Apokalyptische Sexzesse: Die Deutsche Oper Berlin entdeckt Langgaards „Antikrist“


(nmz) -
Erst 1999 gelangte die entstandene Oper „Antikrist“ des faszinierend verschrobenen Dänen Rued Langgaard (1893-1952) zur Uraufführung, die Erstaufführung in seinem Heimatland folgte sogar erst 2002. Die musikalisch satte Partitur tanzt auf den Menschheitsdämmerungsängsten der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Die Deutsche Oper Berlin lieferte eine widerspruchsfrei bejubelte Premiere der spätromantischen Apokalypse, welche der Dirigent Stephan Zilias und der Regisseur Ersan Mondtag Krudes mit kreativer Kraft und schwarzem Humor meisterten. Eine Ensemble-Oper der ungewöhnlichen Art.
01.02.2022 - Von Roland H. Dippel

Ersan Mondtag übt schon mal das großartig Übersinnliche, bevor er sich in Kassel an Webers im Vergleich mit Langgaard weitaus einfacheren „Freischütz“ und in Hannover an Marschners nahezu schlichten „Vampyr“ macht. Gedanklich schwadronierte der Regiedurchstarter im Dialog mit der Dramaturgie vom Hitler-Stalin-Nichtangriffspakt als Wetterleuchten einer Apokalypse-Vision, die er jetzt bei seinem wegen Corona verzögerten und am Sonntagabend endlich zur Premiere gelangten Debüt an der Deutschen Oper Berlin herausbrachte. Mondtags Sicht auf die nicht ganz grundlos erst 1999 in Innsbruck uraufgeführte Oper „Antikrist“ bezieht sich auf Christopher Nolans Film „Inception“ (2010). Doch was man sieht, ist 1920er Jahre pur. Und es tanzen auch schon mal Figuren in Nachahmung von Schlemmers „Triadischem Ballett“.

Wenn jemand sich zu sehr vom allgemeinen Sozialgeschehen abschirmt, sind Schwurbeln oder Genie die manchmal sogar synergetischen Pole der potenziellen Entwicklung. So zu beobachten bei dem dänischen Komponisten Rued Langgaard (1893-1952). Seine Eltern, beide lehrende Musikexperten und überzeugt vom Genie ihres Sohnes, ließen diesem fast ausschließlich im familiären Eigenunterricht eine gute, aber auch recht einseitige Bildung zukommen. Langgaard hatte Anfangserfolge, beflügelt sich durch die sehr positive Identifikation mit Spätestromantik und Frühestmoderne. Er schrieb das von der Oper Kopenhagen angelehnte Opus „Antikrist“ 1923. Sein Textbuch nach dem dramatischen Gedicht von P. E. Benzon und einem populärwissenschaftlichen Buch von Einar Prip unterzog er 1930 einer umfassenden Bearbeitung. Für diese entschied man sich bei der Berliner Neuproduktion. Ab und an springen mit Pathos geschwängerte Sprechsätze aus deren musikalischen Fluss.

Stephan Zilias holt mit dem Orchester der Deutschen Oper nicht zur ganz voll dröhnenden Rauschgestik aus, lässt dafür mit Bedacht die immer satten Klänge flunkern, funkeln und kristallisieren. Es steckt viel Korngold in Langgaard, der das Genüssliche in der Gosse von Verderbnis, Irritation und Zivilisationszweifeln auch licht, leicht und tänzerisch malt. Manchmal schwirren Isoldes Liebestöne und Bassklarinettenläufe à la „Götterdämmerung“ ins Tongemälde Langgaards. Seine Musik ist aus der Perspektive des heutigen Kenntnistands näher an Korngold als an Wagner. Sie hat manchmal kammermusikalische Intimität, immer Melodien für die Stimmen und mehr süffige Opulenz als schreiende Expression. Auffallend ist der Wechsel und die häufige Verwendung einzelner Orchestergruppen sowie der hohe Anteil an instrumentalen Passagen in der Gesamtrelation der 90-minütigen Oper.

Der szenische Gesamtleiter Mondtag macht sich einen Spaß daraus, die Pandemie-verdrossene Menschheit im voll besetzten Zuschauerraum mit den von ihm äußerst vital modellierten Nachtmahren ihrer rationalen Psychen zu äffen. Wenn Mondtag mal von seinen weltgeschichtlichen Rahmengedanken wegkommt, wird seine Inszenierung zu einer phantastischen, skurrilen und fast erotomanischen Enzyklopädie vom kulturellen Ideengut Mitteleuropas in den 1920er Jahren. Er bebildert da offen und unverhohlen, was von George Grosz, Otto Dix und schon früher von Félicien Rops über das fahle Menschenfleisch unter den dünnen Stoffen und in Fratzen angedeutet oder ausgedrückt wurde. Nach der genderfluiden Permissivität kommt die soziale Spaltung – so wird es gezeigt anhand des Anti-Bühnenweihfestspiels von Langgaard. Der von oben herabschwebende Heiland hat eine Vulva, die große Mutter-Hure-Heilige trägt im Gegenzug ein Gemächt.

Bravi! Noch immer ist die Deutsche Oper Berlin ein Ensembletheater, was sich bei solchen Produktionen als prachtvoller Vorteil erweist. In einer mit expressionistischer Buntheit gemalten Straße tummelt sich die Solisten – hergerichtet mit schierer Lust an einer Ästhetik des Hässlichen. Humanoide Fabelwesen entstehen aus Trikots mit aufgemalten Muskelsträngen, unter denen ein stark gefordertes Tanzensemble steckt (Choreografie: Rob Fordeyn). Auch der von Jeremy Bines einstudierte Chor hat einen hörbar hohen Anteil am opulenten Klanggemisch. Die Solostimmen – allen voran Irene Roberts, Flurina Stucki, der eingesprungene Thomas Blondelle, Thomas Lehman und Michael König – bleiben erstaunlich sicher und klar in dieser Walpurgisnacht, die sich mit den sensationellen Kostümen Mondtags und von Annika Lu Hermann zum metaphysischen Satyricon polysexueller Leiber steigert. So gerät Langgaards Musik mehr zur voyeuristischen Genussfreude als zum eindrücklichen Nervenkitzel. Nicht nur deshalb gab es begeisterten Applaus für alle Beteiligten.  

Das könnte Sie auch interessieren: