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Hanns Eisler: Ernste Gesänge für Bariton und Streichorchester. Klavierauszug: Tobias Faßhauer. Texte: Friedrich Hölderlin, Berthold Viertel, Giacomo Leopardi, Helmut Richter, Stephan Hermlin. Deutscher Verlag für Musik/Breitkopf & Härtel DV 6089; ISMN 979-
Hanns Eisler: Ernste Gesänge für Bariton und Streichorchester. Klavierauszug: Tobias Faßhauer. Texte: Friedrich Hölderlin, Berthold Viertel, Giacomo Leopardi, Helmut Richter, Stephan Hermlin. Deutscher Verlag für Musik/Breitkopf & Härtel DV 6089; ISMN 979-
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Humanistische Weitsicht, kritische Zeitgeistbetrachtung

Untertitel
Noten für Gesang mit Begleitung
Publikationsdatum
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Noten-Neuheiten für Gesang von Morten Lauridsen, Gilead Mishory, Eduard Hanslick, Mieczyslaw Weinberg, Hanns Eisler und Zdenek Fibich.

Eduard Hanslick: Neun ausgewählte Lieder. Auf Texte von Fallersleben, Freiligrath, Geibel u.a. für eine Singstimme und Klavier. Herausgegeben von Martin Wiemer. Walhall EW 1103; ISMN 979-0-50265-103-9

Der alte Zopf „Man muss nicht selber Eier legen, um ein Frühstücksei zu beurteilen“ trifft ins Mark. Der „Kritikerpapst“ Eduard Hanslick stammt aus einer Musikerfamilie in Prag, ursprünglich Jurist, befasste er sich zeitlebens mit Musik, nicht zuletzt mit namhaften Komponisten seiner Zeit. Als Jugendlicher erhielt er Klavier- und zugleich Kompositionsunterricht, in dessen Folge seine ersten Lieder entstanden, die leider verschollen sind. Seine Schrift „Vom musikalisch Schönen“ beförderte ihn zum Dr. phil. h.c., er folgte 1861 dem Ruf zum Professor für „Geschichte und Ästhetik der Musik“ in Wien. Kein Geringerer als Johannes Brahms ermunterte den Kritiker-Autor, seine, auch in späterer Zeit entstandenen Lieder zur Edition freizugeben, einige davon möge er aber bitte mit der Angabe „Lieder aus der Jugendzeit“ versehen! Manche treffen den „Volkston“, andere sind fantasievoll originell auskomponierte Strophenlieder, die sich lohnen, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden.

Zdenek Fibich: Lieder auf Texte von Johann Wolfgang von Goethe. Urtext, hrsg. von Barbora Kubecková. Bärenreiter Praha BA 11558; ISMN 979-0-2601-0865-3

So er sein umfangreiches über 200 Lieder umfassendes Opus in eigener Revision nicht selbst vernichtet hat, verbleibt doch der Zyklus nach Texten aus Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ unter selbstkritischem Vorbehalt „Manuskript nicht für den Druck geeignet“ der Nachwelt erhalten, genauso das dem Goethe-Zyklus vorangestellte, während seiner Leipziger Studienzeit entstandene „An den Mond“. Der Schöpfer über 600 heute noch mehr oder weniger bekannter Werke gilt neben Antonín Dvorák und Bedrich Smetana zu den wichtigsten tschechischen Komponisten. Im böhmischen Scheborschitz als Förstersohn geboren, die Mutter war deutschstämmige Wienerin, erfährt der musikalisch Hochbegabte und von frühester Jugend an Literaturbegeisterte seinenTalenten entsprechende Förderung. Klavierstudium in Wien, Komposition bei Smetana in Prag, weitere Studien in Leipzig, Paris und in Mannheim bei Vinzenz Lachner. – Literatur deutscher Klassiker, erstrangig Johann Wolfgang von Goethe war Inspirationsquelle zahlloser Liedvertonungen. Fibich soll in stundenlangen Monologen in Versform sein Publikum unterhalten haben. Um jedoch der Goethe-Text-Vertonung in der Originalsprache in diesem neu edierten Zyklus auf die Spur zu kommen, scheint bemerkenswert, dass gelegentlich sowohl die Sprachbetonung als auch der Wortrhythmus den Melodie­fluss bremst. Sämtliche Liedtexte sind ins Tschechische und Englische übersetzt und können gegebenenfalls der Melodiestimme unterlegt werden. Die sprachlich-musikalische Deklamation fordert von den Interpreten immenses Einfühlungsvermögen. Amplitude von kleinem a bis f‘‘. Am ehesten sind die Liedvertonungen seinem Pionier, ebenfalls Komponist und Literat, Robert Schumann vergleichbar. Auch er vertonte Gedichte aus Goethes „Wilhelm Meister“, die dem jugendlichen Leipziger Konservatoriumsstudenten Zdenek Fibich vermutlich nicht entgangen sind.

Hanns Eisler: Ernste Gesänge für Bariton und Streichorchester. Klavierauszug: Tobias Faßhauer. Texte: Friedrich Hölderlin, Berthold Viertel, Giacomo Leopardi, Helmut Richter, Stephan Hermlin. Deutscher Verlag für Musik/Breitkopf & Härtel DV 6089; ISMN 979-0-2004-6499-3

Hanns Eisler, genialer Komponist, Allrounder, stellte sich zeitlebens der für ihn endscheidenden Frage: Für wen mache ich Musik? Die Antwort findet sich in einer bunten Palette exemplarischer Kompositionen: schlichte Harmonik für Arbeiterchöre, Einsatz zwecktauglicher Mittel für Kabarett und Film, kaum überschaubare Fülle kompositionstechnischer Mittel in mehr als 500 Liedvertonungen und nicht zuletzt in der experimentell schöpferischen Vielfalt seiner Orchester-, Kammer-, Klaviermusik, welche zu seiner Zeit bei Uraufführungen avantgardistischer Musikfeste von hervorragender Bedeutung nicht wenige Gemüter erregten. Hüben wie Drüben. Die Partitur zu den „Ernsten Gesängen“ war erst einen Monat vor Eislers Tod, „Meiner Frau Steffi“ gewidmet, fertiggestellt worden und das sicherlich nicht mit dem Gedanken an ein Werk des Abschieds (UA Dresden 1963 zum 1. Todestag des Komponisten). In der Textauswahl des Lieder-Zyklus spiegelt sich die Desillusion gesellschaftlicher Umstände: „Herbst der Politik“, mehr noch die individuelle Thematisierung des Alters: „menschlicher Herbst“. Seiner Äußerung zufolge habe ihm die Anordnung der Lieder die größte Mühe gemacht, er betrachte sie als „psychischen Prozess von Besinnung – Überlegung – Depression – Aufschwung – und wieder Besinnung. Man kann sie beschreiben, besingen oder auch referieren“. Auffallend ist, dass nicht Bert Brechts, sondern Friedrich Hölderlins Gedichte dieses Vermächtnis inspirierten. Hanns Eisler fühlte sich in Einklang mit Hölderlins humanistischer Weltsicht nebst kritischer Zeitgeistbetrachtung. Eislers Leitfaden zur Interpretation: Der Sänger möge durchweg freundlich, höflich und leicht singen, um die Inhalte eher zu referieren als auszudrücken, er sollte künstliche Kälte, falsche Objektivität, Ausdruckslosigkeit vermeiden. Diese Anweisungen bewegen sich auf der Spur der Brecht‘schen von Pathos befreiten Dramaturgie. Der Zyklus ist auf die Intensität des Gesangs hin komponiert. Sowohl nominelle als auch formale Reminiszenzen an die „Vier ernsten Gesänge“ von Johannes Brahms rücken ins Bild. Stilistische Vielfalt, unterschiedliche Entstehungszeiten der Stücke fokussieren Eislers Zyklus auf ein atmosphärisch vom Expressionismus getragenes intensives Hörerlebnis, Stephan Hermlins „Epilog“ insbesondere. Die Andeutung des Bearbeiters lässt ahnen, wie mühevoll die Reduzierung des Streichersatzes auf den Klavierauszug gewesen sein mag. Die Handreichung für den Sänger zum Studium dieses Werkes, eventuell auch für den Konzertgebrauch, ist äußerst verdienstvoll.

Mieczyslaw Weinberg: Hinter der Schwelle vergangener Tage. Gesangszyklus op. 50 für Mezzosopran und Klavier nach Gedichten von Alexander Blok (russisch). Peermusic classical 4033; ISMN 979-0-50187-217-6 | Die Sänger der Vorwelt op. 32. Elegie für Bariton und Klavier nach Versen von Friedrich Schiller (russisch). Peermusic classical 4020, ISMN 979-0-50187-213-8

Friedrich Schiller – „Die Sänger der Vorwelt“: „Sagt, wo sind die Vortrefflichen hin, wo find ich die Sänger, / die mit dem lebenden Wort horchende Völker entzückt?“ Sagt, wo sind die Volltreffer auf der Suche nach Textübersetzungen hin, wo finden sich Hinweise zu Textinhalten, um mit lebenden Worten Völker zu entzücken? … Die Transliteration der kyrillischen Schriftzeichen, die dem Notentext dankenswerterweise unterlegt ist, trägt viel zur Lesetechnik, wenig jedoch zur sinngemäßen, authentischen Interpretation dieser wunderschönen Lieder bei.Die Verse von Schiller lassen sich bei Bedarf googeln, die Poesie des früh verstorbenen russischen Symbolisten Alexander Blok nur fragmentarisch. Somit sind die Liedtext-Übersetzungen in Englisch, Französisch und Deutsch unverzichtbar. Vortreffliche „Sänger“ lassen sich mit Sicherheit beim Studium gedruckter Schriftzeichen finden, aber deren Ziel krönet das lebende Wort semantisch, um es den horchenden Völkern entzückt zu singen.

Gilead Mishory : Lider-Togbukh. Lieder-Tagebuch – Song Diary. Nach jiddischen Gedichten von Abraham Sutzkever für Stimme und Klavier. Sprache: jiddisch. Textübersetzungen auf Extrablatt: deutsch – englisch. Peermusic classical 4097; ISMN 979-0-50187-310-4

Gilead Mishorys Zyklus „Lider-Togbukh“ wurde als Auftragswerk der Stadt München komponiert und 1998 vom Autor selbst im Literaturhaus München uraufgeführt. Der 60 Minuten dauernde Zyklus kann von einem/r Sänger/in oder auch Schauspieler/in, wahlweise auch in gekürzter Form zur Aufführung kommen. Mishory vertont 13 Gedichte von Abraham Sutzkever in Jiddisch, der Sprache seiner Großeltern. Die Auswahl der Verse führt den Zuhörer durch den Tag des Dichters. Mit existenziell gestellten Fragen an sich selbst, Fragen künstlerischer Schöpfung, Fragen an den Schöpfer der Welt, sowie des Überlebens während des Holocaust, Schmerzen und Tod, setzen sich die Liedtexte, inhaltlich und poetisch beispiellos, auseinander. „Jehi“ ist das einzige an eine Tonart gebundene Lied, außerdem nur eines von zweien im gesamten Zyklus mit sorgfältig ausgesetzter Melodiestimme. Minimale Klangfiguren leiten als 20-taktiges Vorspiel des „Garten-Eden-Liedes“ den auf relative Tonhöhenangaben notierten Sprechgesang und Gesang ein. „Musik ist hier“ ist möglicherweise inspiriert von Arnold Schönbergs melodramatisch bedeutungsvollem „Pierrot lunaire“. Schließlich erwächst aus sprudelnder Quelle kunstvoller Poesie des Komponisten ein Riesensammelsurium schöpferischen Gestaltens. Keines dieser 13 Lieder gleicht dem anderen weder text­inhaltlich noch in der Notation. Ihr Geheimnis, Humor, Witz, Zuversicht, Poesie, Musik gehen unter die Haut.

Morten Lauridsen: Ya eres mía (Now You Are Mine) for Tenor or Baritone Voice and Piano. Text: Pablo Neruda; Sprache: spanisch; Englische Übersetzung im Vorwort: Dana Gioia. Peermusic classical HL00279984

Morton Lauridsen ist in den USA vor allem als Vokalkomponist bekannt. „Ya eres mía“ wurde für gemischten Chor und Klavier vertont, später für unterschiedlichste Besetzungen bearbeitet. Mit leisen Tönen, minimal, emotional gestalteter Melodie (kleines a bis e‘‘), folgt der Komponist der künstlerischen Formgebung, dem Sprachklang innigster Liebeslyrik des weltbezogenen Polit-Poeten Pablo Neruda („Ruhe mit deinem Traum in meinem Traum“ aus den „Sonetos de Amor“). Er widmete selbige seiner Frau Matilde. Tief empfundene Betrachtung!

 

 

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