„Heute findet jede Zeitung größere Verbreitung durch Musikkritiker. Und so hab auch ich die Ehre und mach jetzt Karriere als Musikkritiker. Ich hab diesen Posten schlau erbeutet, und ich hasse nichts so wie Musik. (…) Ja: Wartet nur, ihr sollt es büßen, nieder zu den Füßen des Musikkritikers!“. 1959 brachte Georg Kreisler seine ätzende Parodie über die Feuilletonisten und Rezensenten heraus.
Dominique Horwitz in der Bagno-Konzertgalerie: Sind Rundfunkaufnahmen bald Geschichte? Foto: © Matthias Schröder
Die Kunst der Kritik
Mit seinem Lied reihte sich der Wiener Komponist und Sänger in die Reihe großer Künstler ein, die den Beruf des Kritikers verspotteten oder gar verunglimpften, darunter die Schriftsteller Hermann Hesse und André Gide. Große Literaturkritiker wie Marcel Reich-Ranicki oder Walter Jens, Theaterkritiker wie Alfred Kerr und Musikkritiker wie Eduard Hanslick oder Joachim Kaiser konnten Karrieren befördern oder vernichten, sie initiierten und prägten Diskussionen über den Stellenwert eines Werkes oder die Qualität einer Interpretation in den Feuilletons der Zeitungen und in den Kultursendungen in Radio und TV. Auch in den letzten Jahren lösten Kritiken bundesweit beachtete mediale Debatten aus: 2020 erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel über den Pianisten Igor Levit, der von vielen Lesern und Journalisten als antisemitisch und als polemische Anfeindung verstanden wurde, so dass sich die Chefredaktion der SZ schließlich entschuldigte. Kritiken und Rezensionen seien „Scheiße am Ärmel der Kunst“ erklärte 2021 die Intendantin des Hamburger Schauspielhauses Karin Beier gegenüber dem Deutschlandradio. Und ebensolchen Hundekot schmierte 2023 der damalige Chefchoreograph und Direktor des Staatsballetts Hannover, Marco Goecke, der Tanzkritikerin der FAZ, Wiebke Hüster, ins Gesicht.
Wenn es nun aber Debatten um und über Kultur heutzutage immer noch auflagenstark ins Feuilleton und werbewirksam in die sozialen Medien schaffen, fragt man sich, warum sich die Kulturberichterstattung auf dem Rückzug befindet? Der britische Film „The Critic“ über einen berühmten und gefürchteten Theaterkritiker des Londoner Daily Chronicle lockte 2025 Tausende in die Kinos, während zeitgleich Musikzeitschriften wie die Popmagazine „Spex“ und „Intro“ oder der britische „New Musical Express“ vom Zeitschriftenmarkt verschwinden. Verleger begründen dies mit gestiegenen Energie- und Papierkosten, einem sinkenden Anzeigenmarkt, weniger Abonnenten und gestiegenen Tariflöhnen. Printangebote werden vermehrt in digitale Produkte umgewandelt. Das Problem: feuilletonistische Formate lassen sich nicht einfach ohne Qualitätsverlust übertragen, erst recht nicht auf Social-Media-Kanälen, wo Storys und Videos immer kürzer werden: Häppchenkultur statt Tiefgang.
Der Kölner Musikwissenschaftler Rainer Nonnenmann konstatierte bereits 2015 in der Zeitschrift „MusikTexte“ (Ausgabe 144): „Die Rolltreppe abwärts in die Bedeutungslosigkeit wird zusätzlich angetrieben durch den Umstand, dass nicht nur in Hörfunk und Fernsehen, sondern längst auch in der Kulturberichterstattung von Tageszeitungen und Internetportalen das Quotendenken um sich gegriffen hat. Die Relevanz eines Ereignisses wird nicht mehr primär nach dessen eigener Bedeutung, Qualität oder Einmaligkeit bemessen, sondern nach Größe und Prominenz der Veranstaltung (…)“. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wurde der Sender BR 2 trotz massiver Proteste „modernisiert“, ausführliche Interviews und Reportagen oder Musik, die nicht zum Mainstream zählt, verschwanden zugunsten kleinteiliger Sendebeiträge und Podcasts im Web: Als „Radio TikTok“ betitelte die TAZ den Senderumbau zutreffend. Das Inkrafttreten des Reformstaatsvertrags zum 1.12.2025 hat mit Blick auf die Kulturberichterstattung und Spartensender in den Bereichen Klassik und Jazz massive, negative Auswirkungen: Unter dem Kostensenkungsdruck werden Hörfunk-Wellen reduziert, Digitalangebote und Spartenkanäle zusammengelegt. So wird etwa der Sender MDR-Klassik aus dem Äther verschwinden. Klassikorientierte Inhalte sollen künftig zusammengeführt und ausgetauscht werden, digitale Angebote Radio- und TV-Angebote ersetzen. Die konkrete Folge: Es gibt weniger Vielfalt und Diversität im Sendeangebot.
Der bundesweit bekannte Kabarettist, Moderator und Autor Thomas Philipzen aus Münster sieht dies kritisch: „Wird im Kulturjournalismus eingespart, wird sich Kultur, wenn überhaupt noch, in reiner Berichterstattung wiederfinden. Unsere Demokratie aber braucht so dringend wie nie zuvor eine kritische und reflektierte Auseinandersetzung in aller Komplexität. Kultur im Abbild einer demokratischen Gesellschaft braucht kritischen Diskurs und keine Bewertungssternchen“.
Unstrittig ist, dass kein medialer Weg am Internet und an sozialen Medien vorbeiführt. Vor allem die Zeitungsredaktionen sind großen Umstrukturierungen unterworfen. Autoren und Editoren sind ein preisgünstiger Ersatz für teure Kulturredakteure. Kulturelle und wissenschaftliche Inhalte werden in kürzeren und leicht konsumierbaren Formaten präsentiert. Als Quellen dienen vorgefertigte Artikel von Redaktionsnetzwerken und Presseagenturen, die Kulturseiten verlieren ihr regionales Gesicht.
Anfang 2026 verschwand mit dem Regionalmagazin „Westfalenspiegel“ die älteste Kulturzeitschrift Deutschlands vom Markt. Ein weiterer Paukenschlag folgte kürzlich: Die Rheinische Post Mediengruppe will alle Anteile der Westfälischen Medien Holding AG übernehmen, hierzu zählen die Zeitungstitel „Westfälische Nachrichten“, „Münstersche Zeitung“, „Westfalen- Blatt“, „Westfälisches Volksblatt“ sowie die „Allgemeine Zeitung Coesfeld“ und die Lokalradios im Münsterland. Ein Umbruch in der Medienlandschaft ist nicht mehr vermeidbar. Die Hauptgefahr besteht aber darin, dass immer weniger Redaktionen immer mehr Kanäle bedienen, ob in Printmedien, im Radio oder bei Digitalangeboten. Regionalität, Diversität und Vielfalt verschwinden zugunsten einer Mainstream-Berichterstattung. Dabei ist Kultur kein Lückenfüller, sie stiftet Identität und Zusammenhalt. Wer sie in den Medien unsichtbar macht, schwächt am Ende nicht nur die Kultur, sondern die ganze Region.
- Share by mail
Share on