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Siegerin beim 5. Deutschen Chordirigentenpreis: Hyunju Kwon dirigiert den RIAS Kammerchor. Foto: Mutesouvenir, Kai Bienert
Siegerin beim 5. Deutschen Chordirigentenpreis: Hyunju Kwon dirigiert den RIAS Kammerchor. Foto: Mutesouvenir, Kai Bienert
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Wenn Herz und Kopf gefragt sind

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Am 15. Oktober fand in Berlin zum 5. Mal der Deutsche Chordirigentenpreis statt
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„Wir suchen die eierlegende Wollmilchsau“, sagt Justin Doyle, Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des RIAS Kammerchor Berlin sowie Juryvorsitzender des Wettbewerbs, und beschreibt damit die Komplexität der Aufgaben, die ein guter Chordirigent idealerweise mitbringen sollte. In genauer Aufschlüsselung, heißt dies, so Doyle: „Die Partitur besser zu kennen als jeder andere im Raum, ein klares Bild davon zu haben, wie es klingen könnte, eine breite Palette an musikalischem Handwerkszeug zu besitzen, Kommunikationsfähigkeiten durch Bewegung und Körpersprache“ und zudem „den Klang des Chores verbal oder sogar telepathisch zu entwickeln“. Nicht zuletzt: „Das Vertrauen der Sängerinnen und Sänger gewinnen, um sie in die Lage zu versetzen, von ihrer besten Seite zu singen“.

Beim Deutschen Chordirigentenpreis, der am 15. Oktober zum fünften Mal vergeben wurde, ist es immer wieder spannend zu erleben, wer von den jungen Talenten am meisten von all dem einzubringen vermag. In diesem Jahr schafften es vier Teilnehmer in die Endrunde des angesehenen Wettbewerbs und wieder stand ihnen der RIAS Kammerchor zur Verfügung. Der Chordirigentenpreis ist offizieller Abschluss und Höhepunkt des „Forums Dirigieren“, einem mehrjährigen Förderprogramm des Deutschen Musikrats für den dirigentischen Spitzennachwuchs in Deutschland.

Hier will man nicht nur Orchesterdirigent*innen, sondern in Erweiterung seit 2008, auch gezielt Chordirigent*innen fördern. Junge Talente haben hier die Möglichkeit durch Meisterkurse mit angesehenen Dirigent*innen, Arbeitsprogramme mit professionellen Ensembles sowie Assistenzen und Förderkonzerte einmalige Praxiserfahrungen zu sammeln. Gleichwohl waren es von den ursprünglich sechs Fördermitgliedern des Jahrgangs nur zwei, die es tatsächlich bis zum Finale schafften. Da man aber mit nur zwei Kandidaten schwerlich einen Wettbewerb ausrichten kann, wurden diesmal auch externe Nachwuchskünstler*innen für den Deutschen Chordirigentenpreis zugelassen. Von den etwa 20 Bewerbungen, die unter anderem über Ausschreibungen an den Musikhochschulen eingingen, wurden mit der aus Südkorea stammenden Hyunju Kwon, die zurzeit in Deutschland ihr Konzertexamen in Saarbrücken macht, und Benedikt Kantert, der Chor- und Ensembleleitung in Leipzig studierte und zusätzlich noch ein Orchesterdirigierstudium in Dresden aufnahm, zwei weitere Talente für den Deutschen Chordirigentenpreis ausgewählt. „Es ist ja sonst ein interner Wettbewerb“ sagt Eva Pegel, Projektleiterin von „Forum Dirigieren“, „deshalb ist es für uns natürlich spannend, wie sich unsere  Stipendiat*innen auch mit anderen messen können und wie das Niveau im Vergleich ist.“ Die beiden durch „Forum Dirigieren“ geförderten Finalisten waren Benjamin Hartmann, der seit 2016 den Maulbronner Kammerchor leitet und seit März auch künstlerischer Leiter des Bachchors Salzburg ist, sowie Nikolaus Henseler, seit August Chordirektor und Kapellmeister am Theater Ulm. 

Wie nun agierten die vier Kandi­dat*innen in der Generalprobe und im Wettbewerb? Unumstritten ist die große Souveränität, mit der alle vier mit dem Spitzenensemble arbeiten, auch wenn ihre Arbeitsweise teilweise stark voneinander abweicht. Beim ausgewählten Repertoire galt es Stücke aus drei verschiedenen Epochen zu meistern und zugleich eine faire Vergleichbarkeit herzustellen: Wie beredt, akzentuiert und locker können Motetten der Bachfamilie gestaltet sein? Wie klangsinnlich die hochromantischen Motetten aus Max Regers acht Geistlichen Gesängen, op. 138? Und schließlich: Wie spannend, abwechslungsreich und intonationssicher kann moderne Chormusik interpretiert werden? Zeitgenössischen Stücke der britischen Komponistinnen Joanna Marsh und Roxanna Panufnik wurden hierfür einstudiert.

Von Probe aufs Podium

An vier hintereinanderliegenden Tagen hatten die vier Musiker*innen jeweils 45 Minuten Probezeit mit dem RIAS Kammerchor, hinzu kam die Generalprobe am Konzerttag. Mit ihrer relativ großen und schlanken Figur steht Hyunju Kwon bei der Generalprobe ruhig und gelassen vor dem Chor und agiert fast nur mit Armen und Händen. Ihr Reger klingt im gemäßigten Tempo sehr sonor mit zum Teil schönen dynamischen Abstufungen. Johann Michael Bachs Motette „Nun hab ich überwunden“ könnte man sich gerne auch etwas lebhafter vorstellen, so steht auch hier vor allem der Schönklang des Chors im Vordergrund. Das Stück „You want“ von Joanna Marsh scheint ein wenig durchbuchstabiert, in puncto musikalisches Entfaltungspotenzial wäre da durchaus noch Spielraum. So überrascht es ein wenig, dass Kwon nach dem vollständigen Durchlauf der Stücke dem Chor zwar etliche Interpretationshinweise zur Linienführung, Betonung und Dynamik gibt, aber – bis auf eine Ausnahme – nichts nochmal ansingen lässt. Wie selbst der RIAS Kammerchor all dies später realisieren soll, bleibt vorerst offen. Aber Kwon gibt sich nach der Generalprobe gelassen. „Man muss vor allem ein dickes Vertrauen zum Chor haben“, verkündet sie, „im Konzert kann natürlich alles passieren, aber ich muss flexibel sein, so wie der Chor ja auch auf mich reagieren muss. Es muss gut gehen, denn wir haben nur ein Ziel: Wunderbare Musik zu machen.“

Benedikt Kantert hingegen hat in der Generalprobe einen anderen, etwas direkteren Zugriff auf Reger: Subtile Tempowechsel erfrischen den Satz und man hört schöne dynamische Abstufungen. Bei Johann Michael Bachs „Ehre sei Gott in der Höhe“ kommen zum Beispiel gerade am Ende die kanonisch einsetzenden Stimmen unterhalb des schön herausgearbeiteten Chorals in den Oberstimmen wunderbar zur Geltung. In der konzentrierten Generalprobenarbeit geht er freundlich, sachlich und sehr gezielt auf die von ihm noch verbesserungswürdigen Stellen ein, an denen sogleich noch gemeinsam gearbeitet wird.

Benjamin Hartmann gelingt im „Alma redemptoris mater“ von Roxanna Panufnik der Aufbau reizvoller Klangfarben in diesem lebendigen Stimmgeflecht und selbst Klangflächen werden fantasievoll modelliert. Dadurch entsteht eine bewegende, sehr atmosphärische Ausführung, wobei auch das Ensemble eigenen Gestaltungsspielraum bekommt. Letzteres gilt auch für Reger, gerade bei „Wir glauben all an einen Gott“ entsteht so ein wunderbares Spektrum von dynamischen Wechseln, wobei der Klang nie forciert wirkt. In der Motette „Fürchtet euch nicht“ von Johann Michael Bach kommen die polyphonen Stimmen sehr schön und mit prägnanter Textverständlichkeit in einem lockeren und entspannten Ansatz daher.

Bei dem hochgewachsenen, schlanken Nikolaus Henseler wiederum wirken schon aufgrund seiner langen Arme bereits kleinere Bewegungen ausladend, was manchmal ein bisschen gefährlich zu sein scheint, gerade wenn es um ein klares Erfassen der dynamischen Gestaltung geht. Doch geht Henseler mit großer innerer Ruhe ans Werk und schon allein seine enorme Ernsthaftigkeit verschafft ihm Respekt und Aufmerksamkeit, auch wenn man sich manchmal in der musikalischen Umsetzung ein bisschen mehr Tempo, Dynamik und Frische wünschen würde.

Worauf es ankommt

Das entscheidende Konzert am Abend hält schließlich einige Überraschungen bereit. So bekommt Nikolaus Henseler den Publikumspreis zugesprochen. Und tatsächlich gelang es ihm, im engen Kontakt mit den Sängerinnen und Sängern tolle Klangwirkungen zu erzielen und auf das Publikum zu übertragen. „Die Möglichkeiten mit dem RIAS Kammerchor sind unerschöpflich“ bekundete Henseler noch nach der Generalprobe und ergänzte fast ein wenig prophetisch: „Die Herausforderung im Abschlusskonzert ist es, wie weit man da auch ein bisschen zaubern kann.“ Und da Hyonju Kwon auf dieselbe Anzahl an Publikumsstimmen wie Henseler kam, wurde auch ihr ein Publikumspreis zugesprochen. Benedikt Kantert bringt eine für ihn bestehende Schwierigkeit so auf den Punkt: „Verkörpert man im Konzert noch wirklich die eigenen Ideen und die eigene Art und Weise oder ist man eben nicht mehr authentisch. Das habe ich als große Herausforderung in dieser Woche empfunden.“ Und tatsächlich: Im entscheidenden Moment des Konzerts fehlt ihm an diesem Abend ein bisschen das Selbstvertrauen die Musik im Moment ihres Erklingens, im flexiblen und spontanen Wechselspiel mit dem Ensemble zur Entfaltung zu bringen, zu formen und zu gestalten. So drängt sich vielmehr der Eindruck eines Abrufens der einstudierten Musik auf. Aber Benjamin Hartmann gelingt am Konzertabend fast alles: Er macht tolle Musik, die eine hohe interpretatorische Fantasie aufweist, gleichzeitig beweist er ein gutes Sensorium für die Unterschiedlichkeit der verschiedenen Epochen und Stile und immer gestaltet er mit dem Ensemble reizvolle dynamische und klangfarbliche Wechsel. Vielleicht aber wirkt er ein bisschen zu technisch, ein bisschen zu souverän, ein bisschen zu kontrolliert.

So bekommt schließlich Hyonju Kwon den Deutschen Chordirigentenpreis zugesprochen. Sie überzeugt Publikum wie Jury mit ihrem ansteckenden Charisma im Moment des Konzerts und agiert, im Vergleich zur Generalprobe, wie ausgewechselt. Mit einnehmender, innerer Freude sowie konzentrierter Angespanntheit führt sie die Sängerinnen und Sänger durch ein Konzert, das durch einen gemeinsamen und von musikalischer Neugier getragenen Gestaltungswillen geprägt ist. Das ist ein entscheidender Punkt! Ein hochkarätiges Ensemble wie der RIAS Kammerchor verfügt aufgrund seiner enormen Erfahrung schon selbst über die ein oder andere interpretatorische Idee.

So gesteht einer der Finalisten freimütig: „In meiner Partitur habe ich bestimmte Sachen, Zäsuren und Absprachen, aber der Chor macht es intuitiv anders und besser“. Und selbst Justin Doyle stellt ironisch die durchaus selbstkritische Frage: „Wieso sind wir da? Wieso braucht die Welt Dirigenten? – Vielleicht ist es besser ohne?“ Seine Antwort: „Es ist unser Auftrag Beziehung und Vertrauen aufzubauen in beide Richtungen.“ Hyunju Kwon gelang dies am besten, was im Konzert zu fast magischen und wunderbar klangschönen Momenten führte. Letztendlich aber erwiesen sich auch ihre männlichen Kollegen als tolle und inspirierende Künstler. Oder wie Nikolaus Henseler und Benjamin Hartmann gelassen und selbstbewusst feststellten: „Aus den Leuten hier wird was, ob mit oder ohne Preis.“

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