Diese Choralzeile kommt einem in den Sinn, wenn man an den unerwarteten Tod des Komponisten, Pianisten, Pädagogen und musikalischen Weggefährten denkt. Rudi Spring starb am 28. Dezember auf der Rückreise aus seiner Heimatstadt Lindau nach München, wo er seit den 1980er-Jahren gelebt und gearbeitet hat. Er hinterlässt ein beeindruckendes kompositorisches Werk sowie ein ebenso umfangreiches Vermächtnis als Interpret und Pädagoge.
Rudi Spring. Foto: Christoph Hellhake
Zum Tod von Rudi Spring
Wer sich mit der musikalischen Persönlichkeit Rudi Spring auseinandersetzen möchte, dem sei die Lektüre seines 197 Seiten umfassenden Werkverzeichnisses empfohlen, in dem sich unter anderem ein Werk mit einem Bezug zu der eingangs erwähnten Choralzeile findet (Opus 76/3). Das Opusverzeichnis beinhaltet nicht nur eine äußerst präzise und sorgsam gepflegte Werkliste, sondern gewährt mit zahlreichen Querverweisen und Anmerkungen noch viel mehr Auskunft und Einblicke in seinen musikalischen Kosmos; ebenso die ausführliche Monografie „Komponist, Pianist und Pädagoge“, die anlässlich seines 60. Geburtstags von vielen Freunden und ehemaligen Studierenden verfasst wurde und all die Facetten seiner künstlerischen Arbeit beleuchtet. Sie wurde nun viel zu früh zu seinem Vermächtnis.
Sein Werkverzeichnis, das mehrere hundert Einzelwerke in 102 Opus-Nummern sortiert, kann als musikalisches Tagebuch gelesen werden. Es beginnt mit einer Sonatine als Opus 1, die er auf Anregung des Cellisten Heinrich Schiff für Violoncello und Klavier umarbeitete. Op. 1a spannt dann einen weiten Bogen vom Entstehungsjahr 1978 bis zu Neufassungen für verschiedene Kammermusikkonstellationen, die zum Teil bis heute Bestand haben. Folgt man der Werkliste, so finden sich die Namen der zahlreichen musikalischen Weggefährt:innen, die nun alleine zurückbleiben. Man erahnt die Leerstelle, die ohne den Komponisten, Kammermusikpartner, genialen Programmgestalter und, wann immer nötig, fleißigen Arrangeur bleibt.
Eine ebenso große Lücke werden auch die Studierenden spüren, die nun nicht mehr seinen präzise vorbereiteten und oftmals auch schriftlich aufbereiteten Unterricht erleben können. Hier wird sein ganz besonderer Arbeitsethos am deutlichsten sichtbar: Rudi Spring hat jedes (!) Lied, das er in seiner Liedklasse unterrichtet hat, vortragsreif einstudiert. Dieser höchste Anspruch, den er auch von anderen einforderte, ließ ihn manchmal den steinigeren Weg beschreiten.
Gerade in einer Zeit, in der die klassische Musik im Allgemeinen und die sogenannte zeitgenössische Klassik im Besonderen vor großen Herausforderungen stehen, wird Rudi Spring fehlen, der unbeirrbar seinen Idealen folgte.
„Erst wenn Sinnlichkeit und Struktur sich die Waage halten, also nicht zu Mustern erstarrt sind, wird Musik zur Sprache“, formuliert es Spring selbst in seinem Werkverzeichnis. Aus dieser Haltung heraus und stets mit ungeheuer präzisem musikalischen Vokabular entstand Musik für nahezu alle musikalischen Gattungen (mit Ausnahme längerer symphonischer Musik und des Musiktheaters), die nie leugnet, dass ein Erzmusikant an ihrer Schöpfung beteiligt war.
„Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt“ – so beginnt die letzte Strophe des Bonhoeffer-Gedichts „Von guten Mächten“, dessen Vertonung Rudi Spring von 1983 bis 1988 beschäftigte. Gerade dieses Chorwerk, das die oft in seinem Werk verwendeten Naturintervalle sehr behutsam einbezieht und trotz aller harmonischer, rhythmischer und melodischer Herausforderungen nie das Wesen einer Chormotette leugnet, hätte es verdient, von der Welt gehört zu werden und den Weg ins Repertoire zu finden. Am Ende des veröffentlichten Werkverzeichnisses steht als Opus 101b das Werk „Trost. Kleine Suite“ für Bariton, Alt und Streichtrio, welches das gleichnamige Schubert-Lied einschließt und dessen letzter Satz den Untertitel „Vergessen?“ trägt. Noch nicht vermerkt ist darin sein letztes Werk „An der Grenze“. Diese Grenze hat Rudi Spring nun vor uns passiert. Adieu!
- Share by mail
Share on