Musik und: Was sich in der Schule ändern muss


06.02.02 -
Eine Umfrage unter Schülern bestätigt eindrucksvoll die Ergebnisse der Pisa-Studie: Nun geht es um neue Konzepte, Modelle, Strukturen. Die Betroffenen aber kommen kaum zu Wort. Dabei können sie oft am besten benennen, woran es im deutschen Bildungssystem fehlt.
06.02.2002 - Von Webwatch, KIZ

Zwei Monate dauert nun die Debatte um die Pisa-Studie. Sie bescheinigte den deutschen Schülern unteres Mittelmaß im Leseverständnis, im Anwenden von Wissen. Nun geht es um neue Konzepte, Modelle, Strukturen. Die Betroffenen aber kommen kaum zu Wort. Dabei können sie oft am besten benennen, woran es im deutschen Bildungssystem fehlt.
Die “Berliner Zeitung” hat - als Zusammenarbeit der Bildungsredaktion mit dem Projekt “Jugend und Schule” - eine Umfrage unter Schülern gestartet. Es kamen Dutzende spontaner Zuschriften von Schülern im Alter von elf bis 19 Jahren - die meisten davon übers Internet. Das Bild, das sich aus den Zuschriften ergibt, illustriert die Aussagen der Pisa-Studie eindrucksvoll. Es zeigt vor allem, wie groß das Gefälle zwischen den deutschen Schularten ist. In keinem Land, so hatte die Pisa-Studie festgestellt, schlagen soziale Herkünfte so sehr auf die Chancen in der Schule und den Lebensweg durch wie in Deutschland. In anderen Ländern - etwa in Skandinavien - bleiben die Kinder bis zum Alter von etwa 16 Jahren in einem Klassenverband zusammen. Viel Wert, so stellte die Studie fest, wird dort auf frühe Bildung und die individuelle Förderung gelegt. In Deutschland jedoch bilden sich früh Sub-Milieus. Diese sind in unserer Umfrage deutlich zu erkennen.

Peinlich berührt

Auf die Frage, was sie vom schlechten Abschneiden der Deutschen in der Pisa-Studie hielten, antworteten 15-jährige Gesamtschüler (in Original-Schreibweise): “Hatte ich mir fast gedacht, weil fast alle Schuler keine lust zu lernen haben!!!!” oder: “Ich finde es nicht so schlim nicht alles zu wissen”. So lauten die Antworten fast durchweg, auch wenn einige Schüler beklagten, nicht genügend vorbereitet worden zu sein. Die Gymnasiasten sehen sich von den Ergebnissen der Pisa-Studie meist peinlich berührt. Einige vergleichen das deutsche mit Bildungssystemen anderer Länder wie England oder Frankreich und schlagen vor, das Beste daraus für Deutschland zu nutzen.

Den wichtigsten Teil bilden die Antworten auf die Frage, was sich in der Schule ändern müsse. Kleinere Klassen, mehr PCs, ruhigeres Arbeitsklima, jüngere und lockerere Lehrer fordern viele Gesamtschüler. Vor allem aber (an Schulen mit hohem Ausländeranteil): “weniger Streit”, “weniger Gewalt” und mehr Waffenkontrollen an der Schule. Die Umfrage zeigt: Schulen in “Problembezirken” mit Migrantenkindern und sozial Benachteiligten verkommen. Wie wenig Chancen die Bildung in dieser Atmosphäre noch hat, zeigen die fast einhelligen Gesamtschüler-Antworten auf die Frage, welches Buch sie gerade in der Freizeit lesen: “Keins!!!!”, “Ich Lese nur Zeitschrieften z.B. Yam und Bravo”, “Ich lese keine Bücher”.

In der Gymnasialstufe kommen dagegen Hinweise, die von Tom Clancy “The Bear and the Dragon”, über Siegfried Lenz “Die Auflehnung”, bis zu Sartres “Les jeux sont faits” und der Nibelungen-Sage reichen. Besonders interessant ist, dass auch fast alle Grundschüler angaben, in der Freizeit zu lesen. Spitzenreiter waren natürlich “Der Herr der Ringe” und “Harry Potter”. Es folgten andere “spannende Büchern”, zum Beispiel die des bei 12-Jährigen offenbar sehr beliebten Autors Andreas Schlüter, aber auch Michael Endes “Die unendliche Geschichte” oder “Mensch Kai” von Anna Leoni. Wichtig ist dabei: Sie lesen, und die allgemeine Atmosphäre in der Schule trägt viel dazu bei.

Nicht nur an der Oberfläche, sondern bis in die Unterrichtsformen hinein gehen die Vorschläge, die Grundschüler für die Veränderungen an der Schule haben. Eine wahllose Reihung: Förderkurse für Leistungsstärkere sollten ausgebaut, der Unterricht in Deutsch, Mathe und Englisch entsprechend der Lernfähigkeiten der Schüler getrennt werden. Insgesamt sollte es mehr logische Denkaufgaben geben. In kleineren Lerngruppen sollten schwächere Schüler den Stoff wiederholen. Mehr Computer und kleinere Klassen wünschen sich die Schüler sowie Bibliotheken und Räume für die Gruppenarbeit. Der Unterrichtstag sollte erst zur zweiten Stunde beginnen, und in jedem Fach müsste es pro Schüler ein eigenes Buch geben. Unterfordert finden sich Schüler vor allem in Erdkunde, Biologie, einige auch in Kunst und Musik.

Die Schüler-Antworten auf unsere Frage, wann denn das Lernen besonderen Spaß machte, weisen auf verschiedene Wege, den Schulalltag zu beleben. Grundschüler heben den “Projektunterricht in Erdkunde mit Rollenspiel”, das “Zeitungsprojekt in der 4. Klasse” oder “in Biologie das Mikroskopieren” hervor. Gruppenarbeit, Exkursionen, gemeinsame Lösungssuche, besondere Themen, das Sich-Ausprobieren - solche Formen gefallen. Immer wieder kommen Begriffe wie “spielerisches Lernen”, “Spaß”, “nicht alles so ernst nehmen” oder “auch mal lachen”. Leistungsdruck, trockene Vermittlung und übergroßer Ernst dagegen lähmen die Motivation. Das Problem der ungenügenden pädagogischen Ausbildung der Lehrer, der fehlenden Mittel und der knappen Zeit betrifft alle Schularten.

Die deutsche Schule ist geprägt von Frontalunterricht und starrem Stundentakt. “Es müsste eine engere Bindung zwischen Freizeitgestaltung und Schule geben”, fordert ein Gymnasiast. Dennoch ist die Ablehnung der durch Pisa wieder belebten Idee einer Ganztagsschule groß. Kaum ein Schüler kann sich eine Verbindung von Schule und Freizeit vorstellen. Zu groß ist die Angst um die freien Nachmittage. Hier zeigt sich, dass eine Einführung der Ganztagsschule ohne neue Konzepte nichts bringt.

Gefragter Spaßfaktor

Dass Schule auch ganz anders aussehen könnte als heute, darauf kommen nur ganz wenige. Vom “Spaßfaktor” schreibt eine 18-jährige Gymnasiastin. “Am liebsten Musikschule und alle möglichen Sportarten. Vielleicht auch Diskutierkurse, Organisationskurse etc., also Sachen, die einem in der späteren Berufslaufbahn durchaus von Hilfe sein könnten.” Andere würden sich während eines Aufenthalts im Ausland erst einmal vergleichbare Schulen ansehen wollen. Die Katze kauft man schließlich nicht im Sack.

Torsten Harmsen

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