„Der Schmarrn ist fertig, und wenn es kein Erfolg wird, habt ihr es euch selbst zuzuschreiben“, soll Lehár 1909 dem Pächter des uraufführenden Theaters an der Wien gesagt haben. Der ließ gleich noch Lehárs Äußerung kolportieren, dass der das neue Werk in „nur drei Wochen“ zwischen Ende Mai und dem 26. Juni vertont habe. Lehár selbst schrieb noch dazu, dass er das Ganze für seine „lustigste und fescheste operette“ halte. Damals folgten rund 300 Aufführungen – und die Münchner Neufassung hat alles zu einem „Repertoire-Klassiker“ am Gärtnerplatz.
Sophia Keiler (Juliette Vermont), Peter Neustifter (Armand Brissard). Foto: © Anna Schnauss
Vom Schein zum Sein – Perfekt bearbeiteter „Graf von Luxemburg“ am Münchner Gärtnerplatztheater
Zwar galt die Standing Ovation am Schluss zunächst dem ganzen Ensemble, doch sie muss auch dem davor auf die Bühne stürmenden Realisierungsteam gelten: voran dem schon vor drei Jahren mit „Rockin‘ Rosie“ (vgl. nmz online vom 10.12.2022) begeisternden Regisseur und Bearbeiter Peter Lund. Er hat die Handlung zwar im Jahr 1910 belassen, als das Parfum „Tréfle Incarnat“ alle, die damit in Kontakt kamen, betörte – doch er hat um das brotlose Künstlerpaar Juliette (Bildhauerin mit harten Handgriff) und Armand (Maler des kubistischen Klassikers „Venus 1909“) nicht „Bohème“-Klischee drapiert, sondern pfiffige Wortwitze um van Gogh und sein abgeschnittenes Ohr, um die reale „Fauves“-Malergruppe um Matisse, Vlaminck u.a. von 1905 bis hin zum Seitenhieb auf den aktuellen Kunst-Kapitalismus um Sothebys (Armands Bild wird für „23 Millionen Pfund“ am 32. März 2026! versteigert) eingebaut; Lund hat den aktuellen Wahn „jemand anders sein zu wollen als mann/frau…“ im Damals und in pointierten Dialogen entlarven lassen; und Lund hat den unsterblich-betörenden Walzer-Rhythmus Lehárs fließend in die Turbulenzen der Handlung mit all ihren Schein-Identitäten eingebaut – kurz: So geht intelligentes Unterhaltungstheater, das mit kleinen Bissigkeiten unser aller „Träume von …“ zur amüsant-unbequemen Kenntlichkeit vorführt. All das übergießt Michael Brandstätter am Pult des Orchesters mit Frische und Drive und: Lehárs Melodie-Süße-Seligkeit … eben zum Hinhörschmelzen!
Dazu hat Lund in Jürgen Franz Kirner einen Bühnenbildner gefunden, der Paris als nüchternes Metallkonstrukt zeigt, dann aber mit Versenkungen, hochfahrenden Plateaus, herein- und herausfahrenden Szenenwänden mit Jugendstil-Ornamenten und dann auch armseligen Bretterwänden sowie auf der Drehbühne kreisenden Vorder- und Rückseiten-Spielorten gleichsam das Walzer-Drehmoment sichtbar macht… und dann auch eine große Showtreppe einbaut, auf der Ballgesellschaften sich klanggünstig (Choreinstudierung Pietro Numico und DovilÄ— ŠiupenytÄ—) selbstinszenieren und natürlich auch die zur „Diva“ aufgestiegene Angèle große Auftritte hinlegen kann. Ergänzender Höhepunkt: Vor einer Bühnenwand mit Jugendstil-Ornamentik in wechselnder Schwarz-Weiß-Blau-Färbung singt Angèle groß arios „Sag nicht …“ und pflückt dabei aus Männerköpfen rote Rosen …
Daniel Prohaska (René Graf von Luxemburg), Andreja Zidaric (Angèle Didier). Foto: © Anna Schnauss
Diese Schaufreude wird zur Augenweide, denn Regisseur Lund lässt von Kostümbildnerin Daria Kornysheva vorführen, was wir verloren haben: diese Herren-Eleganz von gut sitzenden Anzügen bis hin zu Smoking und Frack – und dann eben Opulenz durch berückende Traum-Roben für Juliette und Angèle, die mal Jugendstil, mal Kubismus, mal Abstraktion beschwören – und Frauen bildschön, reizvoll und verführerisch wirken lassen. Text: „Wir sind das Begehrenswerteste auf der Welt – die da (Blick auf die Männer) nur Personal“…!
Also konnten Andreja Zidaric (mit Sopran-Glanz und glaubhafter Diva-Attitüde ein hinreißendes Zentrum), Sophia Keiler (eine resolute Künstlerin Juliette), Daniel Prohaska (mit der Graf-Eleganz zum glaubhaften Aufsteiger) und Peter Neustifter (als stetig bemühter Maler Armand) sowie alle kleinen Nebenrollen bis zum Slapstick-Trio der „fürstlichen Gehilfen“ glänzen, leuchtend aussingen und über alle Widrigkeiten Lebenshunger verstrahlen.
Und dann bekam der Abend noch zwei Glanzlichter. Da muss ja ein inzwischen glatzköpfig-„reifer“ Fürst Basil einerseits den nur noch finanziell potenten „Ich-regle-alles-mit-Geld“-Grandseigneur geben. Er muss den Eklat um den falschen Grafen, die vorgeschobene Heirat und die Entlarvung ja souverän beherrschen – und eine lange Vorhang-Pause lässt dieses Finale des 2. Akts gezielt wie ein bitteres Ende wirken – doch dann begegnet er ja der zuvor schon ebenso selbstbewusst agierenden Gräfin von Luxemburg, seiner unsterblichen Liebe von einst … und da hat das Ensemble des Gärtnerplatztheaters eben einen Erwin Windegger und eine Dagmar Hellberg – jede Szene beherrschend, prägend und augenzwinkernd gestaltend – abendfüllend … zu Recht Ovationen …
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