In den letzten Jahren warten die allsommerlichen Richard-Strauss-Tage in Garmisch-Partenkirchen nicht nur – wie andernorts – in Kammermusikkonzerten, sondern auch in den Orchesterkonzerten mit programmatisch intelligent eingeflochtenen Überraschungen auf, die in wechselseitigem Bezug mit den Meisterwerken ‚Richards II.‘, wie ihn augenzwinkernd lustige Zeitgenossen nannten, stehen. Und seit der in Salzburg – der Stadt, in der selbst die Pferdeäpfel hochmusikalisch sein sollen – zum Musiker ausgebildete Intendant Dominik Šedivý, ein entschieden schwärmerischer Verfechter österreichischer Traditionen, die Geschicke der Strauss-Tage leitet, haben die Garmischer und ihre Sommergäste das Glück, wirklich exquisiter Orchesterkultur zu lauschen, da seit mehreren Jahren nun der in Wien ansässige französische Geigenvirtuose, Kammermusiker und Dirigent Rémy Ballot als Conductor-in-Residence das Festival entscheidend prägt.
Ein seltenes „Nirwana“ von Bülow und andere Schönheiten in Garmisch-Partenkirchen bei den Richard-Strauss-Tagen 2026
Zu Šedivýs originellen Orchesterprogrammen rund um Strauss gehörte in den letzten Jahren ein Shakespeare-Bouquet, in welchem Strauss’ weniger populärem ‚Macbeth‘ (Celibidaches spöttischer Zunge zufolge „eigentlich Don Juan in schwarz“) mit Robert Volkmanns einst so beliebter und nach vor vortrefflicher Ouvertüre zu ‚Richard III.‘ kombiniert wurde, ebenso wie die Ergänzung des ‚Heldenlebens‘ durch ein hiervon befeuertes und durch eine Treppenwitz-Humoreske damit verbundenes Werk aus der spritzigen Feder des Grazer Geigenvirtuosen, Gründers des Krefelder Konservatoriums und zur Zeit des I. Weltkriegs eminent erfolgreichen Komponisten Heinrich Gottlieb Noren (1861-1928).
Norens ‚Kaleidoskop. Variationen über ein eigenes Thema‘, ein den schillernd opulenten Orchestrationsorgien Rezniceks, Kloses, Wetzlers und anderer tonschaffenden Kapellmeisterkollegen von Mahler und Strauss ebenbürtiges Werk, welches in einer ‚an einen großen Zeitgenossen‘ gerichteten Variation mit Genehmigung von ‚Richard II.‘ zwei Melodien aus dem ‚Heldenleben‘ verwendet, worauf nach der umjubelten Dresdner Uraufführung unter Ernst von Schuch eine Urheberrechtsklage von Strauss’ Verlag eingereicht wurde, die in eine Posse köstlichster Anfeindungen ausartete und schließlich in zweiter Instanz mit der absurden Begründung abgewiesen wurde, es handle sich bei den Tonfolgen Strauss’ um „keine Melodien“ – dieses so legendäre wie nach gut 100jährigem Dornröschenschlaf vergessene Werk wurde dank der Initiative Šedivýs im Sommer 2024 unter Rémy Ballots so eleganter wie tiefschürfender Leitung zu neuem Leben erweckt. Leider fand sich kein Financier, der die Gelegenheit, es für die Welt außerhalb Garmisch-Partenkirchens aufnehmen zu lassen, beim Schopf ergriffen hätte. Also darf man meiner Berichterstattung blinden Glauben schenken.
Auch in diesem Jahr dirigierte Ballot – gleich zum Auftakt – wieder ein vergessenes Werk, diesmal aber von einem der berühmtesten Protagonisten der deutschen Romantik. Hans von Bülow (1830–94), der führende Dirigent seiner Generation und enge Weggefährte von Franz Liszt, Richard Wagner, Johannes Brahms und später Richard Strauss – von jenem unerhört wortgewandt sarkastischen Orchesterdompteur Bülow, den Felix Weingartner, Balancewalter eines subtilen Rubatos, ob seines „willkürlichen Rubatogebrauchs“ scharf kritisierte. Bülow ist den meisten heute bekannt als der Schwiegersohn Liszts, dem Wagner seine Cosima ausspannte, worauf er, der verantwortliche Wegbereiter von ‚Tristan und Isolde‘ 1865 in München, sich ebenso leidenschaftlich Brahms und Draeseke widmete und die Meininger Hofkapelle zum Hort der Brahms-Pflege machte, in welchem der hochbegabte junge Strauss auf höchstem Niveau in eigenverantwortliche Kapellmeisteraufgaben hineinwuchs.
1851 wurde der 21-jährige Bülow in den Schülerkreis Franz Liszts in Weimar aufgenommen, und als Feuertaufe ‚neudeutsch‘ fortschrittlicher Gesinnung oblag es nun seinem künstlerischen Gewissen, eine Tondichtung idealistisch kühnen Zuschnitts zu schaffen. So entstand als Opus 20 seine 1854 vollendete ‚Orchesterfantasie in Ouvertürenform »Nirwana«‘, die von Wagner und Liszt mit einer den jungen Mann verwirrenden Mischung aus Enthusiasmus und Skepsis aufgenommen wurde. So ließ Bülow das Werk erst 12 Jahre später in Druck geben, worauf Liszt eine Aufführung in seinem finalen Weimarer Konzert am 25. Mai 1884 leitete. Knappe zwei Jahre danach lud Richard Strauss seinen Mentor Bülow ein, sein ‚Nirwana‘ zu dirigieren, um sich später zu erinnern: „Nirwana von Bülow, welches schöne und nie gewürdigte Stück […] ich eigens für ihn einstudierte.“
Bülows Tragik im Schopenhauer-Nirwana
Rémy Ballot leitete nun die Stuttgarter Philharmoniker in der etwas spröden Akustik auf der engen Bühne des Garmischer Kongresshauses in zwei anspruchsvollen, unmittelbar aufeinanderfolgenden Konzerten: am Samstagabend Bülows ‚Nirwana‘, Strauss’ ‚Tod und Verklärung‘ und Brahms’ Vierte Symphonie, und in der Sonntags-Matinée von Strauss die Metamorphosen für 23 Solostreicher sowie das Duett-Concertino für Klarinette, Fagott, Streicher und Harfe, gefolgt von Mozarts großer g-Moll-Symphonie KV 550. Frappierend war dabei, wie hellwach und leidenschaftlich das Orchester so klarsichtigen wie hellhörigen, mit natürlich-passioniertem Musikantentum ebenso wie mit luzider Vision beflügelnden Direktion Rémy Ballots folgte und nach dem abschließenden Werk dieses Marathons, der absolute Gegenwärtigkeit und fragile Clarté der zusammenhängenden Gestaltung unerbittlich einfordernden Mozart-Symphonie, so beschwingt frisch die Lokalität verließ, als würde das Ganze gerade erst beginnen. Aber nun zu den einzelnen Punkten des Programms.
Bülows ‚Nirwana‘ ist faszinierende, eigenständig konzipierte Musik von hoher handwerklicher Kompetenz, die ihre Bewunderung für Wagner in den lyrischen Episoden nicht verleugnet. Ein harsches Mottothema prägt die ersten Takte des einleitenden Grave, in fast abweisend schroffer Gebärde, und steht damit symbolisch für den Gesamtcharakter. Ich bin fasziniert von der ungefällig erlesenen, chromatischen Harmonik, die sich den süßen Versuchungen der Tradition widersetzt, doch zugleich erscheint mir der Versuch vergeblich, hier eine melodische Entwicklung vorzufinden, die die Hörer über eine längere Distanz zu fesseln vermöchte, und folglich will sich kein Strom der Inspiration einstellen, der uns unwillkürlich mit auf die Reise nähme. Irgendwie wird hier eine Geschichte erzählt, die wie ein abstrakter Plot wirkt und mit individuell einprägsamen Charakterzeichnungen der Protagonisten (also hier: Themen) mehr als sparsam zu Werke geht. So bleibt die Faszination über ein großes Wollen, das von Lord Byrons ‚Cain‘ inspiriert die pessimistische Vorstellungswelt Schopenhauers in eine Idealwelt der reinen Musik übertragen möchte.
Von Mühen, Geniestreichen und Mozarts Geist
Wenn nach diesem fernbleibenden ‚Nirwana‘ die ersten zärtlich duftenden Akkorde von Richard Strauss’ ‚Tod und Verklärung‘ aufklingen, wird man auf eine unwiderstehliche Weise von den sanften Pranken des musikalischen Genies berührt – um die Sprache der Zeit mitaufblühen zu lassen… –, die den himmelweit erscheinenden Unterschied zwischen herber Ambition des einsam Strebenden einerseits und betörender Beseeltheit von allen vernehmbaren Mühen losgelöster Kreativität andererseits wie einen unüberwindlichen Graben erscheinen lässt. Wir empfinden gerade darum auch heute noch intensiv Bülows schöpferische Tragik, gerade auch dank der Tatsache, dass es Ballot gelingt, dem Orchester feinste Schattierungen zu entlocken und die Großformen mit gelassener Entschlossenheit bei aller Mannigfaltigkeit zu suggestiv zusammenhängender Gestalt sich ausfalten zu lassen. Brahms’ Vierte, begreiflicherweise bei all dem Aufwand ums später Komponierte kaum geprobt, gelang erstaunlich unverwechselbar, entfaltete im langsamen Satz zusehends unwiderstehlichen Zauber, der sich bis in die Zuspitzungen des Finales fortsetzte.
Nach einer kurzen Nacht waren es ausgerechnet die Metamorphosen, jenes auf dem Hauptthema des Trauermarschs aus Beethovens Eroica modellierte instrumentale Requiem auf die zerstörte Herrlichkeit Dresdens, die als Morgenappell die Hörerschaft aus dem Schlaf der Gemütlichkeit rufen sollte. In seiner durchgehend solistischen Auffächerung des Streichersatzes ein echtes Pionierwerk eines Altmeisters, vermögen die Metamorphosen desto mehr zu fesseln, je bewusster und versonnener sie wie hier in all ihren verwunschenen Windungen und verschlungen mäandernden Verästelungen ausgespielt und ausgekostet werden. Insbesondere jedoch gelang unter Ballot, dass die Musik nie in jenen chaotischen Klangstrudel umkippt, der sich zumal um den Höhepunkt herum fast immer einstellt. Hier blieb alles klar und nachvollziehbar, ohne Gefahr zu laufen, dadurch trocken und nüchtern zu wirken. Das Duett-Concertino führte daraufhin, ähnlich dem öfter gespielten Oboenkonzert, die andere, geläufigere und gegensätzliche Seite des Strauss’schen Spätwerks vor. 1947 entstanden, war es eine jener „Handgelenksübungen“, die der greise Meister aus dem Ärmel schüttelte, weil Komponieren schließlich sein erlernter und unüberbietbar beherrschter Beruf war. Komponieren nicht mehr aus für uns erlebbarer Notwendigkeit, sondern als so kunstreicher wie reizvoller Zeitvertreib, als Spaziergang durch die Gärten der von den wilden Jungen nunmehr ausgemusterten Tonalität, geprägt von den Idealen Mozart’scher Anmut und klassischer Grazie. Dieses Duett-Concertino ist für die Solisten ein Fest dankbarer Spielfreude, und entsprechend durften die Klarinettistin Liana Leßmann (wie auf ihrem so von Natur aus der geläufigen Virtuosität zusprechenden Instrument gerne sehr hurtig unterwegs) und der Solofagottist des Orchesters, Frank Lehmann, alle Trumpfkarten ihrer temperamentvollen und feinzeichnenden Musikalität ziehen, mit Sanglichkeit und Kapriolen eine nostalgisch bezirzende Welt jenseits der rauhen Ernüchterung der gesellschaftlichen Talsohle der Nachkriegszeit auf die Leinwand der Sehnsucht nach menschlicher Wärme werfen. Das Stück ist sehr heikel zu begleiten, was vortrefflich gelang. Eigentlich wäre es in den fortwährenden Herausforderungen des Moments ein Musterwerk für Dirigentenwettbewerbe.
Danach Mozart – der Siegeszug der Seele. Durchaus das, was Strauss nach der Abwendung von den Frontverläufen der Moderne zu gerne geworden wäre. Herrlich musiziert, ganz eigenständig herausgearbeitet, auch fast ohne Proben maßstabsetzend. ‚Tod und Verklärung‘ und die ‚Metamorphosen‘ werden im kommenden Jahr bei Gramola auf CD erscheinen, das ‚Duett-Concertino‘, von welchem gute Aufnahmen sehr rar sind, leider nicht. Ebenso wird es, wie schon zuvor von den Raritäten von Volkmann und Noren, auch keine Aufnahme des Bülow’schen ‚Nirwana‘ geben. Man konnte nur dabei gewesen sein! Dessen ungeachtet verspricht der im Entstehen begriffene Strauss-Zyklus unter Ballot zum Feinsten zu zählen, was verfügbar sein wird – eben ist ‚Aus Italien‘ erschienen, gekoppelt mit Orchesterliedern, ganz wunderbar leuchtend gesungen von Joo-Anne Bitter.
Die diesjährigen Richard-Strauss-Tage endeten übrigens recht sensationell mit der Uraufführung einer konzertanten Darbietung der ‚Salome‘ in der exzellenten Einrichtung für Kammerorchester (Ariadne-Besetzung!) von Klemens Vereno. Dem aktuellen Trend zu Kammerbesetzungen entsprechend sind schon etliche Folgeaufführungen an vielen Orten geplant, denn welches kleine Haus hätte nicht auch gerne seine ‚Salome‘, ist dies doch nach wie vor die zukunftsweisendste Musik von Meister Strauss, nunmehr im trennschärfer reduzierten Klanggewand durchaus in äußerer Nähe zum sich ankündigenden Expressionismus der zweiten Wiener Schule herangerückt.
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