Wer im Jugendarrest landet, verbringt bis zu vier Wochen in einer Situation sozialer Isolation. In diesem kurzen Zeitraum ist es wichtig, Räume für kulturelle und kreative Bildungsangebote zu eröffnen. Sie ermöglichen den jeweils dort untergebrachten Arrestant:innen, eigene Ausdrucksformen zu entdecken, Selbstwirksamkeit zu erfahren und soziales Miteinander in der Musikpraxis zu erleben. Musikalische Anknüpfungspunkte bietet hier das Forschungs- und Transferprojekt „Auftakt – Musik als Entwicklungsressource für straffällig gewordene Jugendliche und Heranwachsende“ unter der Leitung von Prof. Dr. Annette Ziegenmeyer, Professorin für Musikpädagogik an der Musikhochschule Lübeck (MHL). Das Projekt vereint die drei Säulen Forschung, Wissenschaftskommunikation und Transfer und ist aus dem kooperativ angelegten Seminar „Perspektivwechsel“ mit Musikstudierenden sowie straffällig gewordenen Jugendlichen und Heranwachsenden hervorgegangen.
Das Auftakt-Projektteam (v.l.n.r.): Julia Peters, wissenschaftliche Mitarbeiterin (MHL); Dr. Andreas Heye, externer Projektpartner (Universität Bielefeld); Prof. Dr. Annette Ziegenmeyer, Projektleitung (MHL); Prof. i. R. Dr. Phillipp Walkenhorst, externer Berater, emerit. (Universität zu Köln). Foto: Fabian Bade
Schnittstelle Sozialisationserfahrungen
Perspektivwechsel – ein Seminar als Keimzelle
Ihr bereits an der Bergischen Universität Wuppertal entwickeltes Konzept eines kooperativen Seminars für musikalische Begegnungen zwischen Studierenden und straffällig gewordenen Jugendlichen der JVA Wuppertal-Ronsdorf führte Ziegenmeyer nach ihrer Berufung an die MHL im Jahr 2021 in enger Zusammenarbeit mit der Jugendarrestanstalt Moltsfelde fort.
Für die spezifischen Rahmenbedingungen des Jugendarrests wurde das ursprüngliche Design zu einem einwöchigen Format – einer Musikwoche – weiterentwickelt. Der Jugendarrest ist eine kurzzeitige, erzieherisch orientierte Maßnahme des Jugendstrafrechts (§ 13 JGG), die verhängt wird, wenn eine Jugendstrafe noch nicht erforderlich ist, Verwarnungen oder Auflagen aber nicht mehr ausreichen – zum Beispiel bei kleineren oder mittleren Delikten.
Beim „Perspektivwechsel“ wird der Jugendarrest zu einem außerschulischen Lernort, an dem sich neue Formen musikalischer und sozialer Begegnung eröffnen. So stoßen die hier bereits seit 2021 laufenden Musikwochen nicht nur bei den Studierenden und Jugendlichen, sondern auch beim Personal auf große Resonanz: Christoph Schletze, Vollzugsabteilungsleiter, beschreibt die Zusammenarbeit als für beide Seiten außerordentlich fruchtbar: „Die Studierenden verlassen ihre vertraute Musik-Bubble und begegnen jungen Menschen, deren Lebenswege oft von Brüchen geprägt sind. Im gemeinsamen Musizieren entsteht ein Raum, in dem Vertrauen erlebbar wird – und in dem auch Studierende ganz konkret erfahren, wie wichtig Beziehungsarbeit, Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit sind. Musik wird so zur Schnittstelle unterschiedlicher Sozialisationserfahrungen. Im Mittelpunkt steht der inklusive Beziehungsaufbau durch Musik – der Prozess ist dabei wichtiger als das Ergebnis. Weder Arrestierte noch Studierende stehen unter Erfolgsdruck; vielmehr lernen beide Gruppen, flexibel miteinander umzugehen und sich auf Unvorhergesehenes einzulassen. Studierende begreifen das Seminar als Chance, ihre Perspektive auf Gesellschaft, Bildung und unterschiedliche Zielgruppen zu erweitern.“ Von den Jugendlichen wird die Musikwoche häufig als „krasses Glück“ beschrieben – ein unerwartet positives Erlebnis in ihrer ansonsten schwierigen Lebenslage.
Das Seminar „Perspektivwechsel“ ist im musikpädagogischen Wahlbereich der MHL verankert und dient der Vorbereitung, Begleitung und Reflexion der hier entstehenden Musikwochen. Ihr Verlauf ist nie planbar – jede Gruppe von durchschnittlich sechs Arrestant:innen bringt eigene Dynamiken mit sich und erfordert von den Studierenden einerseits eine gute Vorbereitung, andererseits aber auch viel Flexibilität in der Gestaltung.
In vielen Musikwochen erkunden die Jugendlichen Instrumente wie Gitarre, Klavier oder Cajón, schreiben eigene Texte und produzieren gemeinsam Songs. Im Anschluss werden je nach Bedarf mögliche Anschlussangebote und Kontakte zu einer kostenlosen Weiterführung musikalischer Praxis aufgezeigt. Wenngleich sich solche Fortführungen nicht planen lassen, so lohnt ein Blick auf individuelle Einzelfälle: So kam ein ehemaliger Arrestant mit seinem Freund nach seiner Entlassung an die MHL, um dort seinen im Arrest entstandenen Song professionell aufzunehmen. Solche Momente verdeutlichen das Potenzial dieses besonderen Lernraums, in dem Musik, Empathie, Selbstreflexion und Begegnungen auf Augenhöhe zusammenkommen.
Von der Keimzelle zum Forschungs- und Transferprojekt
Aus den positiven Erfahrungen in Moltsfelde entstand 2023 das Forschungs- und Transferprojekt „Auftakt – Musik als Entwicklungsressource für die Resozialisierung straffällig gewordener Jugendlicher und Heranwachsender“. Gefördert durch die Possehl-Stiftung mit 180.000 Euro über drei Jahre wird im Projekt untersucht, wie Musik im Jugendarrest als Raum kultureller Bildung genutzt und in die kulturelle Infrastruktur Schleswig-Holsteins eingebettet werden kann. Das Projektteam besteht aus Prof. Dr. Annette Ziegenmeyer (Leitung, Musikhochschule Lübeck), Julia Peters (wissenschaftliche Mitarbeiterin, Musikhochschule Lübeck) und Dr. Andreas Heye (Projektpartner, Universität Bielefeld). In seiner Ausrichtung fokussiert das Projekt AUFTAKT die drei Säulen Forschung, Wissenschaftskommunikation und Transfer.
Forschungslücke
Trotz existierender kooperativer Projekte zwischen Bildungs-, beziehungsweise Kultureinrichtungen und Einrichtungen des Strafvollzugs, gibt es hierzu bislang kaum empirische Untersuchungen, die aus einer musikpädagogischen Perspektive auf die sich hier zeigende Praxis blicken. Dies gilt insbesondere auch für den Jugendarrest. Im Rahmen ihrer Dissertation begleitet Julia Peters das Seminar „Perspektivwechsel“ mit Fokus auf die musizierpraktische Arbeit im Jugendarrest. Dabei untersucht sie die Perspektiven sowohl in der Entwicklung der Arrestant:innen als auch der Musikstudierenden. Die Forschung in diesen vulnerablen Lebenssituationen der Jugendlichen erfordert viel Fingerspitzengefühl und Flexibilität, um aus den Beobachtungen und flankierend geführten Interviews mit den unterschiedlichen Akteursgruppen wissenschaftlich fundiert und zugleich respektvoll Erkenntnisse nachhaltig für musikpädagogische Diskurse fruchtbar zu machen.
Transferbausteine
Im Mittelpunkt der anderen beiden Säulen steht der Aufbau nachhaltiger Strukturen, die den Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis und Gesellschaft fördern. Durch Vorträge und Publikationen einerseits sowie die Erschließung und Verknüpfung neuer Netzwerke und Partnerschaften werden die Erkenntnisse des Projekts breit vermittelt und seine Wirkung langfristig gesichert. Im Folgenden werden erste zentrale Transferbausteine vorgestellt.
Netzwerkbildung und -tagung
Im Rahmen des Projekts hat sich inzwischen ein eigenes Netzwerk für den deutschsprachigen Kontext gebildet. Es bringt Akteur:innen zusammen, die sich theoretisch und/oder praktisch mit Musik im (Jugend-)Strafvollzug und Jugendarrest beschäftigen oder in angrenzenden Bereichen wie Nachsorge, Prävention, Jugendgerichtshilfe und anderen Feldern tätig sind. Neben Fachpersonen aus Justiz, Sozialer Arbeit, Wissenschaft und Praxis gehören auch einige ehemals Inhaftierte zum Netzwerk. Ziel ist es, die Chancen kultureller Partizipation im Strafvollzug zu erkunden und zu stärken, und dabei einen Raum für fachlichen Austausch und zugleich eine Plattform der Sichtbarkeit zu bieten. So trägt es die Vielfalt musikbezogener Praxis im Strafvollzug in die Öffentlichkeit und hebt das Potenzial von Musik als Medium sozialer Teilhabe hervor.
Neben regelmäßigen Online-Treffen, die alle zwei Monate stattfinden, bildete die Netzwerktagung im November 2025 einen ersten gemeinsam gestalteten Meilenstein, bei der insgesamt 70 Fachleute aus Kultur, Justiz, Pädagogik und Sozialarbeit, darunter auch der ehemalige Strafintensivtäter Mashood Khan zusammenkamen, der heute als Sozialarbeiter in der Prävention arbeitet. Gemeinsam diskutierten sie, wie musikalische Praxis Resozialisierung und gesellschaftliche Teilhabe unterstützen kann. Die für die Öffentlichkeit geöffnete Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, wie Musik Anerkennung stärkt und Menschen im Vollzug neue Perspektiven eröffnet. Höhepunkt der Tagung war die feierliche Preisverleihung des Wettbewerbs „Die kleine große Knastmusik“, bei der die transformative Kraft musikalischen Ausdrucks anschaulich erlebbar wurde.
Der Wettbewerb „Die kleine große Knastmusik“ als Motor
Als weiterer Transferbaustein wurde der Wettbewerb erstmals im Sommer 2025 von dem Projektteam und Sandra Sinsch – der Ideengeberin des Wettbewerbs – initiiert und organisiert. Von der Dräger- Stiftung mit 5.000 Euro gefördert, richtet er sich an alle Menschen in Deutschland, die sich in einer freiheitsentziehenden Maßnahme befinden – etwa in Haft, Jugendarrestanstalten oder forensischen Einrichtungen, und die ihre musikalische Praxis zeigen möchten.
An dem Wettbewerb beteiligten sich in diesem ersten Durchgang über elf Einrichtungen aus sechs Bundesländern, darunter die JVA Lübeck, JVA Dortmund, JVA Geldern, JVA Aachen, JVA Herford, JAA Moltsfelde, JVA Kassel II, JVA Zeithain, die Outlaw gGmbH sowie die Forensik Uchtspringe. Die Einsendungen spiegelten eine Vielfalt an ausdrucksstarken Songs über selbst komponierte Instrumentalstücke bis hin zu gemeinschaftlich entwickelten Projekten wider. Im Rahmen der Preisverleihung erhielten die nominierten Beiträge neben einer Urkunde als sichtbares Zeichen der Anerkennung zusätzlich einen zweckgebundenen Geldgutschein für eine Anschaffung für den Musikbereich im Rahmen der Freizeitmaßnahmen.
Zukunftsblick
Die transdisziplinäre Zusammenarbeit im AUFTAKT-Projekt zeigt eindrucksvoll, welche transformative Kraft Musik entfalten kann, wenn die verschiedenen Akteur:innen und Institutionen, die mit jungen Menschen arbeiten, noch enger zusammenwirken. Dies ist ein langfristiger Prozess, der von allen Beteiligten viel Engagement und einen langen Atem erfordert. Die ersten Schritte sind im Rahmen des AUFTAKT-Projekts getan. Durch die projektimmanente Anlage – bestehend aus Seminar, wachsendem Netzwerk und Wettbewerb – sowie durch die beteiligten Partner:innen wurden geeignete Strukturen geschaffen, die eine Weiterführung der Projektmaßnahmen auch über die eigentliche geförderte Projektlaufzeit hinaus ermöglichen – vorausgesetzt, die Vernetzung bleibt lebendig. So kann sich die Situation im Jugendarrest durch gezielte Bildungsangebote nachhaltig verbessern, und die Thematik wird stärker in das öffentliche Bewusstsein gerückt.
www.mh-luebeck.de
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Kontakt: auftakt
mh-luebeck.de (auftakt[at]mh-luebeck[dot]de)
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