Böhmers und Lunds Musical „Drachenherz“ – Uraufführung in Chemnitz


(nmz) -
Dieses Jahr gelangt das Abschlussprojekt der Musical-Studenten der Berliner Universität der Künste (UdK) wie schon seit Jahren unter Leitung von Peter Lund in Kooperation mit der Neuköllner Oper zur Aufführung. Dort allerdings erst ab 13. Juni 2019, die Premiere der Uraufführung fand am 2. März diesmal in der Oper Chemnitz statt. Auf die erfolgreiche Chemnitzer Produktion von Wagners „Ring des Nibelungen“ versetzen Lund und Wolfgang Böhmer in „Drachenherz“ die Siegfried-Sage als problematisch überfrachtete coming-of-age-Story in die (ost-)deutsche Peripherie.
04.03.2019 - Von Roland H. Dippel

Erst vor einem Monat hatte Wolfgang Böhmer mit Martin G. Berger an der Neuköllner Oper sein Musiktheater „Elfie“ nach Tankred Dorst und Ursula Ehler zur Uraufführung gebracht. Daran merkt man neben der Vielseitigkeit des Komponisten Böhmer auch die Ambition, für jedes Werk ein spezifisches Kolorit und Szenengefüge zu entwickeln. Doch diesmal erreichte die ambitionierte Mischung nicht jenes hohes Level, das man nach Böhmers und Peter Lunds „Stella“, ausgezeichnet 2016 als „Bestes deutsches Musical“, erwartet. Das mit philosophischen Fragestellungen überfrachtete Konzept, eine freie Übertragung der Siegfried-Sage von einem mittelalterlichen Hof in eine pubertierende Clique der Gegenwart, hatte Lund mit den Darstellern entwickelt und auf deren Persönlichkeiten zugeschnitten. Nur mit Hip-Hop-Elementen angereicherter Deutschrock ist auf der musikalischen Seite einfach zu wenig – das Problempathos von Pubertierenden, die klingen wie von Lebensüberdruss infizierte Vierziger, dagegen zu viel. Offenbar hatte man auch Angst vor der zwiespältigen Rezeptionsgeschichte des Nibelungen-Stoffes.

Es fließt nämlich kein Drachen-, sondern Schweineblut, wenn die Clique aus dem fiktiven Deutschhagen in eine Schweinezuchtanlage eindringt erst ein Tier und später Fred, den Sohn des Flüchtlingsheimleiters, töten. Schuld haben nicht nur die Täter, sondern vor allem die stummen Zeugen der Begebenheiten, heißt es einmal. Geschwungen wird also nicht nur das blitzende Taschenmesser, sondern vor allem die moralische Keule. Dabei ist der Ansatz, die Siegfried-Sage als eskalierendes coming-of-age-Stück zu erobern, spannend und bedenkenswert. Mit diesen Jugendlichen könnte man Mitleid haben. Denn gerade ihr Anspruch, ethische Anforderungen aufzustellen und zu erfüllen, lässt sie in die Spirale von unglücklichen sexuellen Erfahrungen, Hadern mit sich selbst und zunehmender Gewalt-Bereitschaft hineingleiten.

Selbst wenn das Resultat von den angereisten Berlinern und vom Premierenpublikum mit lärmendem Jubel aufgenommen wird, lässt sich unschwer übersehen, dass die Studierenden auf der großen Bühne des Opernhauses Chemnitz nicht durch die Nähe und den Off-Bühnen-Charakter der Neuköllner Oper geschützt sind. Die Last der Dialoge, die groben Beats und die Sehnsucht nach Virtuosität signalisierenden Tanzszenen von Neva Howard verschmelzen kaum. Diesen Jugendlichen glaubt man nicht, wenn sie ihre Kontroversen über individuelle Autonomie und sozialen Zusammenhalt auf äußerst hohem Niveau erörtern, aber bei ihren erotischen Erkundungen auf dem Altersspektrum von Teenagern bleiben. Gerade durch die Überfülle angestrengter Begründungen verliert „Drachenherz“ an bezwingender Eindringlichkeit. Dieser blockierte Zugriff auf die starken, groß aufragenden Emotionen des Stoffes lasten auf dem Premierenabend.  

Deutschhagen und Deutschland sind nicht Afrika, das einmal mit den aus „König der Löwen“ bekannten Baumsilhouetten projiziert wird: Ulrike Reinhard begrenzt den Spielraum hinten mit einem aschgrau tristen Wohnblock, manchmal hat man Einblick in Jennys (= Krimhilds) pinkes Mädchenzimmer. Sie (Nicola Kripylo), ihr Bruder Günni als Softie-Weichei mit langen Haaren (Florian Heinke) und der bemerkenswert ungefährlich wirkende Hagen (Johannes Krimmel), der Jenny schließlich bekommt, haben als burgundische Kernsippe um sich stofffremden Zuwachs erhalten. Dieser ermöglicht und bedingt Aktualität. Vorsätzlich ausgelebten Fremdenhass kann man dieser Clique schwerlich zur Last legen, die Befangenheit in Vorurteilen schon. Der integrierte Ausländer Baktus (Karim Plett) hat offenbar zu wenig Energie für die eigene Selbstpositionierung. Der afrikanische Flüchtling Woda (Ngako Keuni) wird mit einer gleichermaßen von Faszination und Abwehr geleiteten Zustimmung aufgenommen. Natürlich geht der auch noch mit einer Schlampen-Mutter gestrafte Schwule Tropi (Timo Stacey) am Ende nach Berlin. Die ansatzweise Bejahung von Klischees und der gleichzeitige intellektuelle Widerstand gegen diese machen den Abend anstrengend.

Anstrengend

Nicht einmal Fred-Siegfried (Denis Riffel) kann sich neben jener Durchschnittlichkeit und den Reibungsmomenten, in denen die Jugendlichen nach gültigen Regeln des Zusammenlebens suchen, profilieren. Dazu hilft auch die Musik wenig. Die harten Beats der „Drachenherz-Band“ geben keine Richtung vor. Das schafft jede Laien-Band auch ohne musikalische Leitung (Hans-Peter Kirchberg). Peter Lund, dem man in früheren Werken viele feinsinnige, witzige und anrührende Momente verdankt, kommt diesmal aus der Schwere und Wucht des eigenen Kopfkinos nicht heraus: Von Woda übernimmt die Clique das Initiatiationsritual aus dessen afrikanischer Heimat, demzufolge man durch Töten und die damit einhergehende Verantwortung über das Todesopfer zum Mann wird. Doch die falsch verstandene Kulthandlung geht gründlich schief: Brüning (Florentine Beyer) und Fred paaren sich mit von Schweineblut bestrichener Haut und das macht als Facebook-Post (Video: Roman Rehor) die Runde.

„Drachenherz“ wurde mit dem Ensemble entwickelt. Natürlich wollen Studierende in einer Abschlussproduktion zeigen, was sie in ihrer Ausbildung gelernt haben. Es liegt also nicht an ihnen, dass jedem Parameter die künstlerische Spitze fehlt: Die Dialoge wirken vergröbert und die Gesangsnummern verflachen ohne die beabsichtigte Tiefenwirkung. Am besten gelingen die choreographierten Gruppenszenen und einige getanzte Songs. Es fällt schwer, für diese Figuren Interesse und Mitgefühl aufzubringen, der engagierte Einsatz des Ensembles ändert daran wenig.

Produktion ist alles andere als prüde

Dabei ist die Produktion alles andere als prüde: Brüning, in der Sage eine Königin in Männerwaffen, fordert die prompt ihre Hosen fallen lassenden Jungen zum „Schwanzvergleich“ auf. Mit Gleichmut konsumieren die Zuschauer das ebenso wie die Dauerattacke durch angerissene Katastrophen und Betroffenheitsanalysen. Emotionale Beteiligung für die hohen Ansprüchen der Autoren fällt schwer.

Der Untertitel „Kein Platz für Helden“ bringt die Lösung: Peter Lund will seine Figuren aus der Klischee-Zone des Tumb-Aggressiven herausbringen, Wolfgang Böhmer hingegen akzentuiert die harte Zwangsläufigkeit des Stoffs mit groben Beats. Das junge Ensemble möchte eigentlich dynamisch drauflos spielen und wirkt in der Verkörperung dieser jungen Figuren trotzdem distanziert: Was für eine bleierne Jugendzeit.

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