Mittelalterliche Instrumente im Computertomographen gescannt - Wissenschaftler untersuchen 500 Jahre alte Drehleier


11.04.09 -
Solche Klänge gibt es am Institut für Medizinische Physik der Universität Erlangen-Nürnberg sonst nie zu hören. Andreas Spindler hat das Instrument quer über seinen Schoß gelegt, er dreht an der Kurbel, dazu drückt er einige Tasten, die sich an der Seite befinden. Ein exotischer Klang erfüllt den Raum, entfernt erinnert die Musik an einen Dudelsack.
11.04.2009 - Von Frank Gundermann (ddp), KIZ

Am Donnerstag gab der oberfränkische Musikinstrumentenbauer Spindler vom Forschungszentrum Mittelaltermusik Wernsdorf im Institut für Medizinische Physik in Erlangen eine Kostprobe mittelalterlicher Musik. Er spielte auf einer nachgebauten Drehleier. Auch wenn das neu erstellte Instrument dabei etwas größer war, so dürfte sich das Original, das an diesem Tag in einem Nebenraum gescannt wurde, wohl ähnlich anhören. So wurden am Institut abschließende Scans einer Drehleier aus dem 15. Jahrhundert durchgeführt.

Ziel der Zusammenarbeit zwischen dem Erlanger Institut und dem Lehrstuhl für Numerische Mathematik der Uni Gießen sowie dem Forschungszentrum Mittelaltermusik im oberfränkischen Wernsdorf ist die Darstellung des Instrumenten-Innenlebens. Die Drehleier war vor rund 20 Jahren in einem spätmittelalterlichen Haus in Konstanz am Bodensee entdeckt worden. Nach den Abnutzungsspuren zu urteilen, sei das Instrument schätzungsweise 200 Jahre lang über mehrere Generationen gespielt worden, wie Spindler sagt.

Die Untersuchung mit modernster Medizintechnik sollte jetzt einen Einblick ins Innenleben der Drehleier ermöglichen, ohne diese «auseinanderzunehmen», wie der Direktor des Instituts für Medizinische Physik der Uni Erlangen-Nürnberg, Willi Kalender, sagt. So könne man mittels Computertomographie eine «zerstörungsfreie Materialprüfung» vornehmen und die genagelte Holzkonstruktion ohne Bohrungen oder Beschädigungen bis in Hundertstelmillimeterbereiche virtuell zerlegen und untersuchen.

Die ermittelten Daten werden nun am Lehrstuhl für Numerische Mathematik der Uni Gießen bearbeitet. Die Ergebnisse sollen dann ab August bei der Ausstellung «Aufbruch in die Gotik» in Magdeburg präsentiert werden. So ist eine 3-D-Präsentation geplant, die dem Zuschauer via Bildschirm einen Flug durch das Innere der Musikinstrumente ermögliche. «Die Besucher der Ausstellung sollen sich das Instrument anschauen können ohne es auseinanderzunehmen», sagte Sauer. Zudem helfe die Untersuchung bei der Rekonstruktion der Instrumente. So wird der Schweriner Instrumentenbauer und Volkskundler Ralf Gehler mit den Daten innerhalb von rund sechs Monaten die Drehleier aus Ahorn im Originalmaßstab nachbauen.

Laut Spindler ist die Drehleier «das Kunst-Musikinstrument des Hohen Mittelalters» gewesen, weil sie einen sogenannten Orgelpunkt gehabt habe, über den man Melodien spielen konnte. Im Mittelalter habe die Drehleier als «Krone der Schöpfung des Musikinstrumentenbaus» gegolten. «Sie hat alle Merkmale eines perfekten Instruments.»

Erst später dann sei sie als Volksmusik-Instrument verwendet worden und habe bis zum Barock einen eher schlechten Ruf als Bauernleier gehabt. Mit dem Beginn des Barock sei sie dann jedoch zu einer Art Pflichtinstrument für alle Adeligen geworden. Das Instrument lasse sich virtuos mit vier Finger auf bis zu 18 Tasten spielen, während gleichzeitig die Drehkurbel bewegt werde.

Für die Musikwissenschaft und Musikgeschichte ist die Zusammenarbeit der Institute «eine Sternstunde», so Spindler. «Das hat es noch nie gegeben, dass man so in Instrumente hineinschauen kann, wie wir es jetzt erlebt haben.» Neben der Drehleier aus dem 15. Jahrhundert wurde in Erlangen auch noch eine Kernspaltflöte aus dem 12. Jahrhundert gescannt und untersucht. 

Älteste Drehleier

Moin-moin,
vor gut 10 Jahren habe ich die Drehleier durch die Scheibe eines äußerst gut gesicherten Kastens im Museum von Herrn Erdmann in Goslar fotografiert. Neben dem Kasten hingen die Zeitungsauschnitte aus Köln, in der berichtet wurde, daß das Instrument in einem Abbruchhaus in Köln gefunden wurde, von dem man wußte, daß es um 1500 gebaut wurde. Ich bin etwas irritiert, daß im obigen Artikel plötzlich Konstanz am Bodensee als Fundort genannt wird.
Mit freundlichem Gruß

Wilfried Ulrich


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