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Theo Geißler. Foto: Charlotte Oswald
Theo Geißler. Foto: Charlotte Oswald
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Theos Kurz-Schluss: Wie mir einmal nichts anderes übrigblieb, trotz eines meinen üblen Lebenslauf begleitenden Teilgeständnisses beim Start-Up der Jugend nicht im Weg zu stehen

Vorspann / Teaser

Schon mal einen Fehler gemacht? Oder etwas vermeintlich total Korrektes, das sich später als grober Irrtum herausstellte? Also ich zum Beispiel habe im Alter von sechs Jahren vor dem Bahnhof in Gmund am Tegernsee als Plakatsandwich für die Zeugen Jehovas geworben. Meine Stiefoma, eine aus moralischen Gründen von der evangelischen Kirche abgefallene Bergwerksdirektors-Witwe, war in diese Irrglaubens-Gemeinschaft eingetreten. Damit nicht genug: In ihren Riesengarten mit unverbaubarem Seeblick spendierte sie den Bau eines Zeugen-Versammlungs-Centers namens „Königreichssaal“. Den ursprünglichen Seeblick des Wohnhauses inklusive. Mir flüsterte sie ein, dass die Sechs der Name des Teufels sei und ich in einem fürchterlichen Armageddon verbrennen würde, wenn ich nicht als Plakatwändchen an geeigneter Stelle missionarisch tätig würde. 

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In der ersten Gymnasiums-Klasse wurde ich von einer sympathischen, überzeugend argumentierenden Religionslehrerin wieder auf den rechten protestantischen Pfad gebracht. Gab in Krippenspielen den textreichen Engel. Und ließ mich gern von meinem Vater mit Kleingeld bestechen: Man konnte die Treffen der „Zeugen“ wunderbar verkürzen, indem man unreife Äpfel auf das Dach des Königreichssaales schmiss oder vor den Fenstern desselbigen das jaulige Harmoniumgezirp mit einer Blech-Gießkanne halb voller Steinen rhythmisch aufwertete.

So mit zwölf bildete ich mit meinem besten Freund, einem Neffen des Mussolini-Befreiers Otto Skorzeny am Ufer des Tegernsees mit Modellschiffen eine Marineeinheit zur Vertreibung von Kommunisten aus Ungarn(!). Unter Absingen recht martialischen Nazi-Liedgutes. Nach Umzug in die Weltstadt München pubertär geläutert, bestellte ich mir die kostenlose Fachzeitschrift „Sowjetunion heute“ bei der „russischen“ Botschaft. Als fanatischer Anhänger der Friedensbewegung begann mir kein Ostermarsch zu früh (da marschierten ja auch intelligente junge Frauen mit). Ob bei Demos gegen Hochschulgesetze („Haut den Huber in den Zuber“, „Wer hat uns verraten: Sozialdemokraten“) – später dann gegen Pershing II oder Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf: So in der zweiten oder dritten Reihe war ich dabei. Auch enthält meine Liste der eher lässlichen Sünden (die Beichte anderer unterliegt meiner Geheimhaltungspflicht) eine kurzfristige Freiheitsberaubung: An Regensburgs neu gegründeter Uni gabs 1969 für das Fach Geschichte einen Nazi-Prof. Dessen Radius schränkten wir für eine Nacht auf sein Studierzimmer (2. Stock, Lichthof) ein, indem wir seine einzige Zugangstür komplett vernagelten. Trotz guter Absicht scheiterte der Einbruch in den Charlottenburger Schlossgarten: Wir wollten für einen antiautoritären Kinderladen ein paar der aus der Distanz kleinen, aus der Nähe wenigstens drei Meter hohen, in massiven Töpfen verankerten Bäumchen klauen und fanden uns dann in unserer Stammkneipe „Das Klo“ mit zerrissenen Hosen, aber knallharten Argumenten wider die Brutalerbauer stacheldrahtgespickter Schutzwälle rund um grundsätzlich freies Volksvermögen wieder. Es folgten für mich in der Filmhochschulzeit die Produktion vermutlich hochgradig blasphemischer Kurzfilme („Der Marienschnaxler“). Oder der krass „propagandistisch-antiamerikanische“ Streifen „Peter und der Wolf“. Natürlich unter sozialistisch fundierter Übergehung seinerzeit uninteressanter urheberrechtlicher Bedenken – und zwecks Beschaffung eines als „Vogel“ dienenden Hubschraubers eine kleine Täuschung der Bundeswehr. 

Wenig später durfte ich als Ko-Autor und freier Mitarbeiter zwei Jahre lang intensiv an der Kinder-TV-Serie „Clown &Co“ des (horribile est dictu et auditu) Bayerischen Fernsehens mehr Geld verdienen als je zuvor (und danach). Unglaublich: Die Liberalitas Bavariae begleitete mich entlang meines gesamten offiziellen Berufslebens – auch zu Zeiten absoluter CSU-Mehrheit. 

Warum ich Sie mit alldem langweile: Als „alter weißer Mann“ (sollte ich nicht treffender „Bleicher Cis“ heißen?) verfolge ich gewisse aktuelle kulturelle Entwicklungen und Vorgänge zunehmend verständnislos. Trotz aller wie gesagt eher lässlicher Sünden hat man noch vor vierzig, fünfzig Jahren alte Menschen wertgeschätzt. Natürlich keine wie mich. Nicht Verbrecher, Volksverhetzer, Oppenheimer. Aber Frauen und Männer, die jede Menge Aufbauarbeit geleistet haben hierzulande. Der zeitgeistige wertegewandelte Blick auf Alternde mag einen zentralen Fokus auf zu vermutende künftige Wohlstandsbedrohungen haben. Dank senilen Vollpfosten, Kalksteinbrüchen, Grabbeigaben, bandscheibenfreien Silberrücken, alten Säcken, Rentenabkassierern eben. Igitt: Die ollen Griechen haben mal geunkt: „Ehret das Alter, so ehrt Ihr Eure Zukunft“. Blöder Tränendrücker. Ein Dokumentarfilm aus dem Boomer-Hochjahr 1973 namens „Soylent Green“ beschreibt treffend die Verwertung von Charakter-Chamäleons meiner Provenienz, dem Zeitgeist angepasst: Ich geh schon mal zum Billigbestatter und frage, was eine stilvolle Keksdose kostet.

Theo Geißler ist Herausgeber von Politik & Kultur