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Foto: Iko Freese / drama-berlin.de
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Varieté des Todes – Offenbachs „Blaubart“ an der Komischen Oper Berlin

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Kaum ein anderes Werk des Musiktheaters ist so stark mit dem Erfolg der Komischen Oper Berlin verknüpft, wie gerade Jacques Offenbachs „Blaubart“. 1963 von Walter Felsenstein inszeniert, erlebte dessen Produktion 360 Reprisen. Etwas weniger erfolgreich, wenn auch viel beachtet, wurde zwei Jahre später Felsenstein Remake im Opernhaus Frankfurt am Main. Der Erfolg scheint also spezifisch etwas mit dem Bewusstsein von Kultur in der DDR zu tun zu haben.

Das dachten sich wohl auch die Bearbeiter, welche die Handlung rund um den Abriss des Palastes der Republik und die Neuerrichtung des Schlosses in Berlin ansiedelten und im musikalischen Neuarrangement nicht nur diverse Zitate von Smetana („Die Moldau“), Richard Wagner („Der fliegende Holländer“ und „Siegfried“) integrierten, sondern auch die DDR-Nationalhymne und diverse DDR-Kampflieder.

Opernregisseur Stefan Herheim, der in seiner Bayreuther „Parsifal“-Inszenierung neben einem Abbild des späten neunzehnten und der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert die gesamte Rezeptions- und deutsche Geschichte visualisiert hatte und der bei den Bregenzer Festspielen einen ungewöhnlich collagierten Offenbachschen „Hoffmann“ auf die Bühne gezaubert hatte, wurde von Barrie Kosky zu seiner ersten Operetteninszenierung überredet. Herheim erkannte in Offenbachs Original zunächst die Reibung des Komponisten mit der Großen Oper, die bei Offenbach immer wieder gebrochenen opernhaften Tableaus, und ging auch diesmal als ein vielschichtig historischer Geschichtenerzähler zu Werke. Wie bei „Les Contes d’Hoffmann“ ergänzte der Regisseur auch bei auch bei „Barbe-bleue“ das Personal der Handlung. Den Uraufführungsort, das Pariser „Théatre des Variétes“ rückte er mit einem Thespis-Karren des Gevatters Tod (Wolfgang Häntsch) ins Bild, am Anfang auf die nackte Bühne gezogen von einem Freak, dem verwachsenen Kleinwüchsigen Rüdiger Frank als Eros (auf dem Programmzettel Cupido genannt), der sich als ein sehr präziser, nur rhythmisch (beim Bedienen des Triangels) nicht so gewandter, sprechgewaltiger und ausdrucksstarker Darsteller erweist. Diese fahrbare Schaubühne, als „Varieté Vanitas“ bezeichnet, erweitert sich zu einer Schaubühne des Lebens, welche der Reihe nach alle handelnden Personen ausspuckt und am Ende wieder verschlingt (Bühnenbild: Christof Hetzer).

Mit musikalischen Nummern aus anderen Offenbach-Operetten als Drahtzieher-Minister des Königs gesteigert, lässt Graf Oscar aus Mitleid die vom König zur Hinrichtung verurteilten, vermeintlichen Liebhaber seiner Frau heimlich überleben – wie auch Popolani, der Alchimist des Ritters Blaubart, die Ehefrauen das sexbesessenen Frauenmörders Blaubart nur scheinbar vergiftet.

Die Umtriebe des wiederholt zur Opernfigur transformierten Frauenmörders – so beispielsweise von Paul Dukas, Emil Nikolaus von Reznicek und Bela Bartok – werden in der Opéra bouffe zu einem makaber hereingelegten Potentaten, den der Charaktertenor Wolfgang Ablinger-Sperrhacke trefflich verkörpert. Esther Bialas’ Kostüm betont auf den ersten Blick die Nähe zur legendären Felsenstein-Vorlage, aber Blaubarts Hose ziert nun statt einer Schamkapsel ein gewaltiger blauer Phallus.

Geschmacklosigkeiten zum Ziel erklärt

Die Neufassung von Stefan Herheim, Clemens Flick und Alexander Meier-Dörzenbach betont dass Doppeldeutige, Schlüpfrige des französischen Originals aus dem Jahre 1866, indem es die Geschmacklosigkeiten zum Ziel erklärt und sich vorzugsweise zotig ausdrückt. Neben Wortspielen mit „Kupfer“ und „Felsenstein“ beim Palastbau, gehören Reime, wie „Fleißig in den Arsch zu kriechen, um den Duft der Macht zu riechen“ oder „Möse – erlöse!“ noch zu den harmloseren Beispielen.

Und wenn der Alchimist die letzte der gemordeten Frauen Blaubarts wiederbelebt, so tut er dies hier nicht mit einem besonderen Wein, sondern mit einem flackernden Dildo in Bananenform, den er der Boulotte einführt.

Wenn dem Regisseur in seiner Arbeit das „Tralala“-Singen von Chor und Ensemble selbst zu banal wird, dann legt er dem Tod eine möglicherweise befürchte Kritik mit den Worten „Habt Ihr denn alle den Arsch offen?“ selbst in den Mund um – wie bei seinem „Hoffmann“ in Bregenz – Widerspruch aus dem Publikum von vornherein abzufangen. Textlich wird viel zitiert und verballhornt, von Goethes „Faust“ bis Shakespeares „Hamlet“, und ob dieser Fülle an Einfällen und Zutaten zur ungekürzten Original-Musik wird der sonst rund zweistündige Abend auf volle dreieinhalb Stunden aufgebläht.

Dabei zeigt sich, dass der Regisseur, der mit derartigen Mischformen von Sprache und Musik vordem nichts zu tun hatte, sich im Umgang mit dem selbst gewählten Varietee der Mittel als überfordert erweist. Hier hätte in der Regel am Theater ein Dramaturg straffend eingreifen müssen, aber der Dramaturg von Herheim-Produktionen ist Alexander Meier-Dörzenbach, und der ist hier zugleich der Textbearbeiter und folglich in einem Interessenkonflikt. Eine weitere Korrekturfunktion hätte der Kapellmeister ausüben können, aber als solcher war der musikalische Bearbeiter Clemens Flick angekündigt und vorgesehen; der jedoch wurde gegen Ende der Probenarbeit ausgetauscht gegen den gerade für Schrekers „Die Gezeichneten“ am Hause tätigen Stefan Soltesz. Der in Opern und auch in Operetten überaus erfahrene Dirigent leitet den Abend souverän, ohne jedoch Funken aus der Partitur zu schlagen oder das spezifische Offenbachsche Esprit erstrahlen zu lassen.

Aufgrund technischer Schwierigkeiten war die Premiere verschoben worden, keine Seltenheit im Theater, aber an diesem Haus ein Novum. Auch am Premierenabend klappte es mit dem Umbau des Palastes der Republik zum Neuen Schloss beide Male noch nicht so recht.

Die Hamburger Sängerin Sarah Ferede als nymphomane Boulotte hatte sich an der legendären Leistung von Annie Schlemm zu reiben, vermochte dies aber mit runden Tönen und erotischem Spielwitz, wenn auch die in dieser Neufassung textlich besungene Zurschaustellung ihrer nackten Brüste im zweiten Finale unterblieb; dafür reckte sie dem Publikum ihr übriges Dekollete und den Mitakteuren ihre weit gespreizten Schenkel entgegen um den kollektiven Sexrausch auszulösen.

Hinreißend der skurrile König Bobèche von Peter Renz, großartig Philipp Meierhöfer als dessen kurioser Minister und Tom Erik Lie als verschroben hinterlistiger Alchimist.

Daneben stimmlich mehr bodenständige Hausmannskost, mit Christiane Oertel als ständig erotisch unterforderter Königin Clémentine an der Spitze – und vokal eher unter Niveau die Sopranistin Vera-Lotte Böcker als wiederaufgefundene Königstochter Hernia und letzte Frau Blaubarts.

Jene, die nach der späten Pause um 21:48 Uhr in den Zuschauerraum zurückgefunden hatten, spendeten um 23:00 Uhr allen Beteiligten dankschuldigen Applaus. Buhrufe gegen die neue Produktion waren mit dem Ende des ersten Teils bereits verhallt.

Nur radikale Kürzungen könnten aus diesem überlangen Mixtum noch einen vor allem in seinem Timing stimmigen Abend machen. Dem aber steht wohl der intendierte Ansatz der Varieté-Vielfalt entgegen.

  • Weitere Aufführungen: 24., 31. März, 22., 27. April, 10., 13., 25. Mai, 10. Juni, 1. und 13. Juli 2018.

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