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Die Neue Musik fährt Kanu: Die Wittener Tage für neue Kammermusik strebten in die freie Natur. Gerade landen die Boote zu Bläserklängen. Foto: Charlotte Oswald
Die Neue Musik fährt Kanu: Die Wittener Tage für neue Kammermusik strebten in die freie Natur. Gerade landen die Boote zu Bläserklängen. Foto: Charlotte Oswald
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Klingende Landschaften

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Wittens Tage für neue Kammermusik drängen ins Freie
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Witten an der Ruhr: Tage für neue Kammermusik. Der einundvierzigste Jahrgang seit der Verbindung der anno 1936 gegründeten Kammermusiktage mit dem Westdeutschen Rundfunk Köln, Abteilung Neue Musik. Seither ist Witten ein „Muss“ für alle, die irgendwie, und sei es auch nur am Rande, an den Entwicklungen der Neuen Musik teilhaben. Wer daran zweifelt, dem sei die gerade erschienene Dokumentation über die vier Jahrzehnte Wittener Kammermusiktage empfohlen – wir werden auf das höchst informative Buch in der nächsten Ausgabe zurückkommen. Es ist schier überwältigend, was in dieser Zeit alles bei den Tagen ur-oder erstaufgeführt worden ist.

Aber ein runder Geburtstag ist kein Grund, sich auszuruhen. Witten 2009 präsentierte sich wieder innovativ, einfallsreich, phantasievoll. Es ist schon erstaunlich, mit welch feinem Gespür Harry Vogt als künstlerischer Leiter Jahr für Jahr neue Perspektiven und  aktuelle Tendenzen in der Neuen Musik entdeckt und dann entsprechende Kompositionsaufträge vergibt. Dass die Gattung des Streichquartetts sich auch in der Neuen Musik ungebrochener Wertschätzung erfreut, ist kein Geheimnis  -- der späte Beethoven wird schon seit Jahrzehnten von vielen Komponisten mehr oder weniger direkt als Inspirationsquelle benutzt. Aber wie steht es um den „Erfinder“ des klassischen Streichquartetts, Joseph Haydn, dessen zweihundertstem Todestag die Musikwelt in diesem Jahr gedenkt? Die Kammermusiktage hatten zur Beantwortung mehrere Kompositionsaufträge erteilt – davon später.

Einen zweiten Schwerpunkt des dies­jährigen Programms könnte man als „Öffnung“ betiteln. Die Kammermusiktage verließen gleichsam die „Kammer“ und strömten ins Freie, in die Natur. Landschaft wurde mit Musik, mit Klängen und Geräuschen konfrontiert, durchsetzt, gestaltet. Nun gab es ja schon häufiger sogenannte Klanginstallationen, auch in Witten, die sich mit der Natur verbanden. Was jetzt jedoch in Witten zu erleben war, ging über die übliche „Musik im Park“ weit hinaus. Das riesige Freizeitgelände „auf dem Hohenstein“, zwei Kilometer von der Stadt entfernt, verwandelte sich in eine große weitläufige Klanglandschaft mit hohen Bäumen, steilen Berghügeln, breiten Wiesen und diversen Spielplätzen. Am eindrucksvollsten präsentierte sich das von Daniel Ott und Enrico Stolzenburg konzipierte „Klingende Landschaftsbild“, das sie „Blick Richtung Süden“ nannten. In der anschaulichen Beschreibung der beiden Autoren heißt es: „Das Publikum steht auf der Plattform am Fuße des 1902 zur Erinnerung an den Industriellen und Parlamentarier Louis Berger errichteten Turmdenkmals auf dem Hohenstein. Dort öffnet sich ein atemberaubender Blick Richtung Süden auf die Ruhrtalauen, ein Panorama aus Natur und Zivilisation: in die idyllische Flusslandschaft mit kleinen Inseln, Wiesen und Hügelketten drängt Autoverkehr und Eisenbahn, staut sich die Ruhr am Wasserwerk, erinnert der Steinbruch, die Stadt Bommern und das angrenzende Industriegebiet daran, wie die Gegend durch Menschenhand geformt wurde. Geräusche von Verkehr und Industrie, im Wechsel mit Natur-und Tiergeräuschen, sind zu hören. Vor dem Betrachter entfaltet sich eine klingende Postkarte, die in besonderer Weise die Widersprüchlichkeit des südlichen Ruhrgebiets konzentriert einfängt“. Soweit die Klangmaler Ott und Stolzenburg. In diese Bild-Klang-Szenerie setzen beide Künstler ihre optischen und klanglichen Imaginationen. Geräusche werden eingefangen und abgestrahlt, vier Trompeter und zwei Posaunisten senden von einer fernen Wiese, auch von der Plattform eines Flusswehrs (siehe unser Bild auf Seite 1)  ihre Klangsignale in Richtung Berger-Turm, in dem ein fünfter Trompeter auf die Signale antwortet. Tonbandzuspielungen verstärken die Klanggeräusche der Landschaft. Das Klang-Bild gewinnt eine lebhafte Gestik aus fernen und nahen Spielaktionen, zu letzteren gehört auch eine Kanutenstaffel, die sich von weitem dem Wehr nähert. Bei der Uraufführung überglänzte strahlender Sonnenschein das „Klingende Landschaftsbild“, tauchte alles in eine fast verträumte romantische Poesie für Auge und Ohr.

Etwas handfester ging es bei Stephan Froleyks „Klavierlandschaft“ zu. In den antikisierenden Haarmanntempel (siehe Bild auf Seite 34) stellten Froleyk und seine vier Helfer (Schüler der Wittener Musikschule) einen elektroakustisch präparierten Flügel sowie vier Klaviertorsi, die sie mit Händen, Steinen, Stöcken und vor allem mit Hämmern traktieren. Wildes Hammerklopfen wechselt mit Passagen stilleren Streichelns und sanfteren Trommelns, sodass eine durchaus strukturierte „Klavier-Klang-Landschaft“ entsteht, die schon von der Ferne nachdrücklich durch die Bäume schallt.

Drei weitere Landschaft-Klang-Bilder komplettierten die Bespielung des Hohenstein-Parkgeländes. Christina Kubisch erweckt einen stillgelegten alten Brunnen mit kurzen Brunnenliedern, Wassergeräuschen wie Rieseln, Plätschern, Blubbern wieder zum Leben – auch dieses ein Ort zum sanften Träumen und Nachdenken. Das war bei einer anderen Aktion nicht notwendig. Matthias Kaul schuf in einer Grillanlage unter dem Titel „listen and taste“ eine „Kulinarische Horchsituation“ für einige Feuerstellen, einen Koch, Bratendes, Siedendes und ein horchendes und essendes Publikum. Man genießt Essen nicht nur mit der Zunge und vielleicht noch dem Auge, sondern auch mit dem Ohr, wenn man die Bratgeräusche via Kopfhörer in die Gehörgänge einspeist. Stephan Meiers „Lustwandel“ für vier Bläser und vier Schlagzeuger und Oliver Schnellers „Paysage sauvage“, ein „Reservat“ für  Instrumente und Lautsprecher komplettierten die Hohensteiner Klanglandschaftsbegehung, die den Kammermusiktagen eine sympathische Öffnung „ins Freie“ verschaffte, wovon auch die Wittener Bevölkerung profitierte, die sonst eher „draußen vor der Kammertür“ verharrt. Die Einbeziehung speziell junger Leute, von Musikschülern, Studierenden, auch Kindern in die Tage neuer Musik, ob in Witten oder in Donaueschingen, ist eine gute Idee, um diesen die oft recht komplizierte und spröde Materie nahe zu bringen.

Strenger und weniger träumerisch ging es bei den Aufführungen „in der Kammer“ zu. Unter den zwei Dutzend ur-oder erstaufgeführten Stücken dominierten die klassisch-romantischen Kammermusikformationen von Streichquartett (6) oder Klaviertrio (2); in zwei Fällen traten Zusatzinstrumente zu den Quartetten: Johannes Schöllhorn fügt seiner Streichquartett-Komposition „rota“ eine Kontrabassklarinette hinzu, die dem verschlungenen Linienspiel des „Rundtanzes“ einen magisch-unwirklichen Hintergrundsklang gab. Martin Smolka lässt in „Rinzal and Water Skaters“ Bassklarinette und Gitarre im Streichquartettspiel die Bewegungen von winzigen Wasserläufern auf der Wasseroberfläche suggieren, was eine aparte klangliche Strukturierung ergibt. Das jung amerikanische Jack Quartet zeigte sich in beiden Stücken als kompetenter Interpret. Im Finalkonzert lief das Arditti String Quartet wieder einmal zur Höchstform auf, sodass man sich schon innerlich zu distanzieren hatte, um festzustellen, dass Georges Aperghis’ „Quartet Movement“ mit seinen ständigen Akkord-Sequenzierungen kein besonders inspiriertes Werk ist, auch José Rio-Parejas „Tempus Fluidum“ mit Assoziationen an spanische Folklore-Elemente wirkt leicht übertourt. So wurde Hugues Dufourts „Dawn Flight“ für Streichquartett zum einsamen Höhepunkt. Wie auch in anderen Fällen ließ sich Dufourt, der in Witten als eine Art „composer in residence“ mit mehreren seiner Werke auftrat, für seinen „Flug in der Dämmerung“ von einem Bild des englischen Malers Stanley William Hayter inspirieren. Von dessen gestischer Bewegungsenergie, Farbintensität und expressiver Linearität springt sehr viel in Dufourts Quartett über.

Die Musik besitzt eine enorme Dichte und von Innen gespeiste Kraft, die Ardittis spielten das grandios. Auch das ensemble recherche, eine unersetzliche Institution der Musiktage, sicherte der Uraufführung von Dufourts „L’Asie d’après Tiepolo“ eine fulminante Darstellung: auch hier wieder die Überführung der Bewegungslinien, Drehachsen und Verflechtungen des Gemäldes in eine musikalische Struktur. Die Spannungen des Bildes korrespondieren präzise mit den Verspannungen in der Komposition. Einen eigenwilligen Anblick bot das niederländische Ensemble R bei einem Werk für zwei Schalmeien, Zugtrompete, Posaune, einen Tisch mit aufgeschraubten Becken und zwei Rabab (arabisches Streichinstrument) vom Holländer Gijsbrecht Royé, das in der Schreibart etwas allzu schlicht wirkte. Aber auch das darf bei einem Avantgarde-Festival sein. Es erscheint fast wie ein Wunder, dass ein Festival der neuen Musik nach vier Jahrzehnten von Jahr zu Jahr immer noch lebendiger wirkt.

Harry Vogt ist es zu danken, dass immer wieder auch ältere Komponisten, die schon Witten aufgetreten sind, eingeladen werden. So brachten diesmal Jonathan Harvey und Emmanuel Nunes jeweils ein Stück als Deutsche Erstaufführung ein: Harvey schrieb mit „Jubilus“ für Viola und acht Instrumente eine Erweiterung seines 1992 komponierten „Chant“ für Solo-Bratsche, der vom Gesang eines einsamen Mönches inspiriert wurde. In „Jubilus“ nun durchbrechen ekstatische Aufschwünge, sogenannte „Jubilii“, wie beim gregorianischen Choral, die gesangliche Linie. Harvey stellt sich dabei einen buddhistischen Mönch in einem Kloster hoch in den tibetischen Bergen vor, der seine „Sehnsucht und Verzückung“ heraus singt. Bei Harvey „singt“ am Ende die Solobratsche in den höchsten Lagen, wobei das Instrument von den „Modi des Chorals“ allmählich zu dem „tibetischen Gesang des Drukpa-Ordens namens ‚Blumenregen’ aufsteigt“. Die anschauliche Beschreibung des Komponisten wird von dem Solisten Trevor McTait sowie Instrumentalisten des Remix Ensembles durch eine intensive Interpretation gleichsam beglaubigt – ein schönes Stück Musik. In Emmanuel Nunes’ „Tissures“ finden sich eindringliche klangliche Klangbewegungen und Klangspannungen, auch wenn der Komponist hier auf die für ihn charakteristischen Instrumente wie Percussion, Klavier oder Harfe verzichtet. Unter Leitung von Peter Rundel spielte das Remix Ensemble mit gewohnter interpretatorischer Qualität. Zu den Komponisten, die von Harry Vogt immer wieder nach Witten eingeladen werden, gehört auch Georges Aperghis, der außer mit seinem schon erwähnten Streichquartett noch mit seinem „Dans de mur“ für Klavier und Zuspielung vertreten war – eine etwas flächige Arbeit, in der Aperghis einige Passagen aus seinen Lieblingsklavierkonzerten wie „Platten“ übereinanderlegt. Sie dienen, von Nicolas Hodge für das Zuspielband eingespielt, wie eine „Wand“, auf die Aperghis dann frisch komponierte „Graffitis“ live mit dem Klavier „sprayt“. Wie der grandiose Nicolas Hodges das realisiert, grenzt an Hexerei – man könnte „Dans le mur“ für ein großes Stück halten. Spaß hat es aber auf jeden Fall gemacht.

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