Wir leben in einer Zeit der medialen Überreizung. Wenn ich in meine dutzenden Postfächer schaue, so sind etwa 90 Prozent der Nachrichten Selbstanpreisungen unterschiedlichster Art. Festivals loben ihr einzigartiges und innovatives Programm, Musikerinnen bewerben ihre neue CD oder ihr nächstes sensationelles Konzert, Wikipedia-Editoren wollen meine Wikipedia-Seite überarbeiten, Übersetzer bieten ihre Dienste an, Agenturen buhlen um mein Interesse und Kollegen schicken mir ihre Newsletter. Und das geschieht absolut jeden Tag.
Moritz Eggert © Juan Martin Koch
Die Unmöglichkeit der Unsichtbarkeit
Auch wenn all dies verständlich ist, ist es ebenso verständlich, dass man sich manchmal in die Zeiten zurücksehnt, in denen die größte Plage Werbesendungen im Briefkasten waren (zur Beruhigung für die Nostalgiker: die gibt es natürlich auch noch). Wollte man etwas über die Konzerte oder Aufführungen oder überhaupt über die Aktivitäten von Musikern etwas wissen, blieb als einzige Informationsquelle die Zeitung oder ein Verlagsblatt, ansonsten erfuhr man rein gar nichts. Wollte man einen Kompositionsauftrag erteilen, musste man sich ein Telefonbuch besorgen.
Die große Frage, die wir uns alle angesichts der ständigen Überforderung stellen, ist die: könnte man sich diesem endlos geschwätzigen System überhaupt entziehen? Vielleicht wieder mehr komponieren, sich entspannen, ein Buch lesen?
Und man wird schnell feststellen, dass die Antwort ein klares Nein ist. Unsichtbarkeit ist inzwischen eine berufliche Unmöglichkeit. Wer keine Videos auf YouTube hat, keine Website, keinerlei soziale Medien oder moderne Kommunikationsmittel benutzt, ist quasi nicht existent, nicht auffindbar. Inzwischen ist es leider unsere Eigenverantwortung, alles, was wir tun, zu dokumentieren, zu verbreiten und herauszuposaunen, denn wenn wir das nicht tun, herrscht gähnende Leere, wenn man unseren Namen in eine Suchmaschine eingibt. Genau dies gilt es aber zu vermeiden, wenn potenzielle Auftraggeber anklopfen, denn diese schreckt nichts mehr ab als eine unergiebige Suchanfrage. Sie wollen sehen, dass man „relevant“ ist, dass es einen Hype gibt, ansonsten ist es unsexy.
Dies erzeugt für Newcomer – und damit auch für meine Studierende – eine schwierige Situation. Denn wo noch nicht viel sein kann am Anfang einer Karriere, ist das eigene Anpreisen ein schwieriger Job, denn keineswegs will man als Angeber gelten oder mit übertriebener Selbstvermarktung negativ auffallen. Jeder Hype fällt schnell in sich zusammen, wenn es keinerlei nachweisliche Untermauerung gibt. Die Wahrheit ist am Ende immer noch das Konzert oder die Aufführung und die Reaktionen darauf. So muss man unerbittlich jeden kleinen Auftritt medial melken.
Immer dann, wenn ich angesichts dieser Informationsflut verzweifle, tröste ich mich mit dem Gedanken, dass es früher dann auch nicht wirklich anders war, auch wenn die Mittel sich zu heute unterscheiden. Ein Mozart war ein Meister der Eigen-PR und verwendete viel Energie darauf. Sowohl ein Richard Wagner als auch ein Edgar Varèse als auch ein John Cage gaben Hauskonzerte mit dem einzigen Zweck, reiche Gönnerinnen und Gönner zu überzeugen. Johann Sebastian Bach – notorisch unzufrieden mit seinem Ansehen – waren Publicity Stunts wie Improvisationsduelle keineswegs fremd, er schmückte diese sogar nachträglich um Details aus, um noch besser dazustehen.
Aber um eines beneide ich die geschätzten Kollegen doch: Sie hatten kein Mobiltelefon und kein E-Mail-Postfach.
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