Olga Neuwirth, 1968 geboren und Professorin für Komposition in Wien, war von Anfang an eine protestierende Außenseiterin, nicht unbedingt – das auch – aus politischen Gründen, sondern wegen ihrer künstlerischen synästhetischen Haltung. Sie denkt nicht nur in Tönen, sie denkt in Farben, in Bildern, in Filmen und erzählt immer wieder aus ihrer Jugendzeit, wie sie da Monster- und Science-Fiction-Filme geradezu suchtmäßig geschaut hat. Im 1999 bei den Wiener Festwochen uraufgeführten „Bählamms Fest“ führt das zu „aufgebrochenem Musiktheater“ (Neuwirth).
Georg Nigl, Andrew Watts, Anna Clementi. Sängerin Gorgonzilla: Vanessa_Konzok. Darstellerin Gorgonzilla. Foto: © TanjaDorendorf
Spaß ohne Hoffnung in „Monster’s Paradise“ – Uraufführung von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek an der Staatsoper Hamburg
Nun war das zu erleben in ihrer dritten abendfüllenden Oper „Monster’s Paradise“, einer vom Publikum begeistert angenommenen Uraufführung an der Staatsoper Hamburg. Denn zusammen mit der ebenso protestierenden Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek fand Neuwirth ihre „Monster“. Da muss man nicht weit suchen: Donald Trump und ein echsenartiges Seeungeheuer mit Namen Gorgonzilla, das durch die Explosion eines Kernkraftwerkes entstanden ist und das ihn vielleicht stoppen und überwinden könnte. Es frisst nämlich den Präsidenten und setzt sich die Krone auf. Der neue, ehrgeizige Intendant Tobias Kratzer, der angetreten ist, das Musiktheater neu zu definieren und pro Spielzeit eine Uraufführung anzubieten, inszenierte die Story der Vampirinnen Vampi und Bampi, die auf der Suche nach den Rettern dieser untergehenden Welt sind. Die beiden sind visuell die blonde Elfriede Jelinek und die schwarzhaarige Olga Neuwirth. In der Oper treffen wir beide zu einem Zeitpunkt, wo sie schon ganz erschöpft sind von ihrer ergebnislosen Suche, aber es eben noch einmal versuchen wollen.
Ich war – zugegeben – anfangs leicht genervt von der Vorstellung, jetzt eine Satire auf Trump sehen zu müssen, wo der doch sowieso schon das politische Tagesgeschehen so beherrscht, dass er sozusagen seine eigene Karikatur ist. Aber angesichts der Einfälle der Autorinnen und des Regisseurs, aber auch des Bühnenbilds von Rainer Sellmaier habe ich das schnell aufgegeben und mich gerne dem explodierenden und komischen Einfallsreichtum dieser Politgroteske überlassen.
Da lässt Trump in seinem weißen Haus KünstlerInnen unterschiedlichster Art auftreten – SängerInnen, KarikaturistInnen, alles Mögliche –, die er dann über Knopfdruck abstraft und die in die Tiefe fallen lässt. Da wird Trump gezeigt, in zehnfach aufgepumpter Größe, in seinem Golfauto übers Meer fahrend, da versuchen Vampi und Bampi, den König-Präsidenten mit Hammerschlägen zu töten, was aber misslingt, weil er gut funktionierende Sicherheitswesten anhat. Ein szenisches Highlight reiht sich an das andere – man kommt kaum mit und hat was zu lachen. Aber immer bleibt das Lachen im Hals stecken – es wird eben im Verhältnis zu den Bühnenknallern wenig gelacht –, weil ja alles genauso ist: so unfassbar absurd. Und es ist keine Satire, es ist die Wahrheit.
Die Musik von Neuwirth zeigt keinen individuellen Personalstil, sondern räubert in allem: Kurt Weill, Sprechstimmengesang mit und ohne Tonhöhen, verfremdete Sprache des Seeungeheuers, bedrohliche Klangflächen, auch stille lyrische „Neue Musik“, Samples, ein verstimmtes Klavier und einfallsreich genutzte Videos, die viel mehr als eine Bebilderung sind: Sie verschränken sich hinreißend mit dem Bühnengeschehen. Man sieht und hört immer: Neuwirth hat aufgrund ihrer synästhetischen Persönlichkeit mehrere Ausbildungen: Sie hat Komposition, Malerei, Video studiert, alles zusammen prägt ihre sehr heterogene Musik- und/oder Bühnensprache, an diesem Abend eher ein Varieté.
Das alles fliegt uns mit Entschiedenheit und Wucht um die Ohren: allen voran als Vampi und Bampi Sara Defrise und Kristina Stanek. Dann – nach seiner hinreißenden Putinsatire von Gordon Kampe an der Staatsoper 2025 – Georg Nigl als Trump – nun schon fast spezialisiert als Diktator. Titus Engel und das Staatsorchester haben das alles wunderbar in der Hand.
Aber, und das macht dann richtig Spaß, es ist kein Aufklärungsstück mit Fingerzeigenbelehrung, sondern allerbeste Unterhaltung. Und diesem Sinne könnte es die Opernhäuser vielleicht nicht gerade erobern, aber weitere Aufführungen geben. Dass es leider bitterernst ist mit diesem Trump, das vergessen wir nicht. Und das vermittelt das unglaubliche Schlussbild: Jelinek und Neuwirth spielen auf einem Klavier, das auf einem Floß in der Elbe fährt, Franz Schuberts verzweifelt-traurige f-Moll-Fantasie aus seinem Todesjahr 1828. Das – in Wirklichkeit gespielt von Elisabeth Leonskaja und Alexandra Stychkina – holt den Ernst der Lage zurück – ohne Hoffnung.
- Die nächsten Aufführungen sind am 4., 8., 11., 13., und 19.2.2026.
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