Die Messiaen-Tage 2026 würdigen das vor 85 Jahren in einem Kriegsgefangenenlager vollendete und uraufgeführte „Quatuor pour la fin du temps“ und leisten Erinnerungsarbeit.
Die Messiaen-Tage 2026. Foto: Klaudia Kutek
Wunden, wo Wunder geschehen … Die Messiaen-Tage 2026
Wozu noch an vergangene Kriege erinnern, wenn selbst die Jetztzeit von Kriegen und deren Auswirkungen geprägt ist? Die Antwort liegt auf der Hand: Um das Gedenken wachzuhalten und aufzuzeigen, was für eine Bestie der Mensch dem Menschen sein kann. Zynisch könnte gesagt werden, um deutlich zu machen, dass die Menschheit bei allem erlittenen Grauen nicht lernfähig ist und immer wieder aufeinander losgeht, angeführt und angestiftet von einigen wenigen offenbar nicht aussterbenden Wirrköpfen, die politische Macht an sich reißen, um sie brutal zu missbrauchen.
Inmitten heutiger Kriege – und rein geografisch gar nicht so weit von Russlands das Völkerrecht mit Stiefeln tretendem Angriffskrieg gegen die Ukraine – erinnert die Europäische Doppelstadt Görlitz / Zgorzelec Jahr für Jahr an die inmitten des Zweiten Weltkriegs erfolgte Uraufführung eines herausragenden Musikstücks von Olivier Messiaen. Der französische Komponist vollendete im Winter 1940/41 in einem Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht sein „Quatuor pour la fin du temps“, ein einzigartiges Werk voller Licht, Sehnsucht und Klage, das seit fast zwanzig Jahren regelmäßig am Uraufführungsdatum 15. Januar aufgeführt wird.
Görlitz, die östlichste Stadt Deutschlands, und Zgorzelec weit im Westen der polnischen Wojewodschaft Niederschlesien sind 1945 geteilt worden und wachsen nun wieder fruchtbar gedeihlich zusammen. Die Messiaen-Tage wurden längst zu einem verbindenden Element, finden auf beiden Teilen der Neiße statt und werden von der polnischen Stiftung Erinnerung, Bildung, Kultur sowie vom deutschen Verein Meetingpoint Memory Messiaen gemeinsam getragen. Seit vorigem Jahr werden sie zweigeteilt ausgerichtet, auf das Gedenkkonzert am 15. Januar folgt ein mehrtägiges Angebot mit Musik und Diskurs im publikumsfreundlichen Frühjahr. Das erste Mai-Wochenende ’26 stand ganz im Zeichen der vor 85 Jahren erfolgten Quartett-Uraufführung im Gefangenenlager Stalag VIII A, ermöglichte geführte Begegnungen auf diesem Gelände sowie an Stätten einstiger NS-Zwangsarbeit, die auch heute noch keineswegs aufgearbeitet wurde, teilweise gar durch die Nachfolge der einst von dieser Form moderner Sklaverei profitierenden Unternehmen verdrängt und geleugnet wird.
Korrespondierend zu Olivier Messiaen, der neun Monate in diesem Lager verbracht hat, konnten neue Forschungsergebnisse präsentiert werden und gab es Begegnungen mit Hinterbliebenen einstiger Kriegsgefangener. Da wird wertvolle Erinnerungsarbeit geleistet, wie sie nicht hoch genug zu würdigen ist. Und selbstredend kam dabei auch die musikalische Seite keineswegs zu kurz. So gastierte einmal mehr das auf zeitgenössisches Schaffen profilierte Ensemble Écoute aus Paris bei den Messiaen-Tagen und steuerte diesmal gemeinsam mit jungen Künstlerinnen und Künstlern mehrerer Nationen mit Messiaen korrespondierende Werke bei. Von der 1926 geborenen Betsy Jolas erklang das 1966 geschaffene „J.D.E.“, ein multiples Gespräch aus Einzeltönen, wie ein Sinnbild gesteigerten Zusammenfindens mit innehaltendem Finale. Jolas ging ebenso am Pariser Konservatorium in die Lehre Messiaens wie dessen späterer „Lieblingsschüler“ Georges Benjamin (Jg. 1960), dessen „At First Light“ mit gewaltigem Klangpotential heftige Kontraste setzte.
Effektvoll und überraschend gestaltete das Ensemble unter der musikalischen Leitung des Argentiniers Fernando Palomeque aber auch Kurzkompositionen des Polen Michał Kulbacki, des Italieners Davide Rizza und des Brasilianers Guilherme de Almeida sowie vom französischen Altmeister Pierre Boulez. Da traf tastendes Suchen nach tonaler Sprache auf elektronisches Zuspiel, perkussive Ausbrüche auf virtuose Bläser-Passagen und orchestrale Vielstimmigkeit auf faszinierenden Gesang (Kristine Paseka, Sopran).
Mit Messiaens Frühwerk „O sacrum convivium“ (1937) überzeugten anderentags Solistinnen und Solisten der 2017 gegründeten EuropaChorAkademie Görlitz, deren gemeinsam mit Écoute gestaltetes Programm ein Spektrum von Brahms und Bruckner bis hin zu Boulez und Alex Nante (Jg. 1992) abdeckte. Das sehr heterogene Publikum zeigte sich insbesondere von kokett impulsiven Arrangements einer Auswahl der Brahms’schen „Liebeslieder-Walzer“ durch Orlando Bass beeindruckt.
Fulminant geriet auch das sonntägliche Abschlusskonzert der Messiaen-Tage 2026 im Kulturforum Görlitzer Synagoge, wo die Sinfonietta Dresden eine dramaturgisch klug gestaltete Programmatik umsetzen konnte. Mit dem Titel „Displaced Persons“ wurde an Entwurzelte und Vertriebene erinnert, die „Heimat allein im Sehnsuchtsort Musik“ zu finden vermochten. Allen voran – und in diesem Kontext zunächst überraschend – der Film- und Schlagerkomponist Michael Jary. Dessen erinnerungsschwangerer UFA-Schlager „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ rahmte dieses berührende Konzert in einer Instrumentation des Dirigenten Milko Kersten, der dem seit 1994 bestehenden Kammerorchester eng verbunden ist und es bei diesem Hit auch zu vokaler Mitwirkung animiert hat.
Jarys doppelte Tragik bestand einerseits in seinem zu Nazi-Zeiten abgelegten Geburtsnamen Maximilian Michael Jarczyk und andererseits in der Liebe zu „ernsthafter“ Musik, die aber mit seinen Erfolgen in unterhaltsameren Genres nicht mithalten konnte. Umso verdienstvoller, dass hier auch mal Kammermusik des Hindemith- und Schreker-Schülers erklang. Im Kontext mit Kompositionen der beiden jüdischen Komponistinnen Rosy Wertheim und Vítězslava Kaprálová gemahnte Jarys „Wunder“ vor allem an offene Wunden, die bis heute kollektiver Zuwendung bedürfen. Dass Beschweigen und Wegsehen nicht hilfreich sein können, untermauerte ein vom Dichter Alexander Estis vorgetragenes Langgedicht („Kaddisch“), dessen Strophen er eindrucksvoll in die Musik des Abends montierte. Als Uraufführung stand die beklemmende „Heterophonie II“ von Volker Sondermann (Jg. 1990) im Zentrum dieses Abends, ein Eroica-Motive aufgreifendes Stück um das not-wendige Verdängen von Schmerz als Überlebensmethode. Neben dieser pompös endenden Musik behauptete sich „Ahinnu 2“ von Samir Odeh-Tamimi (Jg. 1970) ebenfalls als äußerst expressiv.
In barbarischen Zeiten an Barbarei zu erinnern, mag nach Sisyphos klingen. Allein, diese Verbindung musikalischen Gedenkens an Geschichte, wie sie bei den Messiaen-Tagen gepflegt wird, ist mental und intellektuell für die Bewältigung der Gegenwart unabdingbar.
Besuche der Gedenkstätte am Stadtrand von Zgorzelec lohnen allerdings auch unabhängig von den Messiaen-Tagen, deren professionelle Ausstrahlung den Mühen eines großartigen Teams zu verdanken ist.
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