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Dirigent mit erhobenen Armen vor einem Orchester, Musiker*innen spielen Instrumente wie Geige, Harfe und Flöte. Foto: © Berliner Festspiele, Fabian Schellhorn

WDR Sinfonieorchester bei den Berliner Festspielen 2026. Foto: © Berliner Festspiele, Fabian Schellhorn

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Irritierend, unbequem und jenseits musikalischer Klischees – Yvonne Loriods „La Sainte Face“ beim Musikfest Berlin

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81 Jahre nach Fertigstellung des Werkes brachte Kent Nagano gemeinsam mit dem WDR Sinfonieorchester und drei Solistinnen erstmals Yvonne Loriods Komposition „La Sainte Face“ zur Aufführung. Die monumentalen „Contemplations für Soli und Orchester“ zeugen von einem stark ausgeprägten Personalstil, auf den Teile des Publikums in der nur mäßig ausgelasteten Berliner Philharmonie sichtlich irritiert reagierten.

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Als eine der bedeutendsten Pianistinnen des 20. Jahrhunderts hat sich Yvonne Loriod (1924–2010) einen festen Platz in der Musikgeschichte erobert. Zu ihrem beeindruckenden künstlerischen Vermächtnis gehören neben vielen Höhepunkten des klassischen und romantischen Repertoires vor allem die Einspielungen von Werken zeitgenössischer Komponisten wie Jean Barraqué und Pierre Boulez und nicht zuletzt ihre intensive Auseinandersetzung mit dem pianistischen Schaffen Olivier Messiaens, den sie zunächst am Pariser Conservatoire kennengelernt hatte und dessen zweite Ehefrau sie 1961 wurde. Dass Loriod auch ein umfassendes kompositorisches Œuvre hinterlassen hat, ist jedoch selbst engsten Vertrauten verborgen geblieben. Erst als die höchstwahrscheinlich niemals zuvor erklungenen Werke 2016 zusammen mit dem Nachlass Messiaens in den Bestand der Bibliothèque nationale de France übergingen, wurde deutlich, dass das Bild der außerordentlichen Musikerin erheblich revidiert werden muss. Der erste Schritt hierzu war die Aufführung einiger Kammermusikwerke, die 2024 anlässlich von Loriods einhundertstem Geburtstag beim 26. Festival Messiaen au Pays de la Meije Loriods stattfand und von einer musikwissenschaftlichen Tagung begleitet wurde. Die Uraufführung von „La Sainte Face“ wiederum verdankt sich koordinierten Recherchen der Musikredaktion von WDR 3 und des Musikverlags Éditions Durand, die als Grundlage zur Drucklegung dieser gewichtigen Komposition dienten.

Kontemplationen und Meditation

Das knapp 90-minütige, aus 15 nahtlos ineinander übergehenden Sätzen bestehende Werk ist ausgewiesen als Folge von „Kontemplationen“ über das „Heilige Antlitz“ des am Kreuze gestorbenen Christus. Loriod folgt dabei einer Tradition der kontemplativen Betrachtung, die durch die autobiografische Schrift „Histoire d’une âme“ der Heiligen Thérèse de Lisieux (1873–1897) weite Verbreitung erfuhr. Die Komposition entstand während der letzten Kriegsjahre zur Zeit der deutschen Besetzung Frankreichs und wurde an Pfingsten 1945, kurz nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und der Beendigung des Zweiten Weltkrieges, abgeschlossen. Loriod hat sie dem talentierten Organisten und Komponisten Jean-Claude Touche (1926–1944) gewidmet, einem Schüler Marcel Duprés, der während der Belagerung von Paris als Sanitäter arbeitete und an den Folgen einer Schussverletzung starb. Die Besonderheit der Musik besteht darin, dass sie nicht einfach dem Leiden und Mitleiden musikalischen Ausdruck verleiht, sondern über die 14 Sätze des ersten Teils hinweg als abwechslungsreiches musikalisches Porträt des „Heiligen Antlitzes“ fungiert. Dadurch werden die unterschiedlichen Details der Züge Christi, wie sie sich beispielsweise in das berühmte Turiner Grabtuch eingeprägt haben sollen, zu einer Art „hörbarem Abbild“ geformt. Den Abschluss finden die kontemplativen Betrachtungen in dem als „Méditation sur le lis“ („Meditation über die Lilie“) bezeichneten zweiten Teil (Nr. 15), mit dem sich Loriod auf eine Dankesgabe bezieht, die sie im Juni 1944 in der Pariser Église de la Sainte-Trinité darbrachte.

Der lange Konzertabend überzeugte durch seine dramaturgisch geschickte Anlage: Am Beginn stand das Orchesterstück „Ein feste Burg“ (2025) von Alex Nante (*1992). Die knapp zehnminütige Auseinandersetzung mit dem Skelett des gleichnamigen Chorals von Johann Sebastian Bach verläuft über klangliche Einkleidungen und satztechnische Ergänzungen, deren Tonfall und Instrumentation stark an diverse historische Vorbilder angelehnt sind. Das ständige Umwenden der knappen Choralsubstanz endet mit einer in Moll komponierten Passage, die sich der klaren Schlusswirkung verweigert. Im Kontext des Konzertprogrammes wirkte sie wie ein Doppelpunkt, der den Erwartungsraum zu den weiteren Darbietungen hin öffnete. Im Anschluss brachte der Organist Henry Fairs, Professor für Orgel an der Universität der Künste Berlin, einige Kompositionen zu Gehör, die historisch im Umfeld von Loriods „Contemplations“ angesiedelt sind. Zunächst stimmte er die „Trois pièces pour orgue“ von Jean-Claude Touche an und ließ damit die Musik jenes jungen Mannes aufleben, dem Loriod mit ihrer Partitur ein klingendes Denkmal gesetzt hat. Mit der „Première“ und „Deuxième Fantaisie“ von Jehan Aristide Alain (1911–1940) folgten dann noch zwei Werke eines weiteren begabten Dupré-Schülers, der bereits frühzeitig sein Leben auf dem Schlachtfeld verloren hatte. Diese geschickte, mit viel Sinn für die klangliche Dramaturgie der Einzelkompositionen vorgetragene Auswahl bereitete den Boden für die Uraufführung von Loriods „La Sainte Face“ nach der Pause.

Ideenreichtum

Loriod entwickelt ihre nahtlos ineinander übergehenden „Contemplations“ am klanglichen Faden einer dreiköpfigen Sologruppe entlang, deren extrem herausfordernde Soloparts einem Sopran (Sarah Aristidou), einer Flöte (Wendy Vo Cong Tri) und einer Harfe (Eily Hoile) zugewiesen sind. Die Entfaltung fragiler Blas- und Zupfklänge geht mit gesungenen Vokalisen einher, in die von Zeit zu Zeit das vierte der sieben Worte Christi am Kreuz („Mon Père, pourquoi m’avez-vous abandonné?“) eingewoben ist. Diese zarte Kammermusik, zu der im weiteren Verlauf bisweilen auch eine solistische Violine (Konzertmeister José Maria Blumenschein) hinzutritt, wirft zunächst Schatten im Schlagzeug und beginnt sich dann auf andere Teile des Orchesters auszudehnen, wobei jeder Abschnitt des Werkes durch eine eigene, bisweilen höchst eigenwillige Zusammenstellung unterschiedlichster Instrumentalfarben gekennzeichnet ist. Die sich entwickelnden Farbstränge unterliegen komplexen melodischen Verdichtungsprozessen, die von kompromissloser Expressivität getragen werden und mitunter auch herben harmonischen Reibungen Raum geben; doch setzen sich im Gegenzug auch immer wieder kammermusikalische Momente durch, die vom Orchester lediglich punktuell kommentiert werden.

Der Ideenreichtum, mit dem Loriod über 90 Minuten hinweg die Zusammenstellung der Klangfarben verändert und dabei jegliche Orchestrationskonventionen unterläuft, geht immer wieder mit Momenten der Irritation einher. Zu ihnen gehört auch der Einsatz der beiden räumlich aufgestellten Ondes Martenot: Das wahrscheinlich am weitesten verbreitete Instrument aus der Frühgeschichte der elektronischen Musik, das heute vor allem durch die Musik Messiaens bekannt sein dürfte und dort meist in schwelgerischem Tonfall eingesetzt ist, entzieht sich bei Loriod solchen Konnotationen. In „La Sainte Face“ stößt das Instrument vielmehr ein unheilvolles Heulen aus, durchzieht den Tonraum mit Spuren bedrohlichen Dröhnens oder wechselt auch – in der zwölften Contemplation – zum Tonfall leise schneidenden Pfeifens, um ihn mit den hohen Registern einer solistischen Violine zu konfrontieren.

Dass sich Kent Nagano als leidenschaftlicher Anwalt dieser Musik versteht, war der Aufführung von Anfang an anzumerken. Akribisch zeichnete der Dirigent mit dem im Schlagzeugapparat groß besetzten WDR Sinfonieorchester all jene Spuren nach, die der eng verwobene Aktionsraum des solistischen Trios nach und nach hinterlässt: Geschickt modellierte er kommentierende Gegenstimmen oder Resonanzräume und folgte rhythmischen Pulsen, die sich elastisch durch die Orchestertexturen zogen und zu wellenförmigen Ereignissen aufschaukelten. Und immer ließ er genug Raum für die überragend und in feiner Abstufung agierende Sologruppe, für die der Abend einen enormen Kraftakt bedeutete. Allen voran beeindruckte hier Sarah Aristidou, die mit beweglicher Stimme mühelos weite Registersprünge überbrückte und die technischen Herausforderungen ihrer Partie mit flexiblem Timbre umsetzte, bevor sie in der abschließenden „Méditation“ auch ihren Umgang mit den Vokalfarben eines ausgedehnten Textes unter Beweis stellte.

Nachspiel vor dem Theater

Nach dem Konzert konnte ich hören, wie sich ein Zuschauer erbost gegenüber seiner Begleitung äußerte, er habe sich bei der Musik gefühlt, als sei er von einer Frau angespuckt worden. Auch wenn diese Bemerkung an Abfälligkeit und Mysogynie kaum zu überbieten ist, zeigt sie, dass zumindest gefühlsmäßig etwas vom Wesen der Komposition bei dem Konzertbesucher angekommen ist. Denn „La Sainte Face“ formuliert, obzwar durch den katholischen Glauben fundiert, keine wohltönende Fluchtbewegung in die Lobpreisung der Unsterblichkeit und Ewigkeit Jesu, wie dies wenige Jahre zuvor Messiaen in seinem „Quatuor pour la fin du temps“ angesichts seiner eigenen Kriegserlebnisse tat. Loriod komponierte vielmehr unbequeme Musik über ein Antlitz, in das sich die widerwärtigen Narben von Krieg und Besatzung unauslöschlich eingegraben haben – eine Musik, die selbst im abschließenden „Alléluia“-Jubel der „Méditation“ die Spuren der Grenzerfahrungen als herbe Klangreibungen aufbewahrt.

Dass es Loriods Komposition im konservativen, auf Wiederholung des Immergleichen bedachten Konzertbetriebs unserer Zeit nicht einfach haben dürfte, bezeugten all jene Personen, die während der Aufführung – teils in ganzen Gruppen – den Saal verließen. Der verbleibende Rest des Publikums bedankte sich hingegen am Ende mit lang anhaltendem, stürmischem Applaus bei allen Ausführenden. Dies macht deutlich: Wer bereit ist, sich auf die Besonderheiten dieser Musik einzulassen, wird die individuelle, moderne Stimme einer jungen Frau entdecken, die mit großem Ideenreichtum und jenseits aller musikalischen Klischees den orchestralen Apparat und die Ausdrucksformen der weiblichen Gesangsstimme erkundete, um dies alles in den Dienst ihrer religiösen Überzeugung zu stellen.

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