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Bernd Franke. Foto: privat

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Erkenntnis der Wiederholung

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Uraufführung von Bernd Frankes Oper „Coming Up for Air“ in Leipzig
Vorspann / Teaser

Die Leipziger Oper hat am 14.März wie­der eine Uraufführung präsentiert. Das ist schön, denn das Theater meiner Hei­matstadt fasziniert mich seit meinem zwölften Lebensjahr, als ich meine erste Theatervorstellung, die Oper „Zar und Zimmermann“ dort gesehen habe. Seit­dem bin ich ein Theaternarr und beken­nender Opernfan.

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Die Geschichte des Hauses ist reich an Uraufführungen: „Obe­ron“ (1826) von Carl Maria von Weber, „Der Vampyr“ (1828) von Heinrich Marschner; „Zar und Zimmer­mann“ (1837) von Albert Lortzing, „Jon­ny spielt auf“ (1927) von Ernst Krenek, „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagon­ny“ (1930) von Kurt Weill, Dienstag aus dem Zyklus LICHT (1993) von Karlheinz Stockhausen, Freitag aus dem Zyklus LICHT (1996) von Karlheinz Stockhau­sen, „Paradiese“ (2021) von Gerd Kühr und nun „Coming Up for Air“ von Bernd Franke. Die Story der Oper beginnt in Paris 1898. Eine junge Frau verliebt sich in eine andere junge Frau, es kommt zu Sex. Sie wird beobachtet, zu gewalt­samem Sex mit dem Erpresser gezwun­gen und begeht Freitod in der Seine. An­gerührt von ihrer außergewöhnlichen Schönheit, verfügt der Amtsarzt, ihr ei­ne Totenmaske abzunehmen, die später zum Massenprodukt wird und den nor­wegischen Puppenmacher Pieter 1954 nach dem Unfalltod seines kleinen Sohnes zur Herstellung der ersten Wie­derbelebungs-Puppe inspiriert. Die bei­den Geschichten kommen der schwer­kranken Journalistin Anouk 2018 in Ka­nada zur Kenntnis, die daraufhin neuen Lebensmut schöpft und zu recherchie­ren beginnt, was 1898 und 1954 passiert ist.

Der Dreiakter des Leipziger Kompo­nisten endete mit stehenden Ovationen für den Komponisten und das komplette Team des Hauses. Eine Uraufführung zu stemmen, ist in diesen Zeiten ein wirk­lich großes Wagnis und war nur durch die Unterstützung der Ernst-von-Sie­mens-Musikstiftung möglich. Es mag Zufall sein, dass es in dem Auftragswerk auch um die Luft zum Atmen geht. Denn alle Theater Sachsens plagen seit Jahren finanzielle Sorgen durch knappe Kas­sen bei gleichzeitig steigenden Kosten. Gleichzeitig belastet die angespannte Haushaltslage der Kommunen den Kul­turbetrieb zusätzlich. Aber wir bleiben bitte hoffnungsvoll. Denn schlechte Zeiten brauchen gutes Theater in be­sonderem Maße. 

Der Komponist Bernd Franke wuchs in einem polymusikalischen Elternhaus in Weißenfels nahe Leipzig auf, was ihn sehr geprägt hat: Klassik, Jazz, Improvi­sation, alles war möglich. Danach stu­dierte er von 1975 bis 1981 in Leipzig an der Musikhochschule „Felix Mendels­sohn-Bartholdy“ Komposition bei Sieg­fried Thiele. 1979 gründete er das En­semble „Junge Musik“ in Leipzig. Von 1981 bis 1985 war er Meisterschüler an der Akademie der Künste in Berlin. Seit 1981 lehrte er an der Universität Leipzig, seit 2003 als Professor für Komposition, Tonsatz und Analyse. 

Zur Wende hatte Franke das Glück, Stipendiat in Tanglewood zu werden und dort mit Leonard Bernstein bekannt zu werden, der ihm Unterricht gab und seinen Aufenthalt bezahlte. Die Welt öff­nete sich für ihn genau im richtigen Au­genblick. Es folgten Reisen in die USA, nach Indien, Südostasien, Japan, Tai­wan und so weiter. Wie alle Kompo­nisten, die mit Hans Werner Henze zu­sammengetroffen sind, bei dem er An­fang der 90er-Jahre Privatunterricht nahm, bekam Franke den weiten Blick, der internationale Literatur, Bildende Kunst und Theater, aber auch außer­europäisches Gedankengut in Musik und Philosophie und Kultur aufnahm und individuell verarbeitete. Seine Mu­sik hat nahezu alle Zwänge überwun­den, an der die Neue Musik in den letz­ten Jahrzehnten schwer zu tragen hat­te. Im Textbuch antwortet Franke auf die Frage der Chefdramaturgin Marlene Hahn, in welche Schublade er mit sei­ner Musik eingeordnet werden möchte: „Am besten in keine. Das ist zwar in der jetzigen durchkommerzialisierten Welt völlig anachronistisch, aber ich habe in den vielen Jahren meiner Lehrtätigkeit (…) gesehen, wie viele Biographien und Schicksale von Schulen, -ismen, „Schub­laden“ und Ideologien zerstört wurden. Das hat mich sehr abgeschreckt. Dazu kamen äußerst spannende Anregungen von meinen Studierenden, stundenlange Diskussionen über Hörgewohnheiten, Stile und den Musikbetrieb im Allge­meinen. In diesen Jahren habe ich viel über mich selbst gelernt und reflektiert. Der einzige Komponistenkollege, der mich auf diese Probleme aufmerksam gemacht hat, war Hans Werner Henze.“ 

Franke hat lange nach einem geeig­neten Stoff gesucht, bis ihm die Drama­turgin Hella Bartnig auf den Roman von Sarah Leipciger aufmerksam machte, dessen Titel in deutscher Sprache „Das Geschenk des Lebens“ heißt. In dem Dreiakter „Coming Up For Air“ werden die drei zeitlich und räumlich weit aus­einanderliegenden Schauplätze im er­sten Akt zunächst einzeln eingeführt und danach in zunehmendem Maß mit­einander verwoben. Das Libretto von Jessica Walker muss viele Details aus dem Roman zusammenziehen, andeu­ten oder ganz auslassen. Aber durch die schiere Menge an linear ablaufenden Worten entgeht ihr Text nicht immer der Gefahr, eine Dialogoper zu werden. 

Bernd Franke schreibt gesangs­freundlich, er verwendet für die Solo­stimmen und den Chor günstige, text­verständliche Mittellagen. Natürlich gibt es auch in den Tonhöhen Extreme und erweiterte Gesangstechniken wie das Growling und den Obertongesang. 

Vor allem erfindet der Autor sich eine Art musikalischen Fluss, der die ganze Oper durchzieht, aber nicht die Fort­setzung der naiv-musikalischen Natur­schilderungen des 19. Jahrhunderts à la „Moldau“ darstellt. Er übersetzt die mäandernde kinetische Energie des im Stück ununterbrochen szenisch vorhan­denen Elementes „Wasser“ in musika­lische Linien von kleingliedrigen Ton­folgen, die sich mal leise murmelnd un­ter die Szenen legen oder grell glitzernd eine rauschhafte Woge musikalischer Brillanz erzeugen. Mitunter verdichten sich diese Linien extrem und erzeugen Assoziationen an tödliche Bedrohung und Angst. Das ist sehr überzeugend ausgearbeitet. 

Franke äußert sich dazu im Pro­grammheft: „Die beiden Elemente Was­ser und Luft spielen in dieser Oper eine wichtige Rolle; in Jessica Walkers Li­bretto wird der Chor als Fluss personi­fiziert. Der Fluss ist der Strom des Le­bens (…). Der Zentralton A ist wie die Wasseroberfläche: A wie Air und Atem, wie Anouk und Axelle, aber auch A wie Angst (…). Um dieses Stück überhaupt komponieren und beenden zu können, brauchte ich einen sehr langen Atem!“ Vierhundert Seiten Skizzen hätte er ge­macht, sagte mir der Autor gesprächs­weise ungefähr ein halbes Jahr vor der Premiere. Da hatte er das Finale des dritten Aktes noch vor sich… 

Der Gesang auf und die Orchestermu­sik vor der Bühne klingen sehr gut aus­gewogen, bisweilen fast ein bisschen jazzig, aber auch artifiziell und virtu­os. Dafür sorgen der Dirigent Matthias Foremny und das engagiert spielende Gewandhausorchester im Graben. Der Komponist hat den drei Hauptfiguren jeweils ein Soloinstrument beigeordnet: Samantha Gaul als der Unbekannten aus der Seine in Paris 1898 ein Solo­cello; dem norwegischen Puppenbau­er Pieter in Karmoy Island 1952 – bril­lant besetzt mit Franz Xaver Schlecht – eine Trompete und der Journalistin An­ouk in Toronto 2015, verkörpert durch GabrielÄ— KupšytÄ— eine Bassklarinette. Ein Extrabravo den drei Orchesterso­listen! 

„Alle Ereignisse in ‚Coming Up for Air‘ sind zeitlos, wiederholen sich im­mer wieder in der Menschheitsgeschich­te, im Großen wie auch im Kleinen, und wir alle haben sie mehr oder weniger selbst erlebt. Lebensfreude, Hoffnung, Liebe, Zuversicht (…), vieles liegt oft sehr nahe beieinander, so auch hier,“ schreibt Bernd Franke im Programm­heft über seinen konzeptionellen An­satz und dieser wurde von Florentine Klepper (Regie) und Dirk Becker (Büh­ne) perfekt auf die Bühne gebracht. Ins­besondere die Ausnutzung der dreige­teilten Drehbühne, aber auch die Um­setzung der Milieus und der Zeitzonen, angefangen bei den sich zunehmend überschneidenden Auftritten, über die Requisiten, dem Licht und den Möbeln, die allesamt mehr und mehr ineinander übergingen und so ein Ambiente von Zeit- und Raumlosigkeit schufen, das den Akteuren viel Platz und viele Spiel­möglichkeiten bot. „An einer Stelle am Ende des zweiten Aktes sprechen alle drei Hauptfiguren wie aus einem Mund, als wären sie durch die Zeiten hinweg miteinander verbunden. Das Berüh­rende daran ist die Erkenntnis der Wie­derholung (…). Das ist tröstlich und he­rausfordernd zugleich“, schreibt Franke im Programmheft. 

Insgesamt sind auf den deutschen Theatern der Gegenwart keine schlech­ten oder mittelmäßigen Leistungen mehr zu erleben. Überall an den klei­nen oder großen Häusern sind Profis am Werk, die alles geben, was sie nur geben können und alles tun, um ge­meinsam Erfolg zu haben. Im Falle von Bernd Frankes Oper war die Lust an der Produktion in jeder Sekunde und an jedem Detail zu spüren und der Er­folg ein überzeugender mit langanhal­tendem Applaus. Dem Werk und dem Autorenteam seien viele Reprisen an anderen Häusern gewünscht und der Leipziger Oper für Mut und Durchsteh­vermögen gedankt. Zum Lortzing-Festi­val treffen wir uns wieder.

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