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Grafisches Design im Netz
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Spricht man vom Design im Internet, spricht man automatisch von einer Zeit vor und von einer Zeit nach der medialen Neuerung, die um das Jahr 1995 mit dem Schlagwort „WWW“ stattfand. Davor waren alle Inhalte im Netz statisch und in Textform aufbereitet. Es war „Ambiente zweiter Klasse“, wie der Webdesign-Guru Hillman Curtis die Ästhetik dieser Zeit bezeichnet, bevor die technischen Neuerungen und höheren Verbindungsgeschwindigkeiten es ermöglichten, die Netzinhalte in Bewegung zu versetzen.

Spricht man vom Design im Internet, spricht man automatisch von einer Zeit vor und von einer Zeit nach der medialen Neuerung, die um das Jahr 1995 mit dem Schlagwort „WWW“ stattfand. Davor waren alle Inhalte im Netz statisch und in Textform aufbereitet. Es war „Ambiente zweiter Klasse“, wie der Webdesign-Guru Hillman Curtis die Ästhetik dieser Zeit bezeichnet, bevor die technischen Neuerungen und höheren Verbindungsgeschwindigkeiten es ermöglichten, die Netzinhalte in Bewegung zu versetzen.Seitdem gibt es die „art of motion graphics“ im Internet – ebenfalls ein Slogan des bekannten und viel beschäftigten Designers Curtis. Seit dieser Zeit ruckelt und zuckelt es nicht nur, sondern ergeben sich auch völlig neue Optiken. Das rein Horizontale und Vertikale des vom Buchdruck und den Printmedien übernommenen Layouts wird erweitert durch Rundungen, Brüche und Verschwommenes, einstmals Statisches erweitert durch lineare Bewegungen, Zuckungen und konzeptionierte Filme.

Als Marshall McLuhan in einem ganz anderen Zusammenhang formuliert, dass das Medium die „Message“ sei, lieferte er für eine junge Garde kreativer Designer und Layouter im Internet den Arbeitstitel für ihr künftiges Wirken: „Die Bewegung ist die Message“. Wenn ein Text oder ein Textzug zusätzlich zu seinem reinen Informationsgehalt über den Bildschirm bewegt wird, entscheiden Größe, Farbe, Zeichenabstände und Zeichensatz, Geschwindigkeit und Art der Bewegung, wie der Text wirkt, wie ihn der Betrachter wahrnimmt. Das Textelement kann Ruhe ausstrahlen, zu Konzentration führen, Stabilität ausdrücken – es kann ebenso Hektik verursachen, Schnelligkeit suggerieren oder schlicht verstörend wirken. Längst kann Bewegung die „Message“ sein, das Eigentliche, das eine Website ausmacht. Das Internet mit seinen Inhalten ist nicht mehr rein wissenschaftlicher Verwahrungsort digitalisierter Informationen und Daten, sondern bereits an vielen Ecken ästhetische Ausdrucksform.

Die spezifische Web-Ästhetik ist aber keine reine Erfindung des Internets, sondern entstand zeitgleich in den Jugendformaten der Fernsehmedien. Das ergab sich meist dadurch, dass optisch wahrnehmbare Bewegungen zugleich in einer bestimmten Kultur verankert sind. So kennt man in der Werbe- und Designerbranche den Ausdruck „zu sehr MTV“ für die typisch schnellen Schnitte, die geometrisierten Formen und gleichförmigen Bewegungen. Während MTV auf seiner Website bereits zu einem anderen Styling übergegangen ist, frönt der Mobilfunkanbieter LOOP etwa nach wie vor dem „MTV-Style“ (http://www.loop.de/loop/

Und daneben gibt es zahlreiche Styles, die jedem Designer geläufig sind und jeder für sich eine abgeschlossene „Welt“ an optisch-akustischen Ausdrucksformen im Netz darstellt.
Da gibt es den düsteren und kühlen Kyle-Cooper-Look (
http://www.imaginaryforces.com), den freaky Look des Pixel-Designs (z.B. http://www.pixelwebdesign.com/), Geometric Styles (z.B. http://www.motiontheory.com/) und viele andere mehr. Und immer häufiger genügt sich die Bewegung selbst, ersetzt sie den Inhalt und wird Webinhalt, zum filmischen Gegenstand (http://www.derbauer.de/B_PORTAL_SEL.htm

Doch nicht nur das „Styling“ sieht sich heute an vielen Stellen im Netz mit dem Anspruch des Besonderen konfrontiert. Auch die Bewegungsprinzipien innerhalb einer Seite, die Navigation also, findet immer neue Formen. Die gängige Darstellung von Menüs an den Seiten einer Website – horizontal oder vertikal ausgerichtet –orientiert sich an der Gewohnheit, vor allem an den Inhaltsverzeichnissen gedruckter Informationen. Seitdem der Wunsch nach Gestaltung, seitdem eine visuelle Sprache Einzug gehalten hat, haben sich neben der Bewegung der Inhalte auch die Prinzipien der Bewegungen innerhalb der Inhalte geändert.

Die Designer haben sich längst von den Beschränkungen der Frames und Tabellen befreit und ordnen ihre Navigationselemente nunmehr beliebig im Raum an und gestalten sie auch nicht mehr lediglich in punkto Bedienerfreundlichkeit (neudeutsch: „Usability“), sondern Design und Navigation sollen eine Einheit ergeben und dennoch auf das Wesentliche beschränkt sein. Wie sich die Form der Präsentation des Inhalts nach diesem auszurichten hat, muss auch die Navigation durch den Inhalt mit diesem in Einklang gebracht werden. Sehr eindrucksvoll gelingt das Pascal Gliesmann mit seiner Arbeit „Subcologne“ (http://www.subcologne.de/), in der er den Besucher auf eine visuelle und akustische Reise durch die unterirdischen Netzwerke der Stadt Köln nimmt. Die Navigation richtet sich dabei auch an den Netzen aus. Ähnlich anspruchsvoll gestaltet sich die Navigation bei den Designern marc&chan-tal (http://www.marc-chantal.com/index_pc.html). Hier dient die Navigation nicht nur dazu, sich durch die Internetseiten zu bewegen, sondern ist ebenso gestalterisches Element, Blickfang und Pausenfüller, während die nächsten Inhalte geladen werden.

Mit den neuen Möglichkeiten erneuern sich ebenso die Ansprüche der Designer immer wieder. Hillman Curtis geht mittlerweile so weit, dass er auf die Globalität des Designs verweist: „Obwohl der Inhalt häufig nur lokale Bedeutung hat und in einer bestimmten Sprache verfasst ist, könnte die Sprache des Grafikdesigners diese Hürde nehmen und Übersetzungen überflüssig machen. Als Designer in diesem neuen Medium sollten wir darum bemüht sein, nationale Grenzen zu überschreiten und eine globale visuelle Sprache (GVS) zu schaffen.“ Was er damit auch meinen könnte, nämlich das Internet als künstlerisches Medium, zeigt er auf seiner eigenen Website (http://www.hillmancurtis.com) mit seinen Internet-Kurzfilmen „60 seconds with…“

Doch neben den künstlerischen oder rein spielerischen Aspekten modernen Grafikdesigns geht es auch um konkrete Anforderungen, zum Beispiel den Anforderungen eines Auftrages für einen Kunden, der es erforderlich macht, die Theorie zu verlassen und statt dessen Prozesse zu entwickeln, die aus Theorie Praxis werden lassen. Und hierbei müssen grundlegende Gegebenheiten berücksichtigt werden: Welche Inhalte sollen mit wem kommuniziert werden (form follows function)? Welche technische Umgebung ist zu berücksichtigen (visual borders)? Wieviel kann der aufmerksame Betrachter gleichzeitig erfassen (multitasking)? Welche Elemente ermöglichen (emotionale) Identifizierung (branding)? Diese vier grundlegenden Fragen sind zu stellen, wenn ein bestimmtes Design für eine bestimmte Seite erstellt werden soll. Aber nicht nur solch theoretische Überlegungen vor Beginn einer Arbeit spielen eine Rolle, sondern schlicht auch das technische Equipment. Der erfahrene Beobachter erkennt an vielen Websites auf den ersten Blick, mit welchen Tools sie erstellt wurden. Je professioneller Programme und Design-Tools werden, umso einfacher wird zwar der Zugang für den Einzelnen, aber umso mehr weicht die kreative Einzelleistung und ästhetische Geschmacksausbildung vor Einheitsbrei und Allerweltsgrafik zurück. Es genügt eben nicht, weit verbreitete und professionelle Werkzeuge wie Photoshop oder Flash anzuwenden, um zu einer „visuellen Sprache“ zu gelangen, sondern es gehört auch die Fähigkeit dazu, Formen und Bewegungen soweit zu imaginieren, dass sie nach Abschluss der Arbeit in der Lage sind, Inhalte zu kommunizieren. Die besten Beispiele im Internet zeigen eben genau das: Everything else is just Internet.

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