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Erased Music: Roman Padlewski & Charles Tournemire, Axelle Saint-Cirel © Christian Palm, Ruhrtriennale 2026

Erased Music: Roman Padlewski & Charles Tournemire, Axelle Saint-Cirel © Christian Palm, Ruhrtriennale 2026

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Ruhrtriennale: Wiederentdeckung Charles Tournemire – Passionsgeschichte aus Graphit

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Eine Kantate über den langsamen Tod Christi am Kreuz – so unmittelbar, dass man sich einmal mehr fragt, warum das Christentum eine Folterszene in den Mittelpunkt seiner Religion stellt. Man kann das, wie Bach, in der Kunst sublimieren. Oder man geht dahin, wo es weh tut, etwa mit Charles Tournemire in „La douloureuse passion du Christ“, uraufgeführt mit 90-jährigem Verzug bei der Ruhrtriennale durch das Chorwerk Ruhr und die Bochumer Symphoniker unter Florian Helgath.

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1870 in Bordeaux geboren, war Charles Tournemire ein in Frankreich hochgeschätzter Organist, dessen Improvisationen an der Pariser Kirche St. Clotilde die Zuhörer anzogen. Die Nachwelt vergaß seine acht Symphonien (als Gesamteinspielung ausgerechnet vom Moskau Symphonie Orchester erhältlich), und nur die Orgelgemeinde kennt den prachtvollen liturgischen Zyklus „L'Orgue Mystique“. Dem Münchner Organisten Harald Feller verdankt die Ruhrtriennale die Entdeckung der „La douloureuse passion du Christ“ in der Nationalbibliothek Paris, geschrieben 1935/36 und bis heute ungehört, nicht nur vom Komponisten, der 1939 starb.

Florian Helgath, Künstlerischer Leiter des Chorwerks Ruhr, eröffnet den Abend in der Jahrhunderthalle Bochum am 12. und 13. September mit einem „Stabat Mater“ des polnischen Komponisten Roman Padlewski: ein ruhig voranschreitender Chorsatz, der Dominantspannung ebenso meidet wie chromatische Schmerzensmotive. Padlewski wendet sich mit sanftem Druck an Maria, in der Hoffnung, dass die Trauernde das lyrische Ich auf ihrer Reise ins Paradies mitnehme. Der Komponist selbst verunglückte bei einer Minenentschärfung im Warschauer Ghetto 1944 tödlich.

Wie anders die Klangsprache Tournemires! Malt Padlewski mit Pastellfarben, so verwendet der Franzose Graphit: kantig die Konturen, kurz die Linien, scharf die Figuren. Die Sieben letzten Worte büßen gegenüber den grausam zugespitzten Details an Bedeutung ein. Die Erzählung setzt im Garten Getsemani an, eine Mezzosopranistin (Axelle Saint-Cirel) und ein Tenor (Enguerrand de Hys) führen durch die Geschichte, sekundiert von Christian Schmitt an der Orgel. Den Chor begleiten monodische, oft harmonielose Einwürfe der Bochumer Symphoniker – eine Vertonungsschablone, die Tournemire mit eiserner Strenge durchhält. Jerôme Boutillier singt den Jesus sogar ohne jede musikalische Einkleidung. Die Texte der Mystikerin Anna Katharina Emmerick rücken unangefochten ins Zentrum, der Komponist wollte Textverständlichkeit, die Interpreten des Abends lösen sie ein. Alle Ausführenden garantieren eine bestürzend intensive Aufführung, die auf CD festgehalten und vorab im WDR gesendet wird.

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Erased Music: Roman Padlewski & Charles Tournemire, Chorwerk Ruhr, Bochumer Symphoniker © Christian Palm, Ruhrtriennale 2026

Erased Music: Roman Padlewski & Charles Tournemire, Chorwerk Ruhr, Bochumer Symphoniker © Christian Palm, Ruhrtriennale 2026

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Nur selten ringt sich der Komponist zu Klangmalerei durch, etwa bei der panischen Flucht Judas‘ nach dem Verrat in einem sich überschlagenden Orgelwirbel, bei den aufgeregten Flöten, die den Mond in eine Feuerkugel verwandeln, oder im Orchestersatz, der die aufgewühlten Elemente nach Christi Tod charakterisiert. Und, auch das: ein einsames Tamtam für den Moment, in dem das Leben den Erlöser verlässt. 

Den Coup hebt sich Charles Tournemire für die letzten Partiturseiten auf: Harfe und Celesta treten erstmals hinzu, mit einer Farbe, die die Himmelfahrt Christi symbolisiert. Und erstmals auch schmiegt sich die Orgel in den Orchesterklang. Wie präzise doch Tournemire mit seiner Palette umgehen konnte. Sein berühmtester Schüler hieß Olivier Messiaen, auch er ein Meister der präzisen Formulierung und klaren Entscheidung. Und vielleicht ist es von dieser Passion nicht weit zu Yvonne Loriods „La Sainte Face“, der aufsehenerregenden Entdeckung des Musikfests Berlin vor wenigen Tagen.

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