Die Uraufführung der Oper „Der Chronoplan“ am Staatstheater Mainz wurde als Sensation gefeiert. Den Librettisten Alfred Kerr kennt man als Musikkritiker, Schriftsteller und Dramaturgen, seine Ehefrau aber, die Komponistin Julia Kerr, ist vom Musikbetrieb bislang kaum zur Kenntnis genommen worden. Die Mainzer Entdeckung also – möglich gemacht durch eine Rekonstruktion von Norbert Biermann – verdient jede Aufmerksamkeit. Gleichwohl: In Julia Kerrs Partitur steckt mehr drin, als man in Mainz zeigt.
Ensemble Musikfabrik im Japanischen Kulturinstitut. Foto: June Ueno.
Bechers Bilanz – März 2026: Da steckt mehr drin
Mainz: Der Chronoplan
Actionszene mit bräsigem Finale
In der dem Ende zutaumelnden Weimarer Republik greift Julia Kerrs Opernmusik die wichtigsten Strömungen der 20er-Jahre auf: Sie orientiert sich am kantigen Klang und am tänzerischen Schwung von Kurt Weill, ohne das Schluchzen Franz Schrekers zu unterdrücken. Verliebt in das Grollen des tiefen Blechs erzählt das Werk eine Actionszene der Wissenschaft: Wie Albert Einstein und Bernhard Shaw einmal via Zeitmaschine (dem „Chronoplan“) zu Julius Cäsar reisen wollten, mangels Treibstoffs nur bis zur Romantik kamen, dort Lord Byron aufgabelten und ihn ins Berlin von 1929 verfrachteten. Dort irrt der Dichter wie Fürst Myschkin durch eine verrohte, sich selbst verzehrende Gesellschaft. Nichts wie weg.
Einmal mehr steckt der Berliner Musikverlag Boosey & Hawkes, dessen Entdeckerfreude in bemerkenswert stabilem Verhältnis zu den regelmäßig wechselnden Eigentümerverhältnissen steht, hinter der Rekonstruktion der Partitur. Die Mainzer Inszenierung durch Lorenzo Fioroni bleibt nah am pointiert gereimten Libretto und schwingt sich in der Zeitreise zwischen erstem und zweitem Akt, deren Musik nicht von Julia Kerr stammt, zu einem elektro-musikalischen Höhepunkt mit Video von Paul Zoller auf. Wo die Komponistin mit „Lohengrin“- und „Salome“-Zitat augenzwinkert, kontern die Kostüme von Annette Braun mit Batman-Pinguin und Murnau-Nosferatu sowie mit wuselnden Marienkäfern im Glitzersilber. Allerdings leidet der Abend unter einem Bühnenbild ohne Resonanzflächen; die Sängerinnen und Sänger kommen über das von Gabriel Venzago dirigierte Orchester kaum hinweg. Einzig Maren Schwier kann mit klar geführtem, dabei agilem Sopran wie mit überragender Bühnenpräsenz punkten. Dass der Abend am 23. März überhaupt stattfindet, verdanken wir Ensemblemitglied Yoonki Baek, der kurzfristigst vor dem Portal die Partie Lord Byrons übernimmt. Im dritten Akt überwiegen Sprechtexte; hier gerät die Musik auf ein Nebengleis, die Aufführung verliert Tempo und steuert den bedrückenden Schluss der Oper nur bräsig an.
Köln: Junge Deutsche Philharmonie unter George Benjamin
Sorglos in die Orchesterzukunft
Einmal Berlin, zweimal Italien und am 22. März die Kölner Philharmonie: Die Junge Deutsche Philharmonie reist auf ihrer Frühjahrstournee mit dem britischen Komponisten und Dirigenten George Benjamin. Das Konzert im hervorragend besuchten Haus bleibt in Erinnerung wegen der professionellen Leistung der jungen Musikerinnen und Musiker, die von der schwelgerischen Spätromantik eines Richard Strauss über die Klangeleganz von Claude Debussy und Karol Szymanowski bis hin zu den Spaltklängen aus der Feder des Dirigenten höchste Qualität auflegen. Um den Nachwuchs in der Orchesterlandschaft müssen wir uns nicht sorgen.
Mit George Benjamin steht ein unaufgeregter Sir vor dem Orchester, der mit minimalem Körpereinsatz, verschmitzem Lächeln und geometrischem Taktschlag alles in den Griff bekommt. Selbst der heikle Beginn mit leisem Herzklopfen in „Tod und Verklärung“ tastet sich formvollendet in den Konzertabend hinein. Die südkoreanische Geigerin Bomsori brilliert mit Szymanowskis Erstem Violinkonzert, getragen von einer funkelnden Instrumentation, die zum Delikatesten gehört, was Europas Orchestermusik zu bieten hat. Sie bedankt sich beim Jugendorchester und fetzt ein Solo von Grażyna Bacewicz in den Saal. Benjamin steuert sein „Concerto for Orchestra“ zum Programm bei, komponiert 2021 mit einem lachenden Auge für die vielen virtuosen Orchester dieser Welt und mit einem weinenden, im Gedenken nämlich an den 2018 verstorbenen Kollegen Oliver Knussen. Bläser- und Streicherlinien überlagern sich, ohne zu verschmelzen. Stilzitate, gleißende Melodiereste, zupackende Rhythmen – all das wird nur angetippt. Niemand greift es auf. So gleicht Benjamins Concerto dem öffentlichen Diskurs, in dem kaum jemand zuhört und doch ein Gesamteindruck entsteht. Ich spitze die Ohren und freue mich auf die Kölner Opernpremiere am 10. Mai.
Köln: Jussen-Brüder mit Gerassimez
Wenn schon Schlaginstrument, dann richtig
Die ausgewogene Klangwelt des Klaviers auf über sieben Oktaven überzeugt die Musikliebhaber aller Couleurs so sehr, dass man schnell vergisst: Es handelt sich um ein Schlaginstrument. Ein Konzert der Brüder Lucas und Arthur Jussen lässt daran keinen Zweifel. Die beiden Niederländer sind weniger aufgrund ihres authentischen Charmes (allerdings auch nicht ohne ihn) derzeit in aller Munde, sondern weil sie mit ihrer jungenhaften Freude am Motorischen die Konzertsäle aufmischen – und das mit Ehrfurcht gebietender pianistischer Präzision. Wenn schon Schlaginstrument, dann richtig, sagen sich die beiden und laden den Allround-Perkussionisten Alexej Gerassimez nebst Kollegen Emil Kuyumcuyan ein. Am 9. März startet die aktuelle Tournee in der gut besuchten Kölner Philharmonie mit einem US-amerikanischen Abend. Gerassimez kommentiert das mit feinem Lächeln: „Eine Erinnerung daran, wie reich die Kultur dieses Landes doch sein kann.“
Der Verlockung des Populismus widersteht das Quartett. So erklingen die „Textures“ von Paul Lansky, raffinierte Mixturen von Klavier und Perkussion (vorzugsweise Stabspiele). Lansky, der es jederzeit könnte, provoziert nicht den Publikumsjubel, sondern schreibt fluide Klangstudien, zurückhaltend in Lautstärke und Tempo, die zur Versenkung einladen. Auch die Zusammenstellung der „Symphonic Dances“ von Leonard Bernstein lässt mutig ein paar Hits links liegen und mündet mit „Somewhere“ in einen verträumten Schluss wie ein Fragezeichen. Zuvor hat Lucas Jussen an der „West Side Story“ vor allem den Publikumserfolg gelobt. Die beiden Pianisten sind gewiefter als ihre Ansagen und können sich auf reichlich Applaus verlassen. Das außer Rand und Band geratene Publikum improvisiert einen Begeisterungs-Battle zwischen den vor und hinter den Musikern sitzenden Zuschauern. Die Freude am Motorischen färbt ab.
Köln: Ensemble Musikfabrik im Japanischen Kulturinstitut
Die Poesie des Zarten
Zu den Komponisten, die nach ihrem Tod aus den Musikprogrammen sang- und klanglos verschwinden, gehört Hans Zender, geboren vor 90 Jahren in Wiesbaden. Ein kritischer Kopf, dem weder als Dirigent noch als Komponist oder Musikschriftsteller die Herzen zuflogen, dessen Anregungen und Initiativen aber das Musikleben jahrzehntelang befruchteten. Seine „komponierte Interpretation“ von Schuberts „Winterreise“ zählt allerdings zu den meistaufgeführten Werken der neuen alten Musik, auch wenn beim mehrmaligen Hören der Zeigefinger die sinnliche Freude an der Orchestrierung zu überragen droht.
Das Ensemble Musikfabrik spielt am 25. März zwei seiner Haiku-Zyklen, die zeigen, welch fein ersonnenes Vokabular Zender zu Papier bringt, wenn die geforderte Lakonik den Komponisten von Grammatik befreit. Ob mit Streichquartett oder mit Flöte und Cello: Zender zelebriert die Poesie des Zarten in einer lauten Welt. Hölderlin lesen titelte er drei seiner Werke. Zender hören wäre ebenso angesagt.
Das Ensemble Musikfabrik ergänzt in einem vom Oboisten Peter Veale kuratierten Programm Musik von Malika Kishino und Toshio Hosokawa – schließlich gastiert man im Japanischen Kulturinstitut. Die ersten und letzten Klänge des Abends gehören der in Kyoto geborenen, heute in Köln lebenden Komponistin Kishino. Während „Nox (Gold and Silver) II“ brüsk auf die Zuhörer einstürmt, hat sie in „Lamento“ ein Volkslied aus Fukushima eingearbeitet, das schüchtern aus dem Duo der beiden Geigerinnen Hannah Weirich und Sara Cubarsi hervorsteigt. Da ist sie wieder, die Poesie des Zarten.
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