„Habent sua fata …“nein, nicht nur „Bücher“ haben „Schicksale“, auch Lieder und Musik. Das zeigen nicht nur jüngste Urteile speziell etwa gegen Sängerinnen in Nahost. Da muss auch „vor der eigenen Tür gekehrt werden“: immer wieder natürlich in München, der einstigen „Hauptstadt der Bewegung“. Das NS-Dokuzentrum erweitert sein Programm derzeit auch um thematisch eindeutige Musikabende – soeben unter dem Titel „Als der Jazz (fast) seine Freiheit verlor“.
Mit „Nigger-Musik“ gegen NS. Foto: wdp
Mit „Nigger-Musik“ gegen NS – Ein multi-mediales Jazz-Konzert im Münchner NS-Dokumentationszentrum
„Deutschsein“ ist ja wieder in … was immer etwa zwischen Ballermann und Bayreuth damit gemeint ist. Im multimedial perfekt eingerichteten Saal des NS-Dokuzentrums reichten nun Stühle und Hocker nicht, um bei einem live swingenden Rückblick allen einen Sitzplatz zu bieten. Parallel zum offiziellen Titel stellte sich „Freedom erinnert an Ghetto“ ein: Das Septett der „Freedom Swingers“ erinnerte in Textteilen an die Realitäten der Unterhaltungs-, Tanz-, sowie speziell Jazz-Musik vor und in der NS-Zeit, ließ historische Tonbeispiele klingen – und spielte dann unter dem historischen Foto der „Ghetto Swingers“ aus dem KZ Theresienstadt etliche deren Titel samt zwei Zugaben – Beifallstürme.
In gut gegliederten These-Antwort-Teilen umrissen Schlagzeuger Axel Högel und Pianist Peter Wegele auch viele damalige Gegebenheiten, ausgehend von der blühenden Filmkultur, deren internationale Verbindungen und Verträge auch nach 1933 etwa den US-Tonfilm-Hit wie „Broadway Melody“ ins Reich brachte. Gleiches galt für die Schallplattenindustrie, die bis Kriegsbeginn 1939 auch ausländische Instrumentalisten und Gesangssolisten auf Schellack anbot. Klar wurde die zwischen „Duldung und Ächtung“ schwankende, dann ab 1938 eindeutiger als „Entartete Musik“ ausgerichtete NS-Politik – mit dem hübschen Schlaglicht auf die bürokratische Unfähigkeit, die im amerikanischen Star-Klarinettisten Artie Shaw einen Abkömmling des britischen Star-Autors George Bernard Shaw vermutete… Als zentral ernster Angriffspunkt wurde Ernst KÅ™eneks Zeit-Oper „Jonny spielt auf“ von 1928 ff. vorgeführt – leider ohne Erwähnung des Skandals um die Münchner Gärtnerplatz-Einstudierung von 2022 (vgl. nmz online vom 12.03. und 05.04.2022), um den das aktuelle „Freedom“-Programm unbedingt ergänzt werden muss.
Für alle, die Michael Katers zentrale Bücher zu „Jazz im Nationalsozialismus“ bislang nicht gelesen hatten, waren die Facetten der Moderation um die deutsche Swing-Jugend, die Pariser „Zouzous“, die Wiener „Schlurfs“ horizonterweiternd – gipfelnd in Aktenauszügen des Hamburger Gestapo-Referats, wo 1941 die rund 1000 aktiven Jazz-Musizierenden mit ihren etwa 3000 Sympathisanten Anlass wurden, dass Heinrich Himmler strikte Strafmaßnahmen von Reinhard Heydrich verlangte. Beeindruckend waren auch die Fotos der „Mr. Goebbels Big Band“, die im NS-Propaganda-Sender „Germany Calling“ auch als „Charlie and his Orchestra“ eingesetzt wurde – mit dem anklagend auf Churchill umgetexteten „St. Louis Blues“. Zwischen „Swing Heil“ und „Heil Hot-ler“ wurde klar, dass „wer swingt, kann nicht im Gleichschritt marschieren“ – und kontrastierend dazu gelang auch der ernste Höhepunkt: der aufgrund seiner enormen Popularität im sog. „3. Reich“ geduldete Roma Georges Boulanger (1893-1958) hatte als herausragender Tango-Geiger mit „Avant de mourir“ schon 1926 einen All-Time-Hit komponiert – den spielten Jazz-Violinist Marc Kaufmann und Peter Wegele am Piano als anrührende Serenade, die vor und nach 1945 populär war.
Unter dem Foto der „Ghetto Swingers“, die als Combo und Big Band von der NS-Propaganda als gleichsam tolerant-humanitäres Beispiel im berüchtigten „Theresienstadt“-Film eingesetzt wurden, fetzten zusammen mit den schon Genannten dann Thomas Frey (Akkordeon), Knut Kittel (Gitarre) und spiritus rector Josef Ametsbichler (Bass) einen jazzigen Querschnitt von „Bei mir bist du scheen“ über „Night and Day“ bis zur „Ghetto“-Kennmelodie „I got Rhythm“ hin – so „hot“, dass der ganze Abend durch Schul-Aulen und alle Säle wandern sollte.
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