Opern mit Überlänge gab es bei den vom exklusiven Nischenfestival zum Hotspot gemauserten Innsbrucker Festwochen der Alten Musik immer wieder. Doch noch keine wie diese: Angaben zur Aufführungsdauer der 1668 in Wien uraufgeführten Mammut-Festivität „Il pomo d'oro“ in fünf Akten und einem Prolog schwanken zwischen sechs und acht Stunden. Mit einer Rekonstruktion und ersten Wiederaufführung feiern die Festwochen in drei Aufführungen an je zwei Abenden ihr 50-jähriges Bestehen, sich und den Innsbrucker Hofkomponisten Antonio Cesti. Unter den musikalischen Leitern René Jacobs, Alessandro de Marchi und Ottavio Dantone dehnten sich Umfang und Programm der Festwochen immer mehr aus. Seit 2010 bereichern Preisträger und Teilnehmer des Internationalen Gesangswettbewerbs für Barockoper „Pietro Antonio Cesti“ die Besetzungen. Dazu wirken die Teilnehmer des Vorjahrs immer in einer Opernproduktion mit, dieses Jahr bei Händels „Atalanta“.
Il pomo d'oro. © Birgit Gufler
Hochbarockes Opern-Abenteuer: Erstmals nach 358 Jahren Antonio Cestis „Il pomo d'oro“ bei den 50. Innsbrucker Festwochen der Alten Musik
Vor 29 Jahren hatte René Jacobs „L'Argia“, die erste Innsbrucker Hofoper, vorgestellt. Zum Jubiläum nahm sich jetzt Ottavio Dantone die erste zeitgenössische Aufführung des längsten Einzeltitels der Musiktheater-Literatur vor: „Il pomo d'oro“ (Der goldene Apfel). Wie „L'Argia“ stammt dieser von Antonio Cesti, einem der wichtigsten Opernkomponisten des mittleren 17. Jahrhunderts und der Generation nach Monteverdi. Die Feieroper entstand für das eigens errichtete Teatro auf der Cortina in Wien für die Hochzeit zwischen Kaiser Leopold I. von Österreich und der Infantin Margarita Teresa von Spanien. Die Uraufführung wurde mehrfach verschoben, auch wegen des Kindstods des Thronfolgers. Schließlich gelangte „Il pomo d'oro“ in zwei Teilen am 13. und 20. Juli 1668 zum Geburtstag und Namenstag der Kaiserin auf die Bühne. Dabei blieb es, denn der Aufwand für dieses Opus summum ist für alte und neue Opernhäuser enorm. Zudem war der zweite Teil verschollen. Erst Bernardo Ticci und Ottavio Dantone, die die Musik der verschollenen Akte 3 und 4 in einem zweijährigen Prozess rekonstruiert hatten, erstellten eine zur Aufführung geeignete Fassung. Grundlage waren 35 mit Continuo-, aber ohne Orchesterbegleitung erhaltene Arien sowie andere Werke Cestis in Orientierung an dem vollständig erhaltenen Libretto der strichlosen Uraufführung.
In Innsbruck kam man auf 190 Minuten Musik am ersten und 175 Minuten am zweiten Abend. Es wurde keineswegs langweilig – im Gegenteil. Der Überfülle des inhaltlichen Materials geschuldete Schwächen trugen zu Kurzweil und abenteuerlichem Pläsir bei. Das Publikum dankte den Solisten, der Accademia Bizantina, dem Chor NovoCanto sowie den Tanzensembles Street Motion Studio und Compagnia Fattoria Vittatini mit tosendem Beifall. Man tat viel für leider nur drei Aufführungen. Für diese verzichtete man dieses Jahr auf eine dritte Opernproduktion und entführte das Publikum in ein retrobarockes Gesamtkunstwerk mit Schwenks in zeitgemäße Repräsentationsformate – inklusive einer Trump-Imitation als Fußballschiedsrichter. Nach Teil 1 gab es keine Verbeugungen und vor Teil 2 eine Zusammenfassung der bisherigen Begebenheiten aus Perspektive der Göttin Discordia (Ester Ferraro), welche als personifizierte Streitlust den verhängnisvollen Zankapfel in die olympische Götterrunde wirft. Die aus dieser Oper springende Fabulierlust nimmt es mit mythologischen Abläufen nicht allzu genau und modelliert diese mit burlesker Opulenz um.
Sophie Rennert (Giunone), Rocco Cavalluzzi (Momo). © Birgit Gufler
Cestis Musik erweist sich auch heute als tragfähig genug für diese sechs Stunden mit Dantones stilsicheren Ergänzungen, welche durch ihren Umfang einer partiellen Neukomposition gleichkamen. Dass dahinter eine kreative und sensible Leistung stand, hätte man besser kenntlich machen können – wie ja auch Friedrich Cerha bei seiner Vollendung von Alban Bergs „Lulu“ im Untertitel gleich neben dem Komponisten steht. Man muss den Librettisten Francesco Sbarra dafür bewundern, wie er die Anlass-Episoden zum Trojanischen Krieg mit Verzicht auf dessen grausame Begebenheiten und tausendfachen Menschenverluste in eine strahlende Huldigung an die Kaiserin mitsamt idealisierenden Tugendmodellen verwandelte – mit etwa 50 Partien, von denen in Innsbruck jede Solistin und jeder Solist an die drei übernahm: Götter, Menschen, Heroen, dienende Geister.
Sbarra setzte ungewöhnliche Schwerpunkte. Auch Fabio Ceresas Inszenierung geriet in Nikolaus Weberns Bühnenbild zu einer lustvoll unterhaltsamen Dauerbefeuerung des mit retrobarocken Täuschungsmanövern und Überraschungseffekten, Giuseppe Palella würfelte in seinen opulenten Kostümen Antikisierendes, Barockes und Gegenwärtiges – wie im Schlafzimmer des Priamus-Sohnes Paris und der von ihm für die ihm versprochene Elena von Troia abgelegten Geliebten Ennone. An dieser Story kann man ermessen, dass Handlungssprünge über die Weltmeere und in den Olymp eher die Regel als die Ausnahme für Ernstgemeintes oder Satirisches waren. Zwischen Sarkasmus und Poesie agieren die meist zickigen und eher selten vernünftig agierenden Götter. Deren halbseidener Glanz macht sich im Hufeisenraum des Tiroler Landetheaters ausgesprochen gut. In den Kriegsszenen gibt es aufwühlende Momente mit der Frage nach dem Sinn von alledem. Wenn Ceresas Regie mit einer Miss-Europa-Wahl in das Geschehen hineingleitet, wirkt das allerdings etwas unkoordiniert und ungelenk. Andererseits entgehen die ausgedehnten Jammerszenen von Paris’ verlassener Geliebter Ennone (Mathilde Ortscheidt mit schöner Präsenz und Konzentration) dank Ceresa jedem Anflug von Larmoyanz oder Langatmigkeit. Mauro Borgioni gibt nach der Vergabe des goldenen Apfels an die „Schönste“ korrumpierten Paris als smarten Testosteronbolzen, der mit einem schaukelnden Schiffgang leider viel zu früh aus dem Geschehen entschwindet.
Mauro Borgioni (Paride), Federico D. E. Sacchi (Nettuno), Chor. © Birgit Gufler
Der trojanische Krieg findet hier nicht statt: Die Verwandlung der Huldigung an die Kaiserin bei Cesti in eine Miss Europa ist tückisch. Giunone (mit Anmut und Cholerik: Sophie Rennert) lockt Paris durch Geld, Athena (intelligent: Shira Patchornik) und Venus (kalkulierte Augenaufschläge: Jone Martínez) setzen Waffen und Sex als Köder ein – wie bekannt. Die Tiraden der von Giove (Lüstling in Weiß: Giacomo Nanni) der zukünftigen Miss Europa untergeordneten Göttinnen wurden von Cesti mit genüsslicher Breite und kluger Deklamation ausgebreitet. Es gibt ein ganzes Arsenal interessanter, gewinnender und immer eitler Figuren, an deren Profil das agile Ensemble mit Witz, Charme und Süffisanz mitwirkte. Vor allem die abgebrüht lebenserfahrene Amme Filaura des hochkarätig chargierenden Alberto Allegrezza und der zurückhaltende wie kluge Nono von Rocco Cavalluzzi sind sympathische Säulen der Sechs-Stunden-Oper. Rémy Brès-Feuillet singt als einer von insgesamt vier Countertenören Ennones spät zum Zug kommenden Verehrer Aurindo mit intimer Verbindlichkeit. Margherita Maria Sala ragt als empathische Alceste und Federico D. E. Sacchi als Athenes Verteidiger Cecrope heraus.
Man bleibt dank der intelligent aktualisierten und hilfreich strukturierten Übertitel erstaunlich konzentriert an der Handlung. Es gibt kaum Barockopern, welche zu einem Vergleich mit Wagners „Ring des Nibelungen“ oder Berlioz’ „Lex Troyens“ geeignet scheinen. „Il pomo d'oro“ schafft das glänzend, weil die Musik stark ist. Libretto und Handlung könnten in einer sorgfältigeren Inszenierung noch wirkungsvoller sein. Demzufolge sollten bis zur nächsten Produktion nicht weitere 358 Jahre vergehen wie die zwischen der Uraufführung und der Innsbrucker Jubiläumsfeier.
Sophie Rennert (Giunone). © Birgit Gufler
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