«Für die Freiheit der Kunst»


19.12.06 -
Berlin (ddp). Kaum eine Operninszenierung hat in den vergangenen Jahren für so viel Wirbel gesorgt wie Wolfgang Amadeus Mozarts «Idomeneo» an der Deutschen Oper Berlin. Doch nicht etwas künstlerisch nie Dagewesenes, sondern ihre Absetzung hatte weltweit für eine heftige Debatte über die Freiheit der Kunst gesorgt.
19.12.2006 - Von nmz-red/leipzig, KIZ

Unter großem Polizeischutz und eben solchem Medieninteresse auch aus Japan und den arabischen Ländern war die Inszenierung des Meisterregisseurs Hans Neuenfels am Montagabend erstmals wieder auf der Bühne zu erleben. Vom Publikum wurden Aufführung und Sänger stürmisch gefeiert. Nur ein einziger Protestler versuchte, sich durch lautes Türenschlagen Verhör zu verschaffen. «Viele Besucher wollten ein Statement geben für die Freiheit der Kunst», gab sich Intendantin Kirsten Harms nach der Aufführung erleichtert.

Die Inszenierung des 65-jährigen Neuenfels war von Intendantin Harms im September vom Spielplan genommen worden, nachdem das Berliner Landeskriminalamt in einer Gefahrenanalyse von einer möglichen islamistischen Bedrohung der Aufführung ausgegangen war. In Neuenfels´ Schlussszene trägt der kretische König Idomeneo die abgetrennten Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed auf die Bühne. Konkrete Hinweise auf eine Bedrohung hatte es aber zu keinem Zeitpunkt gegeben.

Auch für Neuenfels, im vergangenen Jahr zum «Regisseur des Jahres» gekürt, war das eine neue Erfahrung. Rund 150 Polizisten sicherten am Montagabend die Wiederaufnahme seiner Inszenierung. Rund um das Opernhaus hatten sich Polizeiwagen postiert, im Inneren des Hauses patrouillierten «unauffällige» Herren in dunklen Anzügen, mit umsichtigem Blick und einem Knopf im Ohr durchs Publikum. Zu einer angemeldeten privaten Kundgebung vor Beginn der Aufführung kamen nur zwei Personen.

Dafür fanden sich jede Menge Ehrengäste ein, darunter Politiker wie Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), Bundestagspräsident Norbert Lammert und Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Nur ihnen blieb es an diesem Abend erspart, sich in die Schlangen vor den extra aufgestellten Metalldetektoren einzureihen. Die übrigen rund 1800 Zuschauer mussten einzeln, wie im Flughafen, die Schleusen durchschreiten. Da das länger dauerte als geplant, begann «Idomeneo» mit einer halben Stunde Verspätung.

Die Ansichten über die Aufführung und über das, was Kunst darf, blieben auch nach der Aufführung geteilt. «Ich muss mir so ein Stück, in dem mit Religion so leichtfertig umgegangen wird, nicht ansehen», sagte der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, nach der von ihm nicht besuchten Aufführung. Er war der Einladung des Innenministers zum Besuch der Oper nur zu einer anschließenden Diskussionsrunde gefolgt. «Für mich als gläubiger Mensch ist das Stück nicht religionskritisch, sondern religionsfeindlich», äußerte er über die nicht gesehene Inszenierung.

Ali Ertan Toprak von der Alevitischen Gemeinde Deutschland dagegen war gekommen, «um die Meinungsfreiheit zu verteidigen». «Es ist schade, dass andere Mitglieder der Islamkonferenz nicht dabei sind», kritisierte er.

Neuenfels wirft seinen Regisseurkollegen stets einen Mangel an Interpretationsfreude vor. Für ihn stellt Mozarts Oper die Frage, was Fremdbestimmung, also Religion, und die daraus resultierenden Fragen wie Fanatismus, falsche Idylle, Verengung und vorgegaukelte Sicherheit bedeuten. In seiner Interpretation der Oper «Idomeneo» wird der kretische König Idomeneo vom Opfer zum Täter: Auf Geheiß des Meeresottes Poseidon soll er ihm seinen eigenen Sohn opfern, um ihn und damit das Meer zu besänftigen. Idomeneo weigert sich, das zu tun und legt sich mit den Göttern an. Neben Poseidon zeigt er auch immer die Propheten Jesus, Mohammed und Buddha, wenn von «den Göttern» die Rede ist. Um sich gegen sie zur Wehr zu setzen, köpft er sie, scheinbar wahnsinnig geworden. Neuenfels geht es dabei um «die Verantwortung des Einzelnen».

Am 29. Dezember wird die aufwühlende Inszenierung erneut an der Deutschen Oper zu sehen sein. Auch dann soll wieder ein großes Polizeiaufgebot die Oper vor möglichen religiösen Eiferern schützen. «Erst später werden wir entscheiden, ob sie wieder fest in unser Repertoire übernommen wird», sagte die Intendantin.

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