Hauptbild

Seite 1 der nmz 2026/06. 

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Höroskop

Untertitel
Das Editorial zur nmz 2026/06 von Theo Geißler
Vorspann / Teaser

Na endlich: Jahrelang habe ich in den mir zugänglichen kleinen Postillen vor den Gefahren künstlicher Intelligenz gewarnt. Aber selbstverständlich haben mich die mächtigen asozial-kapitalistischen Plattform-Inhaber in den Wahrnehmungskeller gesperrt mit ihrem konsumgesteuerten Pseudo-Allwissen. Da überrascht mich völlig unerwartet ein mächtiger Mitträger meiner Bedenken: der Papst. Als Agnostiker dennoch an seiner Seite möchte ich ihn mit einem Trick unterstützen, der jetzt hoffentlich die nötige Publizität bekommt. Ich habe – sauteuer – eine Stunde Rechenzeit bei der KI Allplexity gekauft, die bekanntlich fast alle Informationen künstlicher Intelligenzen zusammenfasst –, um ein digital gesichertes, prophetisches „Musik-Horoskop“ zu erstellen. In der Absicht, an einem lebenswichtigen sozialen Beispiel die Inkompetenz dieser Technik zu entlarven. Das Ergebnis:

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

„Musik: Die Planeten stehen günstig für jene, die niemals wussten, wohin sie gehörten. Das Genre stirbt einen langen, schönen Tod. Was du in dreißig Jahren hörst, trägt keinen Namen mehr – nur ein Gefühl, ein Profil, eine emotionale Signatur. Die Sterne des Fusionismus (Afrobeat trifft auf Kammermusik, Amapiano verschmilzt mit alpinem Folk) haben sich zu einem einzigen, pulsierenden Nebel verdichtet. Wer noch fragt, ob etwas ‚Hip-Hop‘ oder ‚Klassik‘ sei, wird angesehen wie jemand, der fragt, ob ein Fluss Wasser oder Bewegung ist. Wer im Jahr 2056 ein Konzert besucht, das wirklich klingt – nicht streamt, nicht rendert, nicht anpasst –, zahlt wie für eine sakrale Erfahrung. Brain-Computer-Interfaces ermöglichen es der KI, Musik direkt aus neuronalen Mustern zu destillieren. Ein verbliebenes Gehirn denkt eine Melodie – und irgendwo entsteht ein Klang. Die Grenze zwischen Hören und Träumen verschwimmt. Erlebnisse, bei denen Musik direkt im sensorischen Cortex entsteht – ohne Luft, ohne Welle, ohne Instrument. Es gibt keinen Hit mehr. Es gibt nur noch dein Lied – von einer KI in Echtzeit auf deine Biometrie, deinen Puls, deine Stimmungskurve des Tages maßgeschneidert. Multimodale KI analysiert deinen Gesichtsausdruck, deine Bewegung, deine Tagesgeschichte und komponiert daraus eine einmalige, ephemerе Sinfonie, die niemals ein zweites Mal erklingt. Musik im Jahr 2056 ist grenzenlos, volldigital, vergänglich und zugleich unsterblich, jedenfalls gemafrei“. Aufgrund eines päpstlichen Vetos unterlasse ich diesen Test…

Allplexity, Theo Geißler

Print-Rubriken
Unterrubrik