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Thorsten Johanns. Foto: Guido Werner

Thorsten Johanns. Foto: Guido Werner

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Kreativität und Inspiration

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Der Weimarer Klarinettenprofessor Thorsten Johanns ist experimentierfreudig
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Der Klarinettist Thorsten Johanns ist durch seine stilistische Vielseitigkeit als Solist, Orchester- und Kammermusiker sowie als Professor für Klarinet­te in Weimar international gefragt. Bereits als 22-Jähriger erhielt er sein erstes Engagement als stellvertretender Soloklarinettist bei den Essener Philharmonikern. Drei Jahre später wurde er Solo­klarinettist im WDR Sinfonieorchester. Als erster deutscher Klarinettist wurde er persönlich vom Chefdirigenten Alan Gilbert wiederholt nach New York eingeladen, um dort als Soloklarinettist mit dem New York Philharmonic Orchestra zu spielen. 2014 folgte Thorsten Johanns dem Ruf auf die Professur für Klarinette an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar. 

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Herr Prof. Johanns, Sie haben mehrfach als Solokla­rinettist mit dem New York Philharmonic Orchestra gespielt. Wie war das für Sie? 

Ich fand das total spannend und eine Ehre, auf der bisherigen Stelle von Stanley Drucker zu spielen. Der hat noch mit fast 80 Jahren im Orchester mit­gewirkt, das wäre in Deutschland undenkbar. Es ist eine ganz andere Herangehensweise, auch in der Ausbildung, ehe man dort zum Orchestermusiker wird. Auch die Probenarbeit läuft ganz anders ab, sehr viel kompakter, sehr viel gewerkschaftlicher als ich gedacht hätte. Kurz bevor die Pause beginnt, kommt der Orchesterdirektor und signalisiert, dass der Dirigent gleich das Signal dazu geben muss. Das habe ich in Deutschland noch nie erlebt. In New York gab es einen sehr durchorganisierten Arbeitsalltag, und alle Musiker kamen enorm gut vorbereitet in die erste Probe, was nicht bei jedem Orchester selbstverständlich ist. Diese Professionalität hat mich wahnsinnig beeindruckt: die Pünktlichkeit, das Zeitmanagement, die Effizienz, die totale Konzen­tration und Leistungsorientierung. Wir sind sofort auf einen Nenner gekommen im Klang. Die Kollegen im Orchester dort waren sehr offen und haben mich sehr willkommen geheißen. Es ging nur um Leistung, nicht um Etikette oder welches System man spielt. 

Was sind die klanglichen Unterschiede zum Beispiel zum WDR Sinfonieorchester, dessen Soloklarinettist Sie viele Jahre lang waren? 

Es gibt auf jeden Fall Unterschiede! Die Blechbläser klingen anders in den USA: Die Hörner spielen ein bisschen Vibrato, das ist in Deutschland im klas­sischen Bereich eher verpönt. Die amerikanische Trompete ist anders gebaut und klingt auch anders: Es ist die Louis-Armstrong-Trompete mit den drei Ventilen oben. Klarinettenspezifisch spiele ich selbst deutsches System, in New York hat ein Klarinettist französisches System gespielt, wie es im Ausland überwiegend üblich ist. Das sind andere Griffe und die Weite der Bohrung ist unterschiedlich, dadurch muss es anders gegriffen werden und der Klang verändert sich. Das deutsche System zu spielen, ist bei uns natürlich eine Tradition: In Deutschland wird zu 95 Prozent die deutsche Klarinette gespielt. Ich bin da selbst total offen. Am Ende geht es darum, was man draus macht. 

Sie waren als Soloklarinettist sehr erfolgreich und gastierten u.a. bei den Berliner und den Münchner Philharmonikern. Warum sind Sie dem Ruf auf die Professur in Weimar gefolgt? 

Das ist etwas ganz anderes! Es ging für mich darum, einen Perspektiv- und Prioritätenwechsel zu finden. Ich hatte schon während der Jahre in Köln parallel in Maastricht am Konservatorium unterrichtet und habe das für mich vier Jahre lang ausprobiert. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht – und dann wollte ich den Moment im Leben nicht verpassen, in dem dieser Wechsel möglich war. Ich wollte mal einen Tapetenwechsel. Ich war ja von 1998 bis 2001 in Essen, dann von 2001 bis 2015 beim WDR: Das waren 16, 17 Jahre auf festen Orchesterstellen. Ich bewundere jeden, der Dienstjubiläen in Orchestern nach 20, 30 oder gar 40 Jahren feiert! Ich brauchte für mich eine neue Herausforderung. Irgendwann ist man arriviert, respektiert, anerkannt, und irgend­wann wird das auch ein bisschen bequem. Ich wollte etwas Neues machen, wo man sich beweisen muss und etwas Neues schaffen muss. Daran kann man als Künstler und Mensch reifen. 

Wie gelingt es Ihnen, Ihre Studierenden bestmöglich auf das Berufsleben vorzubereiten? 

Ich versuche herauszufinden, was das persönliche berufliche Ziel der einzelnen Studierenden ist. Ich sehe mich als Mentor und Coach und bin da selbst ganz offen. Einen Studenten von mir habe ich vom Orchester abgebracht, der ist jetzt mit seinem Ensemble für Neue Musik sehr erfolgreich. Er war schon Mitglied in der Akademie des ensemble modern und hat total seine Nische gefunden. Man kann nicht alle ins Orchester pressen, wenn sie dort nicht hineinpassen. Ich habe selbst viel Bigband, Neue Musik, alle Saxophone und alle Klarinetten gespielt und bin sehr flexibel. Auch Musikschulen sind super wichtige Einrichtungen – ich hatte selbst einen ganz tollen Musikschullehrer. Das ist für die Musikerausbildung mit das Wichtigste, denn wenn man ins Studium kommt, muss schon viel angelegt und an der Musikschule oder im Privatunterricht vorbereitet worden sein. Die Zeit zwischen 8 und 18 ist unglaublich wichtig, da werden die Weichen ge­stellt, um das Ganze zum Beruf zu machen. Was bis dahin nicht passiert ist, kann man nicht nachholen. 

In welcher Weise sollten sich Musikhochschulen auf die Anforderungen des modernen Musikmarkts ausrichten? 

Das eigene Potenzial auszuschöpfen, dafür braucht man alle Energie und allen Optimismus. Man kann nicht von vornherein sagen, das wird statistisch nichts mit dem Orchester – dann zweifeln die Studierenden an sich und brechen ab. In meiner Klasse haben in den letzten Jahren alle den Fuß ins Orchester gekriegt, als Aushilfe, in Akademien oder als feste Stellen. Es gibt immer irgendwo freie Stellen, auf die man hinarbeiten kann, und man muss die eigene Chance sehen und ergreifen, darf sich nicht zu schnell entmutigen lassen. In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass der Wunsch nach 50-Prozent-Orchesterstellen vermehrt aufgetreten ist, um nebenbei noch Kammermusik etc. machen zu können. Da bin ich ja selbst ein Vorbild, weil mir auch persönlich die Kammermusik sehr am Herzen liegt – oder auch das solistische Spiel. Die Orchesterstelle als Grundabsicherung, und daneben sich künstlerisch mit eigenen Ideen, in eigenen Ensembles zu inspirieren. Im Orchester ist man ja selbst nicht kreativ in der Programmgestaltung, das übernehmen das Management und die Dirigenten. Ich finde es aber wichtig, die Kreativität und die Inspiration das ganze Berufsleben hochzuhalten. 

Sie sind selbst in der zeitgenössischen Musikszene sehr aktiv, haben zum Beispiel mit Heinz Holliger und Moritz Eggert gearbeitet. Warum ist Ihnen das wichtig? 

Ich möchte nichts ausschließen, nichts verpassen, mich den neuen Herausforderungen stellen. Diese Stücke verlangen immer neue Effekte, Tempi und Techniken. Sie zu ergründen, braucht viel Zeit, das macht mich als Musiker erst komplett. Es geht für mich nicht nur um reine Ästhetik und Wohl­fühlmomente. Gerade der Kontrast zu Brahms und Beethoven mit teils schroffen Effekten lässt mich auch das „Alte“ wiederentdecken. Und ich will Up-to-date sein, möchte mich nicht drücken, will mitmischen! Ich habe da eine ganz persönliche Experimentierfreude. 

Vielen Dank für das Gespräch!

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