Juli, Regensburg, Basilika Sankt Emmeram, Eskalation. Die Schweizer Nachwuchssirene „Milune“, der Popwelt gänzlich unbekannt, wagte die noch nie dagewesene Provokation, ein Musikvideo in der zuvor erwähnten Kirche zu drehen. Die eidgenössische Aushilfs-Madonna (gemeint ist die Pop-Ikone) ist leider ein paar Jahrzehnte zu spät dran, hat das doch wesentlich bekanntere und mittlerweile im biblischen Alter sich befindliche Original bereits 1989 mit ihrem „Like a prayer“-Video ziemlich blasphemisch gezeigt, wie katholische Symbolik mit Tabubruch (Madonna tanzend vor brennenden Kruzifixen, in Reizwäsche und mit blutenden Stigmata, während sie eine Heiligenstatue küsst) funktioniert.
Sven Ferchow. Selfie
Pay, pray, sing
Nichtsdestotrotz erfüllt Milune mit ihrem Musikdreh wenigstens die Mindestanforderungen. Für ihr Video mit dem nicht gerade künstlerischen Titel „You believe in Jesus, I believe in Pussy“ tänzelte die 22-Jährige lasziv durch die Basilika. Erwartbare Reaktion der Kirche und der Medien: Entsetzen und zuweilen bürgerliche wie moralische Selbstaufrichtung bis zur Stimmbanddehnung. Das Bistum Regensburg, traditionell nicht für spontane Begeisterungsstürme bekannt, reagierte mit dosierter Erschütterung. Verständlich. Nun fragen wir uns: Musste das sein, das Video? Gewiss! Schließlich lebt Popmusik seit Jahren im Modus „Content first, Erlaubnis vielleicht“. Der Algorithmus heiligt die Mittel und kennt nur eine Litanei: Watchtime, Klick, Kommentar, Empörung, Repeat. Das Kirchenschiff als Bühne, die Sakristei als Backstagebereich. Empörung sei gestattet. Denn diese Art der künstlerischen Grenzüberschreitung gleicht dem Versuch, ein Cembalo mit Rollschuhen zu stimmen. Spektakulär zum Anschauen, schmerzhaft für alle, die eines besitzen. Aber, Hand aufs Herz (oder Portemonnaie, zwinker, zwinker): Wer die Bühne Kirche betritt, betritt eine Institution, die seit 2.000 Jahren weiß, wie man Deutungshoheit monetarisiert.
Warum also Chancen in Zeiten klammer Kassen und schwindender Mitglieder ungenutzt lassen? Tarif-Vorschläge? Drehgenehmigung Basic: Kerzenlicht, zwei Prozessionen als Statisten, Glockenläuten auf Klick und die Kanzel als Influencer-Pult macht 1.000 Euro die Stunde. Oder die Drehgenehmigung Pro: Rauchfass-Nebel-Maschine, gregorianischer Hook im Refrain, inkludierte Ablasspauschale für die Kommentarspalte auf Insta: 2.000 Euro pro Stunde. Und wer tiefer in die Tasche greift, erhält den „St.-Emmeram-Premium-Pass“: Altar-Backlight, Orgel-Glissando, Digitalrechte am kirchlichen Nachhall, Aufrüstung der Opferstöcke („Tap-to-Donate“) für kontaktloses Spenden und ein Merch-Stand am Ausgang, in dem der Meßner Hoodies mit der Aufschrift: „Ich war beim Skandal dabei und bekam nur dieses T-Shirt (und ein schlechtes Gewissen)“ verkauft. Liebe Kirche, die Basilika steht noch. Und wird noch stehen, wenn jeglicher Algorithmus inklusive Milune längst vergessen ist. Nicht die Kirche braucht den Skandal. Der Skandal braucht die Kirche. Ist doch so, oder?
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