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Reihe 9 in der Bühne Freiberg (Sachsen). Foto: mku

Reihe 9 in der Bühne Freiberg (Sachsen). Foto: mku

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Reihe 9 (#110) – Waffen und Waffeln

Vorspann / Teaser

Ich liebe zwar die große Oper mit großen Stimmen an großen Häusern, so richtig warm ums Herz wird mir aber doch eher an den kleinen Bühnen, wo mitunter nicht nur gut gesungen, sondern auch trefflich geschauspielert wird, wo Musik ordentlich „gemacht“ und nicht bloß „zelebriert“ wird. Solch kleine Häuser pflegen in der Regel ein sehr familiäres Selbstverständnis, das an der freundlichen Abendkasse beginnt, sich am Buffet fortsetzt und letztlich auch das Publikum auszeichnet. Wer kommt, ist wegen der Aufführung da – nicht um bloß gesehen zu werden oder ein schickes Pausen-Selfie zu machen. Dies gilt erst recht Anfang Januar am Fuße des Erzgebirges, wenn eigentlich alle von den Feiertagen ermattet sind. 

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Allzu oft hat sich das verkopfte Regietheater bereits an der einen oder anderen Partitur vergriffen, eine Oper gleichermaßen neu wie fremd gedeutet, die Handlung politisch aufgeladen und das Ganze ästhetisch ins Abseits geführt. In solchen Fällen gewinnt man oft den Eindruck, das Werk diene nur als Vehikel, um eine eigene Idee bis zum letzten Takt konsequent durchzuführen. Kleine Stadttheater eignen sich für einen solchen Ansatz ebenso wenig wie die Bühnenwerke von Albert Lortzing – gleich, ob man sie als Oper, Operette oder als Singspiel bezeichnen möchte. Denn sie leben vom Witz des Librettos, der Musik und (nicht zu vergessen!) des Schauspiels. Wenn an einem solchen Ort dann doch ein ganzes Werk umgedeutet wird, stellt sich die Frage des Gelingens gleich doppelt. So auch in Freiberg bei den Mittelsächsischen Bühnen. Frei nach der alten und doch noch immer aktuellen Losung „Schwerter zu Pflugscharen“ wurde hier durch Thomas Smolej aus dem Waffenschmied ein Waffelschmied.

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Freibergs „Gute Stube“ – aus dem 2. Balkon. Foto: mku

Freibergs „Gute Stube“ – aus dem 2. Balkon. Foto: mku

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Es ist nur ein Konsonant, doch mit ihm wird die unterhaltsame Geschichte um geprüfte Liebe, Bürgertum und Adel in eine andere Welt verlegt – in die des Handwerks bei Konditormeister Stadinger und des konkurrierenden Backwarenkonzerns „Ritter und Crème AG“. Man merkt in nahezu jedem Satz und jeder Szene, dass Smolej selbst für einige Jahre auf der Bühne gestanden hat (als festes Mitglied eines Kabaretts) und heute noch als Sprecher tätig ist. Seine zeitlose Bearbeitung von Lortzings bürgerlich-biederem Schwank wurde zudem mit sächsischem Lokalkolorit angereichert. Und die Inszenierung eröffnete dem quirligen Freiberger Ensemble eine spürbar willkommene Freiheit, um Wort und Spiel zu vereinen. Zum gänzlich „verrückten“ Plot gesellten sich dann auch noch queere Themen und Typen sowie ein lustvoll bunt gestaltetes Bühnenbild (Lukas Wassmann). Dass der Konditor (Frank Blees) im zweiten Akt seine Waffeln dann auch im Parkett verteilte, war am Ende nur konsequent. 

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Gefangen – und verspeist. Foto: mku

Gefangen – und verspeist. Foto: mku

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Kunst muss nicht immer durch Erhabenheit erstaunen. Sie darf (und muss) gelegentlich auch erheitern oder einfach Spaß machen. Und das gelingt eher dort, wo einem die Bühnenbretter und der enge Graben sehr nah sind. So wie in Freiberg, dem ältesten Stadttheater der Welt in seinem angestammten Gebäude (seit 1789). Wer hätte das gedacht?

Reihe 9

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, manchmal aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb. Die Folgen #1 bis #72 erschienen von 2017 bis 2022 in der Schweizer Musikzeitung (online). Für die nmz schreibt Michael Kube regelmäßig seit 2009.

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