Am Steuer eines musikalischen Porsche: Die Internationale Meisterklasse des Rundfunkchors Berlin


(nmz) -
Der Rundfunkchor Berlin gehört zu den besten Chören der Welt. Schon seit einigen Jahren wird hier im Rahmen des Projekts „Broadening the Scope of Choral Music“ versucht, immer neue Facetten des Chorgesangs zu finden. Die Internationale Meisterklasse für Nachwuchsdirigenten, die vom 1. bis 6. Oktober stattfand, erweiterte nun diese Ambitionen um eine weitere Komponente.
15.10.2010 - Von Arne Reul

„Mit diesem Chor zu arbeiten, ist wie mit einen Porsche zu fahren, denn der Chor reagiert sofort. Es geht hier darum, musikalische Dinge zu verfeinern und sie den Sängern zu entlocken.“ So sieht der amerikanische Chorleiter Joe Miller die Präliminarien für die Meisterstudenten des Rundfunkchors Berlin. Zusammen mit dem Chefdirigenten Simon Halsey bildete er ein hervorragendes Dozenten-Duo. War Joe Miller mehr für die Vermittlung dirigiertechnischer Kniffe verantwortlich, sorgte Simon Halsey für ein tieferes Verstehen der Musik, verbunden mit erfrischendem Situationshumor.

An den drei Tagen, die der Rundfunkchor den Nachwuchsdirigenten aus sieben verschiedenen Ländern zur Verfügung stand, kam es darauf an, so effizient wie möglich zu arbeiten. Die ersten drei Tage des Kurses galten der Vorbereitung. Nur 20 Minuten pro Tag wurde jedem Meisterschüler für die Arbeit mit dem Chor eingeräumt, um Teile aus dem Deutschen Requiem von Brahms, der Schöpfung von Haydn und Strawinskys Psalmen-Sinfonie einzustudieren sowie zeitgenössische Werke von Britten, Lauridsen und Eric Whitacre. Freilich konnten die jungen Dirigenten bei den meisten Werken schnell auf Aspekte der Interpretation zu sprechen kommen, denn Intonationsprobleme sind bei den Profisängern des Rundfunkchores schnell behoben. Die äußerst freundschaftliche Atmosphäre sorgte dafür, dass sich die Nervosität mancher Meisterschüler rasch legte.

Es war faszinierend zu beobachten, wie jeder Dirigent in kürzester Zeit seinen eigenen Sound ausprägte. Tobias Löbner aus Deutschland z.B. brachte das Kunststück fertig, den Chor bereits nach wenigen Momenten für sich einzunehmen. Durch eine geradezu unwiderstehlicher Gestik und einem Gesichtsausdruck, der jeden Ton zu spiegeln schien, brachte er die Sänger dazu, ihm begeisternd zu folgen. Der erst 22jährige Manoj Kamps aus den Niederlanden wiederum ging Brittens diffizilen „Hymn to St. Cecilia“ sehr analytisch an und erzielte genau damit eine erstaunliche Wirkung. So kamen die aparten Harmonien dieses Werkes wunderbar zur Geltung, ihm gelang es auch dem Chor, der dieses Stück noch nicht kannte, die nachfolgenden Klänge immer schon einige Momente im Voraus anzudeuten. Michael Barett aus Südafrika wiederum verband musikalische Souveränität mit Eloquenz und Humor. Aber es gab auch Raum zum Experimentieren, etwa wenn Matthias Stoffels den 6. Teil des Brahms Requiems äußerst langsam anging.

Die besondere Qualität dieses Meisterkurses bestand darin, dass die Sänger um ihre Meinung gebeten wurden. So bekamen die Dirigentinnen und Dirigenten aufschlussreiche Hinweise. Stoffels Interpretation stellte sich somit, trotz seines interessanten Ansatzes, als selbst von einem Profichor nur schwer aufführbar heraus. Beim öffentlichen Abschlusskonzert, der einen wichtigen Teil dieses Meisterkurses darstellte, verwandelte sich Stoffels schließlich zu einem mitreißenden Dirigenten.

Aufregend war zu beobachten, worauf es letztlich ankommt, wenn man als junger Chorleiter die einmalige Chance bekommt ein solches Spitzenensemble einmal zu leiten. Antwort: Die Profisänger wollen musikalisch angesteckt werden! - Dieser Chor hat ein geradezu triebhaftes Verlangen seine Potentiale zu entladen. Und der Meisterkurs zeigte, dass verschiedene Wege nach Rom führen. Wenn ein Meisterschüler seine Begeisterungsfähigkeit mit viel Enthusiasmus auf die Sänger übertragen konnte, dann war dies genauso Ziel führend, wie die souveräne Gelassenheit eines anderen. Manchmal passierte es, dass ein Dirigent mehr die Musik dirigierte und weniger den Chor. „Wir fühlen uns nicht eingeladen mitzumachen“ hieß es dann von Seiten des Chores. Joe Miller erwies sich in diesem Fall als idealer Dozent, denn er zeigte seinen jungen Kollegen, wie man es besser schafft, mit dem Chor in eine direkte Kommunikation zu treten. Allein eine gerade Haltung und offene Armbewegungen wirkten Wunder.

Aufschlussreich ist Millers optimistisches Fazit, denn es verdeutlicht den umfassenden Anspruch dieses gelungenen Meisterkurses: „In unserer heutige Welt geht es darum, die Belange der Kunst neu zu durchdenken. Dafür braucht es Energie und neue Idee. Die Begeisterungsfähigkeit dieser jungen Talente wirken ermutigend, denn hier zeigt sich, wie sich durch Chormusik und ihrer Interpretation Dinge verändern lassen.“

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