Aufrüttelnde Einfachheit: Philip Glass' „In der Strafkolonie“ am Theater Hof


(nmz) -
Philip Glass‘ Oper „In The Penal Colony“, uraufgeführt 2000 in Seattle und in Deutschland erstaufgeführt an der Berliner Kammeroper 2002, kommt in der Spielzeit 2019/20 an fünf deutschen Bühnen heraus. Den Anfang macht das Theater Hof in der Übersetzung von Rudolph Wurlitzers Textbuch nach Franz Kafkas Novelle durch Cordula Engelbrecht und Bettina Rohrbeck. Es folgen Ulm, Gera, Erfurt, Augsburg. Roland Dippel sah in einer moderaten Aufführung reichlich Zündstoff.
22.09.2019 - Von Roland H. Dippel

Franz Kafkas kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 entstandene Novelle und das artifizielle Spannungsgefälle von Philip Glass‘ 70-minütiger Partitur zu dieser nehmen gefangen, selbst wenn die Tötungsmaschine des Kommandanten eines Staats außerhalb der EU nicht auf der Bühne gezeigt wird. Der amerikanische Komponist nennt seine brisante Vertonung von „In der Strafkolonie“ ein „Klangwetter, dass sich dreht, umkehrt, umhüllt, entwickelt“. Was für einen Zündstoff das Sujet über hundert Jahre nach seiner Entstehung erst recht durch eine moderate Inszenierung beinhaltet, zeigte das Nachgespräch zur Premiere im Studio des Theaters Hof.

Verstörungspotenzial enthält diese Arbeit des Regisseurs Lothar Krause und des Dirigenten Clemens Mohr reichlich: Die Positionen des seine Impulse zum affektiven Eingreifen unterdrückenden Besucher aus Europa, des sich selbst den Torturen der Tötungsmaschine ausliefernden Offiziers und des hier nicht stummen überlebenden Verurteilten werden in schlichter Konkretheit sinnfällig.

Die von Krause emotional erdachte Visualisierung zu Philip Glass‘ den bohrend in die Gehirngänge dringenden Tonfolgen vermittelt sich hier auch deshalb eindringlich, weil Clemens Mohr die fünf Streicher der Hofer Symphoniker im dreieckigen schwarzen Studioraum immer in gleicher Lautstärke mit den beiden Solisten hält. Mohr will instrumentale Penetranz, kein minimalistisches Kuscheln. Diese akustische Direktheit attackiert, weil sie den Riss zur Sachlichkeit der Diskurse über die Legitimation eines stundenlangen Hinrichtungsvorgangs, den der Verurteilte nach einer Bagatellschuld auch noch mit wollüstiger Schulderkenntnis erleben soll, vergrößert. Selbst wenn man die szenischen Mittel dieser Produktion als zu maßvoll bezeichnen will, erbringen sie den Beweis für die kognitive und emotionale Kraft von Theater. Der mit anerkennenswert lauteren Mitteln geführte Anschlag auf das Publikum mit dem Ziel profunder Betroffenheit gelingt. Mäßigung zählt dabei mehr als moralische Rhetorik.

Einfach ist Annette Mahlendorfs dekoratives Material: Ein schwarzer Tisch, eine technische Skizze, zwei Gläser Rotwein, eine Emailleschüssel. Die Tötungsmaschine ist verdeckt von einer elastischen Leinwand, durch die der Besucher den Verurteilten betastet. Diesem gibt der Schauspieler Jörn Bregenzer, von Glass so nicht vorgesehen, mit Briefzitaten Kafkas eine Stimme, spricht von der ins Gegenteil verkehrten Funktion des menschlichen Paradieses und der Unfähigkeit des Individuums, die Schmerzen der andern zu verstehen.

Krause macht weder den Besucher noch den Offizier zum Charakterschwein. Der Offizier ist ein in schrankenloser Identifikation mit dem Vermächtnis des alten Kommandanten verwachsener Niemand. Der Besucher verschanzt sich zunehmend hinter seiner Rolle des Gastes mit der vorbildlichen Erfüllung sekundärer Verhaltenscodes. Bei ihm verschwimmen die Konturen zwischen Korrektheit, Empörungskick und Gleichgültigkeit. Ein Großteil der Spannung des Abends entsteht aus der Polarität zwischen der körperlicher Präsenz der Darsteller, der Versachlichung existenzieller Grenzbereiche in den Dialogen und Neutralität der Figuren: Der Tenor Markus Gruber zeigt die gepresste Distinktion eines Gustav von Aschenbach, den es statt zum Tod in Venedig zum Tod in der Zitadelle verschlägt. Beklemmender Zug am Ende: Vor seinem freiwilligen Experiment gönnt Krause dem Offizier und dessen Darsteller Andreas Drescher nicht einmal die Selbstopferung als großartigen Augenblick mit Euphorie und Ekstase. Der Gang des Offiziers in die Todesmaschine gerät zur Unauffälligkeit für eine allenfalls periphere Aktennotiz.

Visuelle Entsprechung zur Motorik der Musik gibt es nur im Schwarzweißvideo mit einem Ballett von springenden Nadeln über noch unversehrter Haut. Dieses Detail sagt noch mehr als das Blut im Wasser, mit dem sich der Offizier das Gesicht wäscht.

Keine perfekte, aber eine affektive und gerade deshalb packende Produktion: Denn die Szene und das Ensemble kapitulieren nicht mit ästhetischer Glätte vor Glass‘ hypnotischer Komposition und führen mit allenfalls einer Spur zu filigraner Mittel durch Kafkas sachliche Brutalität. Der Horror vor einer industriell wiederholbaren Todesfolter und der als korrekt dargestellten Gleichgültigkeit werden in Hof zum Angriff auf die Psyche der Zuschauer. Diese Attacke wird geschärft durch den Kontrast einer moderaten Visualisierung und die dem Ensemble abgeforderte musikalische Zudringlichkeit. Das Gelingen dieser Absicht bestätigt stockend-unbehaglicher Applaus, der sich mit Bravi Erleichterung schafft.


  • IN DER STRAFKOLONIE – Theater Hof / Studio: Wieder am So 29.09.2019, 19:30 – So 06.10., 18:00 – Sa 29.10., 19:30 (Premiere = besuchte Vorstellung: Sa 21.09., 19:30) / MUSIKALISCHE LEITUNG Clemens Mohr – INSZENIERUNG Lothar Krause – BÜHNE UND KOSTÜME Annette Mahlendorf – DRAMATURGIE Lothar Krause – DER OFFIZIER Andreas Drescher – DER BESUCHER Markus Gruber – DER VERURTEILTE Jörn Bregenzer – Streichquintett der Hofer Symphoniker

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