An der Schnittstelle zwischen Künstlichkeit und Wirklichkeit – „Der Bajazzo“ am Theater Bremen


(nmz) -
Die junge Opernregisseurin Ulrike Schwab, selbst ausgebildete Opernsängerin, hat in aufsehenerregenden Regiearbeiten schon mehrfach gezeigt, dass ihre Arbeit etwas ganz anderes und Neues zeigt als einfach eine weitere Interpretation einer berühmten Oper. Von Anfang an interessierte sie sich für die Schnittstelle zur Kunst der Performance, was auch mit ihrer Existenz als darstellende Künstlerin zusammenhängen mag. Die Performance macht den Körper der Interpreten selbst zur Kunst.
09.11.2021 - Von Ute Schalz-Laurenze

So hat sie an der Neuköllner Oper Berlin eine Fassung von Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel“ erarbeitet, die sich um Heimatverlust dreht und die in der Presse als „Musiktheaterwunder“ bezeichnet wurde. Und so durfte man jetzt mehr als gespannt auf ihre erste Arbeit in Bremen sein, mit der sie uns ihren Zugang zu Ruggero Leoncavallos „Der Bajazzo“ präsentierte.

Die Dreiecksgeschichte aus dem Zirkusmilieu mit tödlichem Ausgang für das Liebespaar interessiert Ulrike Schwab als Eifersuchtsgeschichte eher nicht (der Harlekin tötet während der Vorstellung seine unausgefüllte untreue Frau). Ihr Fokus liegt von Anfang an auf der Frage, was das Interpretieren fremder Persönlichkeiten mit dem/der Künstler*in selbst zu tun hat und wie es sich dem Publikum vermittelt. So sehen die Zuschauer*innen beim Betreten des Theaters eine Glasvitrine, in der mit schwarzen Gurten festgebunden Nedda liegt. In diesen Gurten singt auch Tonio seinen Prolog, der auch so eine Art Motto für Schwabs Ansatz sein könnte: Wir spielen die Wahrheit. Und wir – das Publikum – sind drin in diesem Lebensspiel: der Chor, krass überzeichnet in bunten Kostümen und Verhalten, postiert im zweiten Rang. Hingegen tragen die Protagonisten eher Alltagsklamotten (Kostüme: Rebekka Dornhage Reyes).

Damit hat Schwab einen Rahmen geschaffen, der es ihr erlaubt, vollkommen ohne krampfhafte theoretische Umsetzungen auszukommen, sondern die fürchterliche Story wie einen Krimi laufen zu lassen: das sind wir, die da spielen und leiden und auch wir sind es, die das erleben. Schwab hatte in einem Interview erläuterte: „Am Schluss der Oper setzen Canio und Nedda ihrer Liebe ein radikales Ende – nicht nur, weil sie sich als Menschen, sondern vor allem auch, weil sie sich als Künstler verloren haben“. Nedda wird blutend als Christusfigur in der Bühnenmitte hochgezogen und bleibt während des Applauses da hängen – für die Aufführung der Gaukler wickelt sie sich in Klarsichtfolie ein. Alles gibt sozusagen eine Nahsicht auf das Innere der Figuren – eben auch jenseits ihrer Kunst.

Dazu hilft ein symbolträchtiges Bühnenbild (Rebekka Dornhage Reyes) mit einer hoch- und runterfahrenden Plattform, die sich auch schräg beugen kann. Das Spiel in Kabinen zeugt von der Eingeschlossenheit und der Abhängigkeit der Menschen von ihrer Tätigkeit. Die Bewegungen sind entweder marionettenhaft oder aber ganz natürlich wie die Freiheitssehnsucht der Nedda, die voller Sehnsucht zu fliegen scheint, was sie in ihrem Vogellied ja auch singt.

Die Bremer Philharmoniker entfalten unter der Leitung des jungen Killian Farrell, der nach drei Jahren in Bremen als erster Kapellmeister ans Staatstheater Stuttgart geht – leider! – ein Feuerwerk an Dramatik und Poesie, noch die größte emotionale Wucht wird mit analytischer Klarheit bestens vermittelt. Neu am Theater Bremen ist die tschechische Sopranistin Marie Smolka, deren makelloser Gesang und darstellerische Intensität in ihrer Debutrolle einen tiefen Eindruck hinterließ. Ergreifend auch Claudio Otelli als Tonio und zufriedenstell, aber etwas blass Luis Olivares Sandoval als Canio (wir haben die dritte Aufführung gesehen). Enorm viel Beifall für eine Inszenierung, die jede/n OpernliebhaberIn neugierig macht für die nächsten Arbeiten von Ulrike Schwab: die nächste wird „Cosi fan tutte“ an der Oper Stockholm sein.


  • Theater Bremen: Ruggero Leoncavallo, Der Bajazzo. Regie: Ulrike Schwab, Musikalische Leitung: Killian Farrell, Bühne und Kostüme: Rebekka Dornhege Reyes. Die nächsten Aufführungen: 12.11. und 18.11. um 19.30 und 21.11. um 15.30

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