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Terra Sacra – Earth Suite

Untertitel
Sechs Uraufführungen in der Aula des Neuen Gymnasiums Oldenburg
Vorspann / Teaser

Auch der Geist braucht die richtige Er­nährung – dieses Motto prägte den außergewöhnlichen Konzertabend am 28. November 2025 um 19 Uhr in der Aula des Neuen Gymnasiums Olden­burg. Sechs Uraufführungen von Erich A. Radke wurden von sechs internati­onal bekannten Musiker*innen sowie sieben Schüler*innen des Gymnasiums interpretiert. Dem Publikum bot sich ein eindrucksvoll vielschichtiger Abend zeitgenössischer Musik: verständlich, eingängig, anspruchsvoll und berüh­rend – ohne jede Banalisierung. 

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Eröffnet wurde das Konzert mit dem Werk „Vogelgezwitscher“ für Klavier, Violoncello, Toy Piano und Percus­sion. Christiane Abt am Klavier so­wie Paula Sagastibelza und Dani Ca­talan entführten das Publikum in eine klanglich dichte Waldszenerie voller Vogelstimmen, die immer wie­der abrupt von schroffen Klangclustern durchbrochen wurde. So wurde der rücksichtslose Umgang des Men­schen mit der Natur eindringlich mu­sikalisch reflektiert. Die Tonsprache reichte von zart und poetisch bis dra­matisch virtuos und scharf akzentu­iert – das Publikum war vom ersten Moment an gefesselt. 

Anschließend betrat Dominic Robil­lard mit seiner Konzertgitarre die Büh­ne. Er interpretierte die „Cycle Sona­ta“ mit den Sätzen „Ich kam – Ich bin – Ich werde gehen“. Das Werk gleicht einer musikalischen Paraphrase über die Sinnhaftigkeit des Seins von der Entstehung bis zum Tod. In feiner Ton­sprache entfaltet sich der Gedanke des stetig wiederkehrenden Lebenszyklus. Trotz der existenziellen Tiefe verlieh Robillard der Komposition mit großer gitarristischer Finesse eine spürbare Leichtigkeit. 

Den wohl virtuosesten und zu­gleich provokantesten Akzent des Abends setzte der Bremer Konzert­flötist Richard Schwarz mit „Ecce Homo # Wrong Diet“. Mit spielerisch-ironischer Leichtigkeit und herausra­gender Technik interpretierte er ein Werk voller hintergründiger Anspie­lungen. Die Komposition ist durchzo­gen von Zitaten – von „Der Osten ist rot“ über die amerikanische National­hymne, „Für Elise“, das „Dies irae“ bis hin zum bayerischen Defiliermarsch. Radke wirft hier kritische Fragen zum Umgang von Politik, Eventkul­tur und Medien mit Musik und Künst­lern auf. Schauspielerische Elemente, Marschrhythmen im 5/4-Takt sowie Stimm- und Mitsummeffekte verstärkten die Wirkung eines Werkes, das gleichermaßen nachdenklich stimmte und faszinierte. 

Ein besonderer Moment des Abends war der Toy-Piano-Minimal-Music- Beitrag „Ronald! Play the Toy“ drei­er Schüler*innen des Gymnasiums. Präsentiert wurde das Ergebnis eines Workshops mit Radke vom 21. No­vember, in dem zu musikalischen Aus­drucksformen im politischen Kontext geforscht und zwei Minimal-Komposi­tionen entwickelt worden waren. 

Die simultane malerische Gestaltung verwandelte den Auftritt in ein ein­drucksvolles Multimedia-Erlebnis. Die vertonten Botschaften „Donald! Pay re­spect“, „Donald! Take a part“ und „We don’t need a king“ wurden souverän und selbstbewusst vorgetragen. Die zweite Komposition „Über den Teller­rand schauen – Thinking outside the Box“ geriet zu einem starken Plädoyer für eine offene, liberale, tolerante und vielfältige Gesellschaft. 

Nach der Pause kehrte Dominic Ro­billard mit der Gitarre auf die Bühne zurück und interpretierte das Werk „#Motorisation, Industrialisation und Humanoidic Algorithm“. Thematisch widmet sich die Komposition den He­rausforderungen des modernen All­tags, der fortschreitenden Technisie­rung, der Faszination des industriellen Fortschritts sowie der Auseinanderset­zung mit Algorithmen und humanoiden Systemen. Robillard meisterte die ex­trem anspruchsvolle Partitur mit großer Ruhe, Präzision und Übersicht. 

Den emotionalen Höhepunkt des Abends bildete schließlich die titel­gebende Komposition „Terra Sacra – Earth Suite“, interpretiert vom Duo Stoyanova. Mit technischer Perfektion, feinster Klangkultur und enormer Aus­druckskraft entfaltete sich die ganze Schönheit der Schöpfung – ebenso wie ihre Gefährdung durch menschliche Hybris. Das Zusammenspiel der bei­den Musikerinnen wirkte wie ein ein­ziger Atem, voller Intensität und Emo­tionalität. Das Publikum wurde restlos in den Bann gezogen und auf eine mu­sikalische Reise um unseren Planeten Erde mitgenommen. 

Mit den sechs Uraufführungen ge­lang Radke und seinen Interpret*innen ein wahres Feuerwerk an Emotionen und Anregungen. Die Musik wurde zu einem deutlichen Statement für den Er­halt unseres Planeten, für Demokra­tie und gesellschaftliche Teilhabe. Zu­gleich bot der Abend einen faszinie­renden Einblick in das Schaffen des 71-jährigen Komponisten. 

Das Publikum dankte mit lang anhal­tendem Applaus. Die Reaktionen reich­ten von tiefer Bewegtheit bis zu spür­barer Ergriffenheit. 

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