Albena Petrovics erste Oper „Music in the Dark“ in den Luxemburger Casemates du Bock


(nmz) -
Da ist die Energie eines historischen Ortes, aber auch eine starke Leidenschaft für Literatur, die in der ersten Oper von Albena Petrovic Vratchanska lebt. „Music in the Dark“ ist ein instrumentales Bühnenstück, wo die Rollen gleichberechtigt zwischen einer Sängerin und einem knappen Dutzend Instrumentalisten verschmelzen.
26.06.2016 - Von Stefan Pieper

Vor allem wird die umgebende Örtlichkeit zum notwendigen Aspekt: Die Gewölbe der Casemates du Bock, einer weitverzweigten, alten Festungsanlage im Zentrum von Luxemburg-Stadt, verdichten die psychischen Labyrinthe, welches Albena Petrovics erste Oper nachzeichnet.

Vereinzelt fallen sogar Wassertropfen von der Decke des höhlenartigen Raumes. Sie vermengen sich mit den Tönen, Klangereignissen und vokalen Gesten in dieser ganz und gar ungewöhnlichen Darbietung. Alles kommt aus allen Richtungen – sind doch die französische Sopranistin Donatienne Michel-Dansac und die Spieler des international profilierten Ensemble Lucilin in mehreren Nischen des dunklen Gewölbes verteilt!

Genauso verzweigt mutet die zugrunde liegende Ideenwelt für Albena Petrovics erstes musiktheatralisches Werk an. „Music in the Dark“ hätte zu keinem früheren Zeitpunkt in der Biografie der aus Bulgarien stammenden und schon seit 20 Jahren in Luxemburg lebenden Komponistin, Pianistin und Musikpädagogin entstehen können, scheint hier doch ein komplexer Erfahrungsschatz Voraussetzung zu sein. „Ich bin ich und doch ganz viele“ – und dies aus dezidiert weiblicher Perspektive – könnte man als Grundanordnung dieser Komposition ansehen. So vereint man im eigenen Wesen sehr gegensätzliche Charakterzüge. Dunkel und mit Widerstreit zuhauf geht es zu in der Unterwelt des Bewusstseins. Um so viel Tiefgang zu stemmen, setzt „Music in the Dark“ auf die Konzentration von reiner Musik und verzichtet dafür weitgehend auf optische Inszenierungen – von einigen sparsamen szenischen Effekten und der mächtigen Atmosphäre an diesem unvergleichlichen Ort mal abgesehen …

Tumulthaft wirkt der Prolog, wenn sämtliche Akteure von draußen hereinkommen und sich in hitziger Lautpoesie ergehen, in die sich harte perkussive Schläge mischen. Dann nehmen Donatienne Michel-Dansac und die InstrumentalistInnen ihre Positionen in mehreren Nischen des Höhlengewölbes ein. Dieses wohl profilierteste Luxemburger Ensemble für Neue Musik ist im Herstellen einer präzisen Synchronisierung auch ohne Dirigent souverän genug. Also erzeugen die vielgestaltigsten Klänge und ebenso unberechenbare Vokalparts auf Anhieb einen eigenwilligen Spannungszustand zwischen Kontinuum und Entwicklungsprozess. Selten hat man in gerade mal einer Stunde eine nachhaltigere Auflösung von jedem Zeitgefühl erlebt. Ein ordnendes Metrum wirkt in Albena Petrovics Tonsprache eher hintergründig. Dafür ist ein eigenwillig in sich ruhender, rezitativischer Atem umso charakteristischer.

Bestens präpariert für das fordernde Hörerlebnis in den Luxemburger Kasematten ist, wer die zurzeit vielbeachtete CD mit Klavierstücken von ihr gründlich hören konnte, um nun diese Uraufführung umso verstehender zu mit zu erleben. Alle Hierarchien scheinen aufgehoben: Instrumente und Stimme könnten gleichermaßen selbstständige Akteure sein. Vergleichbare Konzepte von Karlheinz Stockhausen haben auf Albena Petrovic nach eigenem Bekunden eine starke Ausstrahlung gehabt. Hier kann jeder alles sein, wie auch in den verzweigten Netzwerken der Psyche alles miteinander zusammenhängt. Spitze Glockenschläge gleißen durch das Höhlengemäuer der Kasematten. Sphärische Drones einer Bassflöte oder einem Syntheziser reiben sich mit funkelnden Streicherclustern. Holzblöcke pochen beunruhigend. Nudelhölzer rollen über das Fell der Kesselpauke. Eine tiefe Flöte kommentiert das Geschehen, oder es ergeht sich ein Saxofon in hysterischen Flageoletts. Die Leistung von Albena Petrovic besteht in der dezidierten Ausformulierung einer zwingenden Rhetorik mit solch mutig eingesetzten Mitteln.

Einfach fassbar ist dies nicht, aber wirkt trotz aller Sperrigkeit eigentümlich sinnlich. Stimmlich virtuos ist Donatienne Michel-Dansac in diesen ganzen Verflechtungen und Verschaltungen unterwegs. Von jetzt auf gleich wechselt sie zwischen perkussiver Lautpoesie, dynamisch expandierender Koloratur und elegisch träumerischer Linie hin und her. Sirenenhafte Glissandi, die manchmal in spitzes Auflachen münden, gehen einher mit eigenwilligen Zwischenwelten zwischen Sprache und Gesang – man könnte fast an Schönbergsche Melodramen denken.

Was sich unter dieser kaleidoskopartigen Oberfläche inhaltlich abspielt, bleibt weitgehend der eigenen Assoziationsgabe anheimgestellt. Viele Sprachidiome von lateinisch über französisch bis bulgarisch türmt das Libretto auf. Im Kern geht es dabei immer um die weibliche Psyche, nicht zuletzt im Spiegel mannigfaltiger literarischer Ideen: So standen etwa Medea, Persephone und Eurydike Pate – griechische Sagengestalten, von denen jede einzelne schon genug Ambivalenz verkörpert. Aber bei allem Agieren und Reagieren geht es darum, das eigene Ich nicht zu verlieren. An diesem Punkt redet dieses instrumentale und vokale Theaterspiel auch mal deutlich Klartext: „Je Suis …“ – ich bin, ruft, singt Donatienne Michael Dansac, erfüllt von kraftvollem Stolz.

Nach dieser eindringlichen Stunde, die das Zeitgefühl aufgehoben hat, fühlte man sich wie alles andere, nur nicht wie ein konventioneller Opernzuschauer, der aus der Distanz des Plüschsessels ein Bühnengeschehen goutierte. Der raue Charme dieser spektakulären Luxemburger Örtlichkeit und ebenso diese mit nichts vergleichbare Musik und deren treffsichere Raumklang-Inszenierung hatten jeden, der dabei war, zum Teilnehmer werden lassen.

Da wundert es, dass das künstlerische Bespielen solcher Örtlichkeiten in Luxemburg bislang noch Pioniercharakter hat. Denn es gibt hier doch viele hervorragende Möglichkeiten – allein die vielen Burgen, die diesem kleinen, freundlichen und kulturbeflissenen Land ihr Gepräge geben. Inszenierungen, wie diese von Albena Petrovic Vratchanska helfen zu sensibilisieren für die ästhetischen Abenteuer der Neuen Musik und nicht minder für das authentische Erleben historischer Örtlichkeiten über das museale und touristische hinaus!

Das könnte Sie auch interessieren: