Amerikanische Schmetterlingsjagd à la Puccini – Oper Leipzig wagt sich erneut an „Madama Butterfly“


(nmz) -
Nagasaki und die USA, das ist nicht erst seit dem Atombombenverbrechen vom August 1945 Ausdruck einer selbstgerecht rücksichtslosen Politik. Schon gut ein halbes Jahrhundert zuvor war die erzwungene Öffnung japanischer Häfen und Handelswege der schlechte Beweis von imperialem Gehabe. Aus dieser Zeit stammt die Vorlage für Giacomo Puccinis 1904 uraufgeführter Oper „Madama Butterfly“, deren Aktualität bis heute kaum durch irgendwelche Inszenierungstricks hervorgehoben werden muss.
18.03.2015 - Von Michael Ernst

Was fatal ist, denn momentan reicht es ja schon, Hiroshima, Nagasaki oder den Vietnam-Krieg zu erwähnen, um des Anti-Amerikanismus bezichtigt zu werden. Wie ungerecht diese Welt ist, haben in besonderer Weise immer wieder die Gerechtigkeitsfanatiker erfahren müssen.

Puccini ist gewiss kein Amerika-Feind gewesen, hat in seiner „Madama Butterfly“ aber doch mehrere Male die Hymne der USA zitiert, um damit Handlungsmotive deutlich zu überhöhen. Würde der Plot in der Gegenwart geschrieben – Offizier eines US-amerikanischen Kriegsschiffs nimmt sich in einem fremden Kulturkreis ein Mädchen, heiratet es aus Lust und zum Schein, betrachtet es als nettes Spielzeug, das er bei seiner Abreise versetzt –, würde dies wohl als Schwarz-Weiß-Malerei abgetan werden. Doch hier wird auch die andere Seite gezeigt: Die Japanerin erliegt dem Militär und allem Glitzerglanz der Neuen Welt, sie erhofft sich eine glückliche Zukunft mit ihm, tritt zu seinem Glauben über, sieht sich ganz als Amerikanerin und wird deswegen von ihrer Familie verstoßen. Vor allem aber glaubt sie tatsächlich verzweifelt an das Wort dieses Hasardeurs, schlägt andere Angebote aus und versteckt ihren inzwischen dreijährigen Sohn vor der Öffentlichkeit.

Als der Krieger dann erneut nach Nagasaki kommt, bringt er nicht den Mut auf, seiner dortigen Frau zu begegnen, denn er hat nun seine „standesgemäße“ amerikanische Gattin dabei. Also schreibt er einen Brief an den US-Konsul, der den Sachverhalt aufklären soll. In geradezu halsstarrigem Stolz wird der Diplomat abgewiesen, die Betrogene glaubt bis zuletzt an ihren Offizier. Erst als der und seine Gattin vom Kind erfahren und es mitnehmen wollen, stürzt das Bild von „Gottes eigenem Land“ vollends zusammen, besinnt sich die Japanerin ihrer Tradition und tötet sich mit demselben Messer, das ihr Vater einst vom Kaiser erhielt, um „ehrenhaft“ aus dem Leben zu scheiden. Harakiri.

Die Oper Leipzig hat „Madama Butterfly“ nun nach relativ kurzer Zeit schon wieder neu gesichtet (ganz im Gegensatz zur seit 1991 immer wieder erfolgreichen „Bohème“ von Peter Konwitschny). 2002 kam die eher selten zu sehende Uraufführungsversion der „Butterfly“ in einer von Robert Carsen übernommenen Version heraus, jetzt hatte als Fassung letzter Hand die Inszenierung von Aron Stiel Premiere. In der Eingangsszene steht da ein angejahrter Jaguar auf der glänzenden Bühne, aus dem der fiese Makler Goro steigt, um Marineleutnant Pinkerton die passende Gespielin zu verkaufen. Von Anfang an sind die Personen klar als Typen gezeichnet, auch die einstige Geisha Cio-Cio San scheint ein Abziehbild zu sein, das sich von den japanischen Traditionen abwendet und zum amerikanischen Girlie mutiert.

Bei näherem Hinblicken sind die Charaktere gar nicht so holzschnittartig gezeichnet, sondern wird die als Butterfly bezeichnete Braut aufgrund ihrer Jugend in familiäre Konflikte geraten. Die Südkoreanerin Karah Son singt und spielt diesen selbstmörderischen Part überwältigend, singt einen kraftvollen Sopran, betört mit feinen Nuancen und erhält für ihre Rollenzeichnung obendrein eine Art Mitleidsbonus. Gaston Rivero darf darauf nicht hoffen, der Tenor aus Uruguay singt mit Schmelz und Schärfe, muss freilich die Feigheit bekennen und wird erst darin zum Menschen. Als Offizier bleibt er ein Monstrum. Der Mädchen-Makler Goro wird vom Kanadier Keith Boldt verkörpert, ein aalglatter und geldgeiler Fiesling, der darstellerisch unangreifbar gelingt. Ein erstaunlich menschlicher Konsul Sharpless ist Mathias Hausmann, dem stimmlich wie mimisch Noblesse nachzusagen ist. Allerdings richtet er bei Butterfly („Pinkerton!“) ebensowenig aus wie Martin Petzold als reicher Japaner Yamadori, der würdevoll Absage um Absage hinnehmen muss.

Einer Vorabendserie entstiegen scheint freilich Pinkertons Gattin Kate, die Carolin Schumann als bitterkalte Wasserstoffperoxid-Superblondine darzustellen hat. Reichlich unglaubwürdig nimmt sich Butterflys Sohn an sich (Künstlerkind Aino Pursio), der beinahe willenlos Folge leistet, obwohl ihm doch just Widerwärtiges angetan werden soll. Susanne Gritschneder als Butterflys Dienerin Suzuki ist eine erhabene Vertreterin ihres Fachs.

Regisseur Aron Stiehl hat weder zu stark auf die Tränendrüse gedrückt, noch lapidar eine Klischeehandlung abbilden lassen. Das Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann ließ er erst in einen zauberhaften Sternenhimmel erhöhen, um es zum Schluss schräg kippen und dann ganz und gar zerreißen zu lassen. Schon längst waren die Pergamentfenster eingeschlagen, weil Butterfly zu amerikanisch mutierte. Keine Basis für dieses fremde Miteinander. Sven Bindseil hat die Kostüme entworfen, die fernöstliche Tradition mit dem Amerika aus früher Nachkriegszeit verbinden, während der (britische!) Jaguar zwei Dekaden später geschaffen worden sein durfte. Auch dieses Detail ein zwar hübscher Ansatz, der aber weder absolut logisch noch ganz konsequent ausgeführt zu sein scheint.

Die musikalische Seite des Gewandhausorchesters hat da mehr überzeugt, denn unter Leitung von Anthony Bramall ist munter aufgespielt worden. Klangfarben und Vitalität kamen zum Tragen, Transparenz und Gediegenheit wirkten von Vorteil.

  • Termine: 22., 28.3., 11., 18.4. sowie 23.6.2.2015

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