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Szenenbild Die „Krönung der Poppea“ am Theater Bremen. Premiere am 18. Juni 2023.

Die „Krönung der Poppea“ am Theater Bremen. Premiere am 18. Juni 2023. Marie Smolka und Chor des Theaters Bremen.

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Wo Liebe auf Verbrechen beruht … Claudio Monteverdis „Die Krönung der Poppea“ am Theater Bremen

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In der Oper erlebt man ja immer wieder Neuauflagen einer auch musealen Gattung. Das wird noch unterstützt durch ein bestimmtes Publikum aus Hohes-C-Fans bei Tenören und Koloraturbegeisterung für Sopranen. Dabei hat die Oper nur eine Chance, um ein aktueller und relevanter Kulturbeitrag zu sein: die Opernszene sollte in jedem Augenblick überbringen können, warum dieses oder jenes Werk in diesem Augenblick genauso gemacht wird.

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Zu den nicht allzu vielen RegisseurInnen, denen das mit einem Theaterinstinkt ohnegleichen gelingt, zählt Tatjana Gürbaca. Mit der Aufführung „L’Incoronazione di Poppea“ von Claudio Monteverdi ist ihr jetzt in Bremen wieder – nach zahlreichen weiteren Arbeiten – ein mitreißender Wurf gelungen. Mord, Neid, krimineller Ehrgeiz, Betrug, Opportunisms und vieles anderes mehr aus dem Leben des brutalen römischen Kaisers Nero sind gar nicht mehr so weit entfernt von uns, denn Gürbaca macht eines: sie erzählt nicht nur die Geschichte aus dem ersten Jahrhundert nach Christus, sie fragt immer tiefer, wie es denn in den einzelnen Seelen der Menschen einer Gesellschaft aussieht, die jede Moral und jedes Gewissen verloren zu haben scheint.

Nero und die Prostituierte Poppea morden sich nach oben, räumen alles aus dem Weg, was ihrer Liebe im Weg steht: Neros Frau Ottavia wird verbannt, Poppeas Mann Ottone muss sterben, ebenso dessen neue Freundin Drusilla, die zunächst erfolgreich die höfischen Intrigen lernt. Poppeas Amme Arnalta wird von Poppea erstochen. Neros Lehrer Seneca wird in den Selbstmord getrieben, da seine moralischen Lehren bei Nero nicht mehr ankommen. Er aber hat das Monster erzogen und so lebt sein Geist über dem ganzen System weiter, er ist es, der am Ende fast genüsslich die Blutspuren überwacht – und dazu eins der schönsten Liebesduette der Operngeschichte. Auch Poppea steigt mit einem stummen Schrei in die Blutwanne. Mit diesen historisch verbürgten Figuren – das Libretto von Francesco Busenello nach den Annalen des Tacitus – gibt es für Gürbaca in dem 1642 entstandenen Werk keine Nebenrollen.

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Alle sind Antihelden und die seelische Nacktheit der Figuren wird erschütternd ausgespielt: Die explosive Ulrike Mayer als hedonistischer Nero, verrückt geworden in seiner Macht und seiner Lust daran, Marie Smolka als grelle rothaarige Poppea, die zunehmend sich nicht über ihre Liebe freut, sondern, nachdem alle tot sind, weinend und zitternd zusammenbricht. Der sängerische Facettenreichtum von Mayer und Smolka ist überwältgend. Der Altist Dmitry Egorov überzeugt als klangschöner verzweifelter Ottone. Constanze Jader als Ottavia gestaltet eine eine hochaktuelle Männerabrechnung, ihre zentrale Arie, deren stotternder Anfang „A-A-Addio Roma“ zählt zu den Höhepunkten der Poppea-Musik. Elisa Birkenheier ist eine zunächst lebenslustige, dann zunehmend Ottone hörige und unterwürfige Frau und Christian Andreas Engelhardt mit seinem unschlagbaren Spielwitz eine ziemlich machtvolle Amme. Über allem Christoph Heinrich als Seneca: alles entstammt seiner Erziehung, er ist nach seinem Tod weiter leitender Geist und sein Leid ist seine Liebe zu seinem „Produkt“ Nero. Ihm und allen anderen sind neben den sängerischen großartige, hoch differenzierte schauspielerische Leistungen zu bescheinigen, die aus einem auch historischen Schinken ein böses mehr als aktuelles Kammerspiel machen. Dem Ausstattungsteam mit Klaus Grünberg (Bühne) und Silke Willrett (Kostüme) ist es zudem überragend gelungen, das historische Ambiente zu verlassen und mit faszinierender Fantasie den Raum und die Kostüme mehr oder weniger abstrakt herzustellen, so dass die seelischen Abgründe nur umso deutlicher werden.

Die musikalische Leitung hatte Christoph Spering, der sich auf die neuesten Funde bezog: es gibt nur ein Streichquartett, zwei Theorben, zwei Cembali und einen Kontrabass. Beides ist aufgeteilt in zwei Gruppen, eine links von der Szene und eine rechts. Das ist natürlich ganz etwas anderes als die bisher üppigen Arbeiten von Nikolas Harnoncourt und René Jacobs. Die Fassung ist anfällig für eintönige Passagen, erlauben aber bestens den Kammerspielansatz der Szene. Langer, anhaltender Beifall.

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