Elisabeth Seitz - Exotin am Hackbrett


10.06.14 -
Wuppertal/Eisleben (dpa) - Wer den Namen Elisabeth Seitz in die Internet-Suchmaschine Google eingibt, landet zunächst bei einer Kunstturnerin. Die Kunst der Musikerin Elisabeth Seitz ist freilich von ganz anderer Virtuosität: Deutschlands wohl bekannteste Hackbrettspielerin bereichert die Alte Musik mit einem Instrument, das biblisches Alter besitzt und in vielen Kulturkreisen verbreitet ist - auch wenn es dort Santur, Khim oder Cymbal heißt.
10.06.2014 - Von dpa, KIZ

 
In der italienischen Barockmusik hat das Hackbrett als Salterio Karriere gemacht. Heute wird in Programmheften oft die Bezeichnung Psalterion, Psalterium oder Psalter verwendet - Hackbrett mag für zart besaitete Musikfreunde zu martialisch klingen.
 
Elisabeth Seitz (41) hat schon früh mit dem Hackbrett Bekanntschaft gemacht. «Ich bin in Bayern aufgewachsen, da ist es in der traditionellen Musik üblich. Als Kind habe ich eines geschenkt bekommen und darauf herumgeklöppelt. Dann blieb ich an dem Instrument hängen», erzählt die in Wuppertal lebende Künstlerin. Dass ihre Schwester Johanna zur Harfe griff, war gleichfalls keine bewusste Entscheidung. Bei den Seitzens wurde gespielt, was vorrätig war - eine Harfe fand sich nun mal im Haus. Der Zufall hat die Karrieren der beiden Schwestern beeinflusst. Heute spielen sie auch im Duo und schmücken mit ihren formschönen Instrumenten diverse Formationen.
 
Bis Elisabeth Seitz ihr Hackbrett auf Weltklasse-Niveau spielen konnte, gingen freilich ein paar Jahre ins Land. Der Unterricht in der Musikschule behagte der Zehnjährigen anfangs gar nicht: «Ich fand es doof, dass hauptsächlich Volksmusik gespielt wurde.» Erst als sie das Instrument besser beherrschte und sich ausprobieren konnte, kam sie richtig auf den Geschmack. Frühbarocke Musik und Folklore anderer Länder eröffneten ihr fortan ein ganz anderes Klangspektrum. Tatsächlich lässt sich das Hackbrett nicht auf volkstümliche Musik und «Musikantenstadl» reduzieren - eine Bühne, auf der Elisabeth Seitz bis heute nicht auftreten würde.
 
Ihr Studium führte sie in Zentren der europäischen Barockmusik: Linz, München, Den Haag. Die Zahl der Psalterion-Spieler in Europa ist überschaubar. «Das ist immer noch ein Nischeninstrument in der Alten Musik. Ich lebe von einem Exotenbonus», sagt Seitz. Doch Hörer würden sich freuen, wenn es in Barockmusik auch mal eine neue Farbe gibt. Tatsächlich klingt das Instrument beim Spiel von Elisabeth Seitz alles andere als angestaubt. Es perlt wie in einem guten Prosecco, natürlich Spumante. Die erfrischende Wirkung der Alten Musik hat mit der Haltung ihrer Spieler zu tun. Die Szene musiziert so, wie es früher mal üblich war, mit viel Improvisation, ohne Konventionen.
 
Kollegen sprechen über Elisabeth Seitz in den höchsten Tönen: «Sie zählt für mich - genau wie ihre Schwester - zu dem, was man heute gerne Ausnahmemusiker nennt», sagt der Lautenspieler Michael Dücker, mit dem die Seitz-Schwestern im Ensemble Nuovo Aspetto spielen: «Absolut natürliche Musikalität gepaart mit großer Fantasie und Ideenreichtum. Sie hat das Hackbrett in die Klassikwelt gebracht». Beim Blick auf den Nachwuchs für ihr Fach ist Elisabeth Seitz nicht bange. Es gebe genügend Leute mit Potenzial. Veränderungen wünscht sie sich jedoch am klassischen Ausbildungssystem: «Da steckt so viel Angst und Perfektionismus drin, dass es die Musik erstickt.»
 
«Alte Musik ist universell verständlich, weil sie heutige Strukturen bedient. Sie steht praktisch an der Grenze zwischen E- und U-Musik», betont die Musikerin. Abseits von sakraler Musik habe sie neben Repräsentationszwecken zur Unterhaltung gedient - ob nun am Hofe oder im Wirtshaus. «Sie wurde zum Spaß gemacht und nicht wie heute im todernsten Rahmen eines Konzertsaales.» Crossover-Projekte und eine zügellose Neugier vieler Musiker haben dafür gesorgt, dass immer mehr unbekannte Werke eine Renaissance erlebten und ein völlig neues Publikum erreichen. «Klar, ich würde auch gern mal mit einer Rockband spielen. Ich blicke in alle Richtungen», sagt Elisabeth Seitz. Nur der «Musikantenstadl» gehe nun mal nicht. 
 
Jörg Schurig
 

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