gesagt hatte, Bush und bin Ladin seien „dunkle“ Brüder, wofür sie Argumente anführte, verfiel dem Verdikt. Und zwar ohne dass ihre Argumente geprüft worden wären. Was sie gesagt hatte, war ja „unmöglich“, also musste man nicht erst schauen, ob es wahr oder falsch war.

Kanon und Kaninchen

01.11.05 (Helmut Hein) -

Man darf sich nicht beschweren. Kultur ist heutzutage en vogue. Jeder und jede hat sie. Man riskiert Beleidigungsprozesse, wenn man sie einem abspricht. Selbst dort, wo der Naive nur das Regime des schnöden Mammons oder die ultima ratio der blutigen Gewalt am Werk sieht, geht es in Wahrheit um ganz andere Dinge. Keine Firma ohne Unternehmenskultur, keine Kompanie deutscher Soldaten in Nordafghanistan oder demnächst im Westsudan, die nicht einer Philosophie folgt. Kultur ist das Passepartout, durch das alles andere (das so bleibt, wie es ist und immer schon war!) ein wenig mehr hermacht. Man nennt das den Mehrwert der Kultur.

Die Bullshit-Pyramide

01.10.05 (Helmut Hein) -

Der emeritierte Princeton-Professor Harry G. Frankfurt, 76, hat ein Buch geschrieben, das überraschenderweise in den Top Ten der Book-Charts der „New York Times“ landete und inzwischen auch der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ eine Kolumne wert ist. Überraschend deshalb, weil Frankfurt bisher nur ein Autor für die „happy few“ des Orchideenfachs Philosophie war (und auch da bloß für wenige). Überraschend auch, weil er ein Thema behandelt, das nicht unbedingt bestsellertauglich scheint – es sei denn, es spricht vielen aus dem Herzen. Harry Frankfurt spricht über „bullshit“ – und das klingt höchstens ein wenig freundlicher als mögliche deutsche Übersetzungen – und meint damit das, was Medien, „Experten“ und sonstige Vertreter einer „intellektuellen Elite“ massenhaft absondern. Bullshit, sagt Frankfurt, ist schlimmer als Lüge, weil Lüge immerhin noch ein Bewusstsein der Wahrheit voraussetzt, so etwas wie intakte Realitätswahrnehmung und präzises Denken. Bullshit dagegen ist ein frei flottierendes, offenbar rauschhaftes Überbauphänomen, das man, mit den Worten Valentins, nicht einmal ignorieren müsste, wenn es nicht dabei wäre, Politik und Gesellschaft nachhaltig zu verändern.

Die Politik der Lumpen

01.09.05 (Helmut Hein) -

Wer gewählt werden will, muss sich zeigen. Luhmann, der große, anachronistische Weltgeist der Jahrtausendwende, und einige andere haben festgestellt, dass überhaupt nur der existiert, der in den Medien vorkommt. Esse est percipi, sein heißt wahrgenommen werden, hieß das schon ein paar Jahrhunderte früher, am Beginn der Moderne, beim Bischof Berkeley.

Helden der Vergangenheit, Zukunft der Arbeit

01.07.05 (Helmut Hein) -

Die musikalische Avantgarde steht fest mit beiden Beinen in der Vergangenheit. Zumindest was die Themen und Texte betrifft. Die meisten Libretti lesen sich, als seien sie aus der Werkstatt des Guido Knopp: „History”, mit dem entsprechenden raunenden Unterton – Aufklärung für ein Publikum, das ansonsten seine Menschenkenntnis gerne aus „People”-Magazinen bezieht.

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