Außenseiter in Lederkluft: Jules Massenets „Werther“ am Theater Regensburg


(nmz) -
Mit einer leicht gegen den Strich gebürsteten Inszenierung von Jules Massenets „Werther“ präsentierte Nurkan Erpulat am Theater Regensburg seine erste Opernregiearbeit. Ein Debüt mit gemischter Bilanz und spektakulärem Finale.
24.10.2021 - Von Juan Martin Koch

Mitten hinein in die Diskussionen um mögliche Nichtverlängerungen im Ensemble im Rahmen des Intendantenwechsels zur nächsten Spielzeit – der eine oder die andere Politiker*in scheint in diesem Zusammenhang erstmals einen Blick in den Normalvertrag Bühne geworfen zu haben – brachte das Theater Regensburg Jules Massenets „Werther“ heraus. Den erfolgreichen Schauspielregisseur Nurkan Erpulat für seine erste Musiktheaterproduktion gewonnen zu haben, kann Operndirektorin Christina Schmidt durchaus als Coup verbuchen, wenn das Ergebnis auch zwiespältig blieb.

Erpulats Grundidee ist zunächst einmal plausibel: Werther ist bei ihm als ganz gegenwärtiger Außenseiter in Lederkluft Teil einer Clique selbstmordgefährdeter Jugendlicher („The Crowd“), die zum Vorspiel – ein wenig arg plakativ – sämtliche Formen der Selbstverstümmelung bis hin zum Suizid pantomimisch vorführen. Über die gemeinsame Leidenschaft für Literatur wird Charlotte von Werther in diesen Kreis eingeführt – für sie eine willkommene Abwechslung zum mondän gestylten, klinisch toten Ambiente daheim, wo sich der Vater mit seinen Freunden munter dem Alkoholismus hingibt. Ihrem Verlobten Albert fällt als Mitbringsel nichts besseres ein als eine weitere Topfpflanze fürs säuberlich aufgeräumte Gewächshaus. Im zweiten Akt präsentiert er Charlotte – nun als Gatte – mit gelbem Quasi-Brautschleier vor dem Gesicht als weitere dekorative Blüte.

Das Setting könnte also durchaus funktionieren, nur hat Erpulat (noch) zu wenig Gespür für musikalisch-szenische Schlüsselmomente und weiß leider auch wenig mit singenden Darstellern anzufangen. Vor allem dem jungen Protagonisten hat er offenbar nicht die nötige Hilfestellung geben können, sodass Amar Muchhala schauspielerisch etwas desorientiert wirkt. Sängerisch wächst der aus Indien stammende Tenor nach anfänglicher Nervosität allerdings auf bewundernswerte Weise in die anspruchsvolle Titelpartie hinein. Sein melancholisch verhangenes Timbre passt perfekt, hindert ihn aber nicht daran, schmerzlich-packende Spitzentöne in den Raum zu stellen. Zum berühmten „Pourquoi me réveiller“ drückt die „Crowd“ – größtenteils Studierende der ADK Bayern, an der Erpulat lehrt – die implodierenden Gefühle tanzend aus (Choreographie: Modjgan Hashemian).

Mit ihrer sängerdarstellerischen Erfahrung gestaltet Vera Semieniuk die große Szene der Charlotte zu Beginn des 3. Aktes souverän. Der Ton, mit dem sie ihre Schwester für eine Umarmung zurückruft, geht unter die Haut. Eva Zalengas Sophie ist von makelloser Brillanz, Daniel Ochoas Le Bailli von betörendem Wohllaut, Seymur Karimovs Albert eine Demonstration vokaler Klasse. Dass Nurkan Erpulat die für Alberts Charakterzeichnung entscheidende Szene am Ende des dritten Aktes gestrichen hat, in der dieser Charlotte die Pistolen für Werther übersenden lässt, ist umso weniger nachvollziehbar.

Für den finalen Akt haben er und Ausstatterin Katrin Nottrodt allerdings noch einen bühnentechnischen Clou parat, der die ansonsten szenisch eher in nüchternem Studiobühnenambiente angesiedelte Produktion auf ein neues visuelles Niveau hebt: An den aus dem Schnürboden zunächst weit nach unten gefahrenen Lichtzügen mit Stahlseilen befestigt, entschweben nach und nach nicht nur Streifen des Bodenbelags wie riesige unbeschriebene Briefe in die Höhe. Auch der Flügel, bis dahin stummes Todessymbol, auf dem Werther schon im zweiten Akt auf etwas unmotivierte Weise eine Pistole findet, entschwebt im Hintergrund, einen riesenhaften Schatten werfend.

Dieses Bild kommt so überraschend und eindringlich, dass darüber der intensive Schlussgesang Semieniuks und Muchhalas beinahe etwas untergeht. Einen weiteren Anteil daran hat aber auch Tom Woods, der das Philharmonische Orchester zu detailreichem Spiel animiert, die Lautstärke an vielen Stellen aber nicht genügend zu zügeln versteht. Am Ende großer Jubel für die erste französische Oper seit langem in Regensburg, mit Extrabeifall für die von Matthias Schlier hervorragend präparierten, sehr bühnenpräsenten Kinder des Cantemus Chors.

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