Am anderen Ende der Welt – Staatskapelle Halle in Bogotá


(nmz) -
Die Staatskapelle Halle und Josep Caballé-Domenech begeistern, neben der Philharmonische Orchester Bogotá, dem Luzerner Sinfonieorchester und dem Russischen Nationalorchester als Gäste aus Deutschland beim Internationalen Festival für klassische Musik in Lateinamerika!
21.04.2017 - Von Joachim Lange

Für die Musiker der Staatskapelle Halle war das sicher einer der längsten Wege auf einen der obendrein am höchsten gelegenen Arbeitsplätze der Welt! Nicht nur, weil knapp 70 Musiker des Orchesters schon früh um fünf mit zwei Bussen von Halle zum Flughafen nach Frankfurt starteten und den langen Flug und die Zeitverschiebung wegstecken mussten, um am nächsten Tag bei der ersten Probe fit zu sein. (Die Instrumente waren separat angereist – die Pauke und die Harfe allerdings wurden von den Kollegen vor Ort gestellt.) Die kolumbianischen Acht-Millionen Metropole Bogotá liegt 2600m über dem Meeresspiegel, bietet zwar das ganze Jahr stabile Frühlingstemperaturen, aber die dünne Luft merkt man.

Neuland war das für die Hallenser nicht, denn das Orchester und sein GMD Josep Caballé-Domenech waren das zweite Mal zum „Festival International de Música Clásica de Bogotá“ – wie es so schön auf spanisch heisst – eingeladen. Dieses größte Festival seiner Art in Südamerika bietet an 4 Tagen über 50 Konzerte für über 50.000 Zuschauer, darunter auch 11 Konzerte mit freiem Eintritt. Es ist die dritte Ausgabe - die erste hatte die Musik Beethovens zum Schwerpunkt, bei der zweiten, zu der auch die Staatskapelle vor zwei Jahren eingeladen war, widmete sich Mozart. 

Diesmal sieht man an vielen Stellen der Stadt eine freundliche russische Matrioschka mit einem zwinkernden Auge und dem russischen Doppeladler auf dem Bauch. Daneben der Schriftzug „Bogotá es la Rusia Romántica“. Was diesmal auf dem Programm stand, hatten die Veranstalter ohne theoretische Haarspaltereien mit „Russischer Romatnik“ zusammengefasst. Neben einer vollen Dosis Glinka, Borodin, Mussorgsky, Rimsky-Korsakow, natürlich Tschaikowsky und Sergei Rachmaninow gab es dabei auch regelrechte Entdeckungen. Mit einer davon glänzte die Staatskapelle im letzten ihrer drei großen Konzerte unter dem südafrikanisch holländischen Gastdirigenten Conrad van Alpen: der ersten Sinfonie von Mily Balakirev (1837-1910). Die war für die Musiker auch neu und für die Zuhörer eine regelrechte Überraschung mit all dem einschmeichelnden rhythmischen Witz und einem grandiosen Finale. Auf das verstehen sich die Russen ja besonders gut. Da gibt es fast immer einen Handschlag zwischen dem letzten gewaltigen Tutti und dem losbrechenden Beifall des keineswegs elitären, sondern bunt gemischten Publikums. Das ist in Bogotá übrigens in einer Weise aufmerksam und konzentriert, wie man es hierzulande selten erlebt, was auch auf die Musiker inspirierend zurückwirkt.

Da neben den Hallensern, dem Luzerner Sinfonieorchester und dem Philharmonischen Orchester Bogotá auch das Russische Nationalorchester das Konzert-Programm bestimmten, hatte das Ganze auch etwas von einem Wettstreit um den besten russischen Ton. Und bei mindestens drei Konzerten pro Tag auch für die Kondition des Zuschauers!

Im Teatro Mayor, einem modernen, akustisch hervorragenden 1300-Plätze-Theater mit einem ganzen Kulturzentrum drumherum, gab es immer das erste Konzert Mittags um Eins, 16.30 Uhr das zweite und 20.30 Uhr das dritte. Alle so gut wie ausverkauft. 

Unter Caballé-Domench starteten die Hallenser gleich mit Mussorgskis populärer „Nacht auf dem kahlen Berge“ und endeten mit Rimksy-Korsakovs ebenso populärer „Scheherezade". Dazwischen glänzte mit Daniel Müller-Schott einer der besten Solo Cellisten mit zwei Tschaikowski-Stücken für Cello und Orchester. In so einer kulinarischen Mischung waren die Konzerte geschickterweise immer gestrickt. Beim zweiten Konzert der Staatskapelle lieferte Glinka den Auftakt und dann brillierte Alissa Margulies mit Anton Arenskys (1861-1906) Konzert für Violine und Orchester aus dem Jahre 1891. Zu einem Triumph für die Hallenser Kapelle wurde Tschaikowskis 6. Sinfonie. Bei der kurz vor dem tragischen, von Gerüchten umwobenen Tod des Komponisten uraufgeführten „Pathétique“ brachte sich Caballé-Domenech mit einer schon rein körperlich so packenden emotionalen Kraft ein, dass die Musiker gar nicht anders konnten, als gleichsam abzuheben! 

Der GMD dirigierte auch mehrfach das Nationale Sinfonieorchester Bogotá. Im Teatro Colón, einem plüschigen alten Logentheater aus dem 19. Jahrhundert mitten in der Altstadt, stand „Die Schöne und das Biest“ des Malandain-Balletts Biarritzs auf dem Programm. Zu Musik aus Tschaikowskis Sinfonien, Onegin und Hamlet. Der sympathische Mix aus modernen Elementen und goldgewandetem Einherschreiten beeindruckender Tänzer passte wie maßgeschneidert zur Patina dieses Hauses. 

Für das dritte Konzert der Staatskapelle unter Conrad van Alpen gab es neben der Balakirev-Sinfonie als Auftakt das „Capriccio Espagnol" von Rimski-Korsakov und Rachmaninows 2. Klavierkonzert, bei dem der mazedonische Pianist Simon Trpeskci mit Temperament und Virtuosität glänzte. Schon wegen der knapp bemessenen Probenzeit waren die Musiker und der Dirigent von der Gelassenheit und Professionalität des jeweils andern ausgesprochen angetan. 

Wie zu erwarten, hatten die Russen selbst einen quasi genetischen Vorteil, als sie die Schätze ihres nationalen Musikerbes hochpoliert auf den Sockel hoben. Dem Russischen Nationalorchester unter dem faszinierend präzise und mit ganz altmodischer Bewegungsökonomie dirigierenden Mikhail Pletnev war denn auch der Abschluss vorbehalten. Bei der Zugabe, Tschaikowskis „Jahr 1812“ drehte der dann auch so auf, dass man den (aktuellen) Zaren förmlich durch die goldenen Kremltüren schreiten sah ….. Den Atem verschlägts einem bei dieser Musik, so interpretiert, allemal!

Wer übrigens darauf spekuliert hatte, dass die kurz vor Beginn der Reise nach Südamerika kolportierten Nachrichten über die Nichtverlängerung des Vertrages von Caballé-Domenech durch die Stadt, die Stimmung oder gar das künstlerische Niveau der Aufführungen in Bogotá beeinträchtigen würde, hatte sich natürlich getäuscht. Hier sind auf allen Seiten Profis am Werke, die wissen, was der so gern zitierte Satz aus Wagners Meistersingern „Hier gilt’s der Kunst“ bedeutet. Zumal wenn man die Ehre hat, in Südamerika als deutsches Orchester an einem Spitzenfestival teilzunehmen. Nicht zu unterschätzen ist, dass Gastspiele dieser Dimension immer einen Extraeffekt fürs künstlerische Betriebsklima und Selbstbewusstsein und damit auch für die Arbeit vor Ort in Halle mit sich bringen. Bogotá war für die Staatskapelle Halle und für ihren GMD jedenfalls ein großer Erfolg!

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